Arno Surminski: „Winter Fünfundvierzig oder: Die Frauen von Palmnicken“

Im letzten Kriegswinter des Zweiten Weltkriegs ereignete sich am ostpreußischen Ende des Deutschen Reiches eine menschliche Tragödie, die lange in Vergessenheit geriet.

In der heutigen Rückschau verbinden wir das Ostpreußen des Winters und des Frühjahrs 1945 vor allem mit den Bildern der Flüchtlinge, die über das zugefrorene Haff mit ihrem letzten wenigen Hab und Gut in Richtung Westen zogen, immer auf der Flucht vor den Russen und ihrem verständlichen Hass auf die Deutschen.

Doch auch in Ostpreußen gab es Konzentrationslager, auch an dieser Flanke des tausendjährigen Reiches wurden Juden und andere Minderheiten systematisch verfolgt, unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten und zum Arbeitsdienst gezwungen und am Ende vernichtet.

Arno Surminski hat sich nun eines weiteren bewegenden und traurigen Kapitels aus den letzten Kriegsmonaten angenommen: dem exemplarischen Schicksal von vier jungen Frauen bei ihrem Weg aus dem Ghetto von Lodz über die Lager in Auschwitz und Stutthof bei Danzig bis in die ostpreußischen Außenlager. Angesichts der heranrückenden sowjetischen Armee wurden diese Lager im Januar 1945 geräumt, die Todesmärsche begannen. Die Frauen von Palmnicken wurden von Wachtmännern durch das verschneite Land zur Ostseeküste getrieben und dort erschossen oder in die eiskalte Ostsee getrieben.

Der Ich-Erzähler begibt sich Ende der Neunziger Jahre auf die Suche nach den Spuren dieser Geschichte. Er möchte herausfinden, ob sein Vater an der Erschießung der 3000 Frauen von Palmnicken beteiligt war. Die Reise nach Osten wird zu einer Reise in die Vergangenheit.

Arno Surminski schreibt in einem packenden und leicht lesbaren Stil. Die Charaktere der Menschen, auf die er während seiner Reise trifft, wirken lebendig und glaubhaft.

Auf Seite 81 springt die Geschichte auf einmal zurück in die Vergangenheit, und wir befinden uns im August 1944 in Palmnicken am Strand. Danach folgt eine Chronologie der Ereignisse rund um das Lager Stutthof und die beginnenden Todesmärsche der Frauen. Wie lakonisch die Sprache des Romans ist, wie müde und abgestumpft die Sinne der Gefangenen auf dem Weg durch die eisige Hölle beschrieben werden.

Surminski stimmt einen ganz bestimmten Ton an, der das Leid der Frauen für den Leser greifbar werden lässt. Während der Lektüre bekommt man einen Eindruck von der Grenzerfahrung des Krieges und der Unausweichlichkeit des Untergangs. Bereits im Sommer 1944 wirkt die Szene am Strand bedrückend und unheilsschwanger. Der Schein trügt nicht. Die heranrückende Front zerstört nicht nur die Heimat, sondern wirft die Menschen in ein Chaos mit unabsehbarem Ende.

Das Leid der Häftlinge vermischt sich auf bedrückende Weise mit dem Leid der Ostflüchtlinge, die vor der Front in den Westen fliehen. Wege kreuzen und Schicksale verbinden sich.

Dann im zweiten Teil beginnt die Geschichte hin und her zu springen zwischen der Vergangenheit und der Reise des Ich-Erzählers auf der Spurensuche nach seinem Vater. Gerade diese direkte Gegenüberstellung macht deutlich, dass auch im heutigen Palmnicken (jetzt: Jantarny) die Vergangenheit immer noch gegenwärtig ist.

Mit „Winter Fünfundvierzig oder: Die Frauen von Palmnicken“ ist Arno Surminski ein packender Roman gelungen, der ein fast vergessenes Kapitel dunkler deutscher Geschichte ans Licht rückt und mit der heutigen Zeit verknüpft. „Winter Fünfundvierzig“ ist ein gutes Buch, das auf Fakten basiert und am Beispiel des Schicksal von vier jungen Frauen zeigt, wie grausam der Zweite Weltkrieg bis zu seinem Schluss war und wie wir auch heute noch immer wieder mit den Schatten der Vergangenheit konfrontiert werden.

Autor: Arno Surminski
Titel: „Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Ellert & Richter
ISBN-10: 3831904219
ISBN-13: 978-3831904211

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