Adaobi Tricia Nwaubani: „Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“

Jeder, der eine E-Mail-Adresse hat, kennt diese Mails – und keiner beantwortet sie: „Lieber Freund, wundern Sie sich nicht, dass ich mich an Sie wende. Ich hoffe, Sie sind der Richtige für eine Transaktion dieser Größenordnung. Ich bin ein hoher Beamter aus Nigeria. Ich habe eine große Summe Geld in die Schweiz zu bringen. Ich wende mich an Sie mit der Bitte um Unterstützung. Ihre Hilfe wird reich belohnt werden…

Auch wenn man sich regelmäßig bei einem Blick in den Spam-Ordner fragt, wer auf solchen offensichtlichen Schwachsinn hereinfällt – von Penis-Vergößerungen und Viagra-Versprechungen mal ganz abgesehen –, so muss man spätestens nach der Lektüre dieses Romans der jungen Nigerianerin Adaobi Tricia Nwaubani anerkennend feststellen, dass von der Beantwortung dieser weltweit verschickten Spam-Mails offenbar eine ganze Menge Leute – vor allem in Nigeria – recht gut leben bzw. überleben kann.

Die Autorin erzählt in ihrem wundervoll spritzig und mit einer gehörigen Portion afrikanischer Selbstironie geschriebenen Debüt die Geschichte von Kingsley, der eigentlich ein gutes und ehrliches Leben in seiner nigerianischen Heimat angestrebt hatte. Als Sohn wohl situierter Eltern und mit dem Zugang zu einer guten Ausbildung sollten ihm eigentlich alle Türen offen stehen zu einer erfolgreichen Karriere als Bildungsbürger.

Doch Kingsley lebt in Nigeria, und das sagt schon alles. Hier ist für einen ordentlich arbeitenden Chemie-Ingenieur kein Platz. Zum Glück hat er jedoch seine Familie im Hintergrund, und so kümmert sich fortan sein Onkel, den alle Cash Daddy nennen, um Kingsley’s Karriere.

Schnell wird Kingsley von Cash Daddy und dem illustren Kreis seiner Freunde World Bank, Pounds Sterling und Money Magnet in den „Club der coolen Knete“ aufgenommen. Als bescheidener und zurückhaltend wirkender, junger Mann ist er schnell der neue Star der Scammer. Scammer sind Leute, die professionell durch Massen-E-Mails einen armen Tropf meist westlicher Bauart zu einem Vorschussbetrug verführen.

Wikipedia erklärt das so: „Der Vorschussbetrug bezeichnet den Betrug (englisch scam) mittels Massen-E-Mails (früher: Fax-Massenversand). Es handelt sich um eine Unterart des in Deutschland strafbewehrten Betrugs (§ 263 StGB). Die Empfänger werden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu bewegt, an Schneeballsystemen teilzunehmen oder in Erwartung zugesagter Vermittlungsprovisionen gegenüber den Absendern (den Scammern) finanziell in Vorleistung zu treten. Dem Opfer wird zunächst glaubhaft gemacht, ein enormes Vermögen verdienen zu können. Auf diese Gegenleistung des Geschäfts – Geld oder Waren – wartet der Vorschussleistende vergeblich, weil eine Gegenleistung von Anfang an nicht beabsichtigt war.

Alles klar? Cash Daddy und seine Freunde von der „Nigeria Connection“ verteilen jeden Tag wie mit einer Gießkanne diese Mails über die Accounts der Welt und warten einfach nur darauf, dass in ihren Konten die Kasse klingelt. Das Geld ist schnell wieder ausgegeben.

Das Leben ist einfach und schnell und jeden Morgen fragt sich Kingsley, ob es immer so weiter geht oder ob nicht eines Tages Schluss ist mit diesem wundersamen Geldsammeln. Schnell hat er seine Gewissensbisse abgelegt und sein Leben neu ausgerichtet. Er ist nun ein Gutverdienender, ein „419“ (nach dem relevanten Paragrafen 419 des nigerianischen Strafgesetzbuchs).

Wie diese Geschichte zu Ende geht, erfährt der Leser nach knapp 500 unterhaltsamen und sehr flüssig geschriebenen Seiten. „Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“ sind ein tolles Debüt, das 2010 auch mit dem Commonwealth Writer’s Price ausgezeichnet wurde. Mehr braucht man dazu nicht mehr zu sagen.

Autor: Adaobi Tricia Nwaubani
Titel: „Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“
Taschenbuch: 500 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 9783423248617
ISBN-13: 978-3423248617
ASIN: 3423248610

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