Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Robert Pfaller: „Erwachsenensprache — Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“

Irgendwann hat man aufgehört, mit uns Erwachsenen zu reden, wie man mit Erwachsenen redet. Irgendwann wurden wir zu Kindern degradiert, zu dummen kleinen Menschen, die überall Gefahr laufen, das falsche zu tun und damit sich und Anderen zu schaden. Irgendwann meinte der Staat, uns entmündigen und uns wieder Vorschriften machen zu müssen, vor allem um uns vor uns selbst zu schützen. Und irgendwann fing es an, dass sich jeder vom Anderen potenziell bedroht und beleidigt fühlte, wenn er nicht in allen Facetten seiner Individualität von allen anerkannt und geschützt wurde.

Robert Pfaller legt mit Erwachsenensprache ein Buch vor, das aus acht Abschnitten besteht. Der wichtigste, wortgewaltigste und am stärksten aufwühlende Abschnitt ist der erste — jene 50 Seiten über die „Erwachsenensprache“ und ihr Verschwinden.


Hanns-Josef Ortheil: „Mit dem Schreiben anfangen — Fingerübungen des Kreativen Schreibens“

Was für ein schönes und inspirierendes Arbeitsbuch! Ohne Schnickschnack und langes Um-den-heißen-Brei-Herumreden gibt Hanns-Josef Ortheil Tipps aus der Schreibpraxis und zeigt dem schriftstellerischen Aspiranten, was beim Schreiben wirklich wichtig ist, worauf es ankommt — und worauf eben Wgerade nicht.

Manchmal sind es die kleinen und unscheinbaren Dinge, die genauso wichtig sind wie das große Ganze: Wie sieht mein Schreibplatz aus? Wo schreibe ich und wann? Welches Handwerkzeug benutze ich? Welche Dinge brauche ich in meiner unmittelbaren Umgebung? Was unterstützt mich in meiner Kreativität und was lenkt mich eher ab?

Dieses Buch ist, wie bereits gesagt, ein Arbeitsbuch. Man muss mit ihm arbeiten, und welchen besseren Schreibtrainer könnten wir uns hierfür denken als Hanns-Josef Ortheil?


Marie Luise Knott: „Dazwischenzeiten — 1930. Wege in der Erschöpfung der Moderne“

Das Jahr 1930 war der Anfang vom Ende der Weimarer Republik, jenes vielleicht aufgrund seiner Rahmenbedingungen von Beginn an zum Scheitern verurteilten Versuches einer ersten demokratischen und parlamentarischen Gesellschaftsordnung auf deutschem Boden.

Man muss den Titel genau lesen: Knott spricht nicht von Wegen in die Erschöpfung, sondern von Wegen in der Erschöpfung. Die Erschöpfung ist also schon längst da und allgegenwärtig.
Die Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 1929 mit ihren explodierenden Arbeitslosenzahlen, der Notverordnungen, den Straßenkämpfen zwischen Rot und Schwarz und den immer größeren Wahlerfolgen der Nationalsozialisten war geprägt von einer allgemeinen Unsicherheit der Verhältnisse und der persönlichen Orientierungslosigkeit vieler Menschen.


Stefan Bollmann: „Monte Verità — 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt“

Es ist eine bunte Truppe junger Leute, die in einem Schwabinger Lokal beschließen, aus ihren bisherigen Leben auszusteigen und einen Ort zu suchen, an dem sie gemeinsam leben und ein alternatives Leben aufbauen können. Die Schwestern Ida und Jenny Hofmann, der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven, die Brüder Gräser, der Theosoph Ferdinand Brune und Charlotte Hattemer, die Tochter eines preußischen Eisenbahningenieurs, die ihren Eltern den Rücken gekehrt und sich seitdem allein durchs Leben geschlagen hat; jetzt mit Anfang zwanzig, schließt sie sich der bunten Truppe an, die ihr Glück selbst in die Hand nehmen will.

Angeregt durch ein Büchlein des russisch-deutschen Philosophen Afrikan Spir, Vorschlag an die Freunde einer vernünftigen Lebensführung, sowie durch andere Schriften verschiedener Autoren wollen die Freunde mit der verlogenen Kultur und Gesellschaft ihrer Zeit brechen und den Weg zurück zu einem natürlichen und friedlichen Leben finden. Das geht nicht in Schwabing, sondern nur in der Natur.


Oskar Aichinger: „Ich bleib in der Stadt und verreise — Vom Gehen und Verweilen in Wien“

Der Musiker Oskar Aichinger ist kein gebürtiger Wiener, aber er lebt schon seit vielen Jahren in der österreichischen Hauptstadt. Jetzt ist sein Buch mit Spaziergängen durch das heutige Wien im Picus-Verlag erschienen. Es gäbe kaum einen besseren Verlag für seine Veröffentlichung als diesen Verlag, zu dessen Schwerpunkten und Spezialitäten die Reiseliteratur zählt. Man kennt vor allem die erfolgreiche Reihe der Lesereise, in welcher der vorliegende Titel jedoch nicht erschienen ist.

Aichinger liebt seine Stadt, und er liebt es, sich immer wieder von seiner Wohnung aus auf den Weg zu machen und zu schauen, wohin es ihn diesmal treibt. Wie der Autor selbst meint, ist er eher ein schneller Geher — auf keinen Fall ein Läufer, denn darin sieht er keinen Sinn. Wer läuft, ja, laufen muss, der ist auf der Flucht, oder er will ganz, ganz schnell von A nach B, hetzt einem bestimmten Ziel entgegen. Ja, das kann doch nicht der Sinn eines Stadtspaziergangs sein, der die Sinne öffnen und den Spaziergänger mit neuen Eindrücken überraschen soll!


Bernhard Schlink: „Olga“

Olga Rinke wird in der Kaiserzeit geboren, wächst im Breslau des späten 19. Jahrhunderts in einem armen Umfeld auf, verliert schon in jungen Jahren beide Eltern, die an Fleckfieber erkranken, und wird von der Großmutter in einem Dorf in Pommern aufgezogen; die Großmutter findet, dass Olga einen slawischen Einschlag habe, und sie liebt das Mädchen nicht, sondern behandelt es schlecht. Doch Olga ist ehrgeizig, will mehr erreichen als die anderen Kinder, und sie schafft es, dass sie an der Höheren Mädchenschule aufgenommen wird; später gelingt ihr sogar der Sprung in das staatliche Lehrerinnenseminar in Posen. Sie wird Lehrerin und bleibt in der Provinz, erst in dem kleinen Dorf in Pommern und später in der Nähe von Tilsit im Memelland.

In dem pommerschen Dorf lebt auch Herbert, ein junger Bursche mit glänzenden Aussichten, denn der Vater besitzt einen Gutshof und eine Zuckerfabrik, die er einmal übernehmen soll. Doch Herbert hat andere Pläne, träumt von fernen Reisen und davon, dass er Bedeutungsvolles für die Menschheit leisten will.


Philippe Brenot, Laetitia Coryn: „Sex Story — Eine Kulturgeschichte in Bildern“

Eigentlich werden in diesem Blog keine Bilderbücher besprochen, aber hier macht der Rezensent gerne eine Ausnahme, denn es geht um: Sex.

Also: Let´s talk about sex! Angepriesen wird eine Kulturgeschichte [der Sexualität] in Bildern — na, wenn das kein tolles Versprechen ist?! Doch erwarten Sie nicht zuviel! Dieses Buch ist aus dem Französischen übersetzt worden, und bei den Bildern handelt es sich nicht etwa um detailreiche Fotografien, sondern um Cartoons.

Es ist also ein Bilderbuch für Erwachsene, in dem die Kulturgeschichte der Sexualität auf leichte Weise erzählt wird: unverklemmt, oftmals ein bisschen witzig, locker und leicht wie ein Beaujolais Primeur und eben durch und durch französisch.


Joachim Ringelnatz: „Wie ein Spatz am Alexanderplatz — Berliner Orte“

Mit Ringelnatz geht es mir immer so wie mit einem alten Bekannten: Man trifft ihn zufällig auf der Straße, seit Jahren hat man sich nicht gesehen, und doch hat man schon nach ein, zwei Sätzen wieder an die alte Verbundenheit angeschlossen, scherzt und lacht miteinander und verabredet sich spontan auf ein Bierchen am selben Abend. Vieles von Ringelnatz kennt man ja schon, schließlich gehören seine Gedichte mittlerweile zurecht zu den „Klassikern“…

In diesem schicken kleinen Büchlein, erschienen im be.bra-Verlag, geht es aber explizit um „Berliner Orte“, die in seinen Gedichten besungen werden. Geboren 1883 in Wurzen bei Leipzig, lebte er lange Zeit in München, jener „dümmsten Stadt der Welt“, wie es in einem seiner Gedichte heißt, bevor er dann 1930 nach mehreren kürzeren Aufenthalten endlich nach Berlin umzog.


Irène Kuhn: „Découvrir la France — Frankreich entdecken“

In diesem Jahr war Frankreich das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Pünktlich zu diesem Anlass kam ein kleines Büchlein bei DTV heraus, dass zweisprachig dazu einlädt, Frankreich zu entdecken.

Irène Kuhn erzählt in ihm die kleine Geschichte von Katia und Pierre. Katia kommt das erste Mal nach Frankreich, um das Land, die Franzosen und ihre Gepflogenheiten — und vor allem ihren Brieffreund Pierre kennenzulernen. Was zunächst nach einem leichtfüßigen Drehbuch aus den 1950er Jahren klingt, beginnt im elsässischen Straßburg als eine mehrwöchige Tour de France, die die beiden Freunde nicht nur in Kontakt mit Bäckern, Tankwarten oder Kellnern, sondern auch die beiden einander näherbringt.


Henry Hitchings (Hg.): „Die Welt in Seiten — Liebeserklärungen an Buchhandlungen“

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie eine gewisse Affinität zu geschriebenen Texten haben; und es ist ebenso nicht unwahrscheinlich, dass Sie sich in der Nähe von Büchern wohlfühlen. Viele von uns mögen Bücher, ja, lieben sie sogar und können gar nicht genug von ihnen haben. Je mehr Bücher einen umgeben, desto wohler fühlt man sich. Daher sind Buchhandlungen der natürlichste Aufenthaltsort für einen Bücherliebhaber. Denn wer Bücher liebt, ist immer auf der Suche nach neuen Büchern, die er noch nicht kennt, von denen er aber — wenngleich oft nur unbestimmt — weiß, dass es sie gibt, ja, geben muss.

Nun kann man die unübersehbare Schar jener Liebhaber des gedruckten Wortes einteilen in jene, die ihre bibliophilen Neigungen eher an frisch Fabriziertem ausleben, und jenen, deren Interesse vor allem jenen bereits vor langer Zeit „auf den Markt“ gekommenen Exemplaren gilt, welche bereits von Anderen gelesen, benutzt und beansprucht wurden.


Philosophie Magazin, Reclam Verlag (Hg.): „Sind wir dafür geschaffen, in Paaren zu leben?“

Seien wir ehrlich: Früher oder später kommt man in einer Partnerschaft an einen Punkt, an dem man sich fragt, ob das Leben als Paar wirklich der Weisheit letzter Schluss sein kann. Die Antwortet lautet natürlich: nein. Und ebenso natürlich gehen wir — und alle Anderen — immer wieder neue Partnerschaften ein, denn dieses Mal wird natürlich alles anders sein als in den x Partnerschaften davor, dieses Mal wird es klappen, jetzt, morgen und bis ans Ende des Lebens.

Skepsis ist durchaus angebracht, und somit ist geradezu folgerichtig, dass sich diese zweite Kooperation des Philosophie Magazins und des Reclam-Verlags gleich nach der Frage nach dem Sinn des Arbeitens gerade diesem einen Thema des Paar-Lebens widmet.

Ein kleines Büchlein ist herausgekommen: größer als die üblichen gelben Reclam-Bändchen, jedoch kleiner als ein gewöhnliches Taschenbuch. Giftgrün ist der Rahmen (wie passend!), und das Paar auf dem Cover — sie stehend im Fiat 500 und er daneben stehend — dreht dem Betrachter den Rücken zu und schaut aufs offene Meer. Eine gute Idee, die Ziele für das gemeinsame Leben nicht in sich selbst zu suchen, sondern irgendwo da draußen in der Welt, warum also nicht am fernen Horizont?!