Michaela Karl: „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber – Dorothy Parker – Eine Biografie“

Auf die ungeduldige Frage des Verlegers an die frisch verheiratete Dorothy Parker, wann denn mit dem avisierten Artikel zu rechnen sei, kam aus den Flitterwochen nur die kurze, aber vielsagende Entschuldigung: „I’ve been too fucking busy – or vice versa.

Dorothy Parker nahm nie ein Blatt vor dem Mund. Es scheint, als sagte sie stets, was sie dachte. Dorothy Parker und New York, das war zeitlebens eine Einheit. Doch die Ironie des Schicksals wollte es, dass sie 1893 nicht in New York, sondern während eines Ferienaufenthalts ihrer Familie im West End des kleinen Städtchens Longbranch, New Jersey als Dorothy Rothschild geboren wurde.

Dorothys Eltern, Eliza und Henry Rothschild sind mit den berühmten Rothschilds nicht verwandt; dennoch wächst sie in einer gutbürgerlichen Milieu auf, in dem Geldsorgen ein Thema der anderen sind. Dorothys Heirat im Jahr 1917 mit Edwin Pond Parker, einen Wallstreet-Börsenmakler, legt ein weiteres finanzielles Fundament, so dass sich Dorothy Parker ganz dem Schreiben von Kolumnen und der Arbeit als Schriftstellerin widmen kann.

Ihre Theater- und Literaturkritiken sind bissig und für den Stil ihrer Zeit höchst ungewöhnlich. So ungewöhnlich, dass sie 1920 von Vanity Fair gefeuert wird, weil ihre Beiträge als nicht mehr tragbar erscheinen.

Als Enfant terrible der feinen New Yorker Gesellschaft fällt Dorothy Parker immer wieder durch ihre spontanen und geistreichen Bemerkungen auf; mit der Zeit bekommt die junge Frau, die das Zeug hatte, zur geistreichsten Frau ihrer Zeit zu avancieren, den Spitznamen „Smartcracker“.

Doch wo Höhen sind, sind auch Tiefen. Parkers Leben war nicht einfach. Ihre sexuelle Freizügigkeit machte sie zu einer Zielscheibe des gesellschaftlichen Klatsches, und ihre Abstürze in Depressionen und Alkoholsucht wurden zum Anlass für Spott und Ausgrenzung. Dennoch schaffte Dorothy Parker mit ihren vielen Kurzgeschichten und Gedichten, Essays und Artikeln ein buntes Bild der amerikanischen und besonders der New Yorker Gesellschaft.

Wer Dorothy Parkers New Yorker Kurzgeschichten lesen möchte, dem sei ein jüngst im Verlag Kein & Aber erschienenes kleines Büchlein mit dem netten Titel „Morgenstund hat Gift im Mund“ empfohlen, dass wir ebenfalls besprochen haben.

Michaela Karl legt mit „Noch ein Martini und ich lieg unter dem Gastgeber“ eine sehr gut lesbare und spannende Biografie vor, die uns eine amerikanische Intellektuelle des 20. Jahrhunderts nahe bringt, die bei uns zu Unrecht nur wenigen bekannt ist. Das wird sich hoffentlich ändern.

Autor: Michaela Karl
Titel: „Noch ein Martini und ich liege unter dem Gastgeber – Dorothy Parker – Eine Biografie“
Gebundene Ausgabe: 281 Seiten
Verlag: Residenz
ISBN-10: 370173190X
ISBN-13: 978-3701731909

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