Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Philipp Ther: „Die Außenseiter — Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“

Die Flüchtlingskrise, die Flüchtlingswelle, der ungebremste Zustrom von Ausländern, die unser Land mit fremden Einflüssen konfrontieren, die Zuwanderung, Umvolkung usw. — All diese pejorativen Wortschöpfungen und abwertenden Beschreibungen eines vermeintlich ungesteuerten und überwältigenden Prozesses verfolgen nur ein einziges Ziel: das Schüren von Ängsten.

Wer bislang glaubte, dass Migration ein vergleichsweise junges Phänomen und dass sie immer ein Unglück für das eigene Land ist, wird durch Philipp Thers großartige Studie zur Flucht und Integration im modernen Europa eines Besseren belehrt.

Wir reden an dieser Stelle bewusst nicht von jenen Völkerwanderungen, die uns allen im Geschichtsunterricht begegnet sind, als es dort um die Zeit des Frühmittelalters ging. In diesem Buch geht es vielmehr um die zahllosen Flüchtlingswellen, die aus religiösen, wirtschaftlichen, politischen oder anderen Gründen seit dem Beginn der Neuzeit (1492) immer wieder über Europa hinwegzogen.


Heinrich August Winkler: “Zerbricht der Westen? — Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“

Angesichts der weltpolitischen Lage, den zahlreichen Wahlerfolgen rechtspopulistischer Bewegungen in den USA und Europa sowie der damit einhergehenden allgemeinen Ratlosigkeit der demokratischen Kräfte wäre es ein deutliches Zeichen von Ignoranz, nicht von einer Krise des Westens zu sprechen. Nimmt man dann noch die Finanzkrise, die Flucht- und Migrationsbewegungen hinzu und betrachtet all diese Entwicklungen vor dem Hintergrund einer sich aufgrund von Untätigkeit zweifellos anbahnenden globalen Klimakatastrophe, so muss man konstatieren, dass wir uns in einer Krisenlage befinden, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der westlichen Welt nicht erlebt wurde.

Heinrich August Winkler gilt als einer der renommiertesten Historiker unserer Zeit. Zurecht darf man den 1938 in Königsberg Geborenen als den „Grand Seigneur“ der deutschen Geschichtswissenschaft bezeichnen. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen begleiten den Lebensweg des seit 2007 emeritierten Professors für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität. Seine Veröffentlichungen thematisieren immer wieder – wie könnte es anders sein? – die deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts bis in unsere jüngste Gegenwart.


Tilman Allert: „Gruß aus der Küche — Soziologie der kleinen Dinge“

Es sind die kleinen und unscheinbaren Dinge des Alltags, die es dem Soziologen Tilman Allert angetan haben. Wäre man böswillig, so könnte man ihn also einen „Alltags-Soziologen“ nennen, eben weil er seine Aufmerksamkeit solch unscheinbaren und ephemeren Alltagsphänomenen wie dem Jubel, der Blockschokolade, dem Thermomix oder High Heels zuwendet. Doch ist nicht vielleicht das der Königsweg zur soziologischen Erkenntnis?

Die zunächst etwas abfällig klingende Bezeichnung „Alltags-Soziologe“ ist eigentlich überhaupt keine Beleidigung; ganz im Gegenteil sei sie hier als eine Art „Ritterschlag“ verstanden: Denn dieses Interesse an Alltagsphänomenen hat in der Geschichte der Soziologie eine lange Tradition. Zuerst war es der Berliner Soziologe und Kulturphilosoph Georg Simmel, der sich mit solch scheinbar seltsamen Dingen wie dem Jodeln, dem Henkel, der Schwere oder auch dem Streit beschäftigte. Simmel war fest davon überzeugt, dass man von jedem Punkt solch einer Untersuchung aus „ein Senkblei in die Tiefe der Seelen schicken lässt, dass alle banalsten Äußerlichkeiten schließlich durch Richtungslinien mit den letzten Entscheidungen über den Sinn und Stil des Lebens verbunden sind.“ Mit anderen Worten: Der Weg zur soziologischen Erkenntnis führt nicht selten über die Untersuchung der unscheinbarsten Phänomene.


Egyd Gstättner: „Wiener Fenstersturz“

Am Abend des 16. März 1938 stürzte sich der Wiener Schriftsteller und Kulturhistoriker Egon Friedell aus dem Fenster seiner Wohnung in der Gentzgasse 7, um sich der Verhaftung durch zwei SA-Männer zu entziehen, die in seine Wohnung eingedrungen waren. Er sprang in den Tod, allerdings nicht ohne zuvor die untenstehenden Passanten umsichtig durch den Zuruf „Treten Sie zur Seite!“ zu warnen.

Doch sprang er wirklich in den Tod? Nein. Ja. Doch nicht. Doch. — Die Meinungen gehen auseinander, und doch sind die Indizien eindeutig. Eindeutig tot. Begraben auf dem Wiener Zentralfriedhof, evangelischer Teil, Tor 3, und das Wohnhaus mit einer hübschen Gedenktafel versehen, wie sich das eben so gehört.

Doch der Klagenfurter Schriftsteller Egyd Gstättner erzählt da eine ganz andere Version der Geschichte, und wie er diese Geschichte erzählt, ist einfach und in mehrfacher Hinsicht wunderbar!


Telefoninterview mit Egyd Gstättner am 31.10.17 über seinen Roman „Wiener Fenstersturz“

Der Klagenfurter Schriftsteller Egyd Gstättner hat einen neuen Roman veröffentlicht, in dem er sich mit den letzten Sekunden im Leben des Wiener Kulturhistorikers und Schriftstellers Egon Friedell beschäftigt. Dieser Roman hat es in sich! Worum es geht und wie alles zusammenhängt, erzählt der Autor in unserem ausführlichen Gespräcch am 31.10.17.

Darüber hinaus gibt Egyd Gstättner einen tiefen Einblick in seine Arbeitsweise und in die verschiedenen Stadien seines Schreibprozesses.


Wladimir Kaminer: „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie Kaminer lesen. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass es Ihnen genauso geht wie mir: Ich kann keinen Text von Wladimir Kaminer mehr lesen, ohne sogleich seine Stimme zu hören. Das kommt von der mehr oder weniger permanenten Medienpräsenz, die Kaminer seit Anfang der 1990er Jahren in Deutschland hat.

Wer ihn einmal gehört hat, wie er seine Texte liest, der wird diese Stimme nicht mehr los. Es ist ein Fluch und ein Segen zugleich. Nur mit allergrößter Anstrengung gelingt es dem Literaturkritiker, die Stimme im Kopf auszuschalten und den Text quasi „blanko“, eben als reinen Text ohne Stimme, zu nehmen und zu begutachten.

Diese anstrengende Analyse ergibt, dass sich Kaminers Texte mit einem Sound entfalten, der atmosphärisch gut in die 1950er oder 1960er Jahre passen würde. Alles klingt ein bisschen wie ein Remix aus Ephraim Kishon und Joachim Fernau. Mit anderen Worten: Es ist eine wunderbar leichte und beschwingte Lektüre, der Blick auf die Welt und ihre Alltäglichkeiten ist geprägt von einer abgrundtiefen Menschenliebe und einem Humor, der selbst noch im Tragischen das Komische zu sehen in der Lage ist.


Giorgio van Straten: „Das Buch der verlorenen Bücher – Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens“

Der italienische Literaturwissenschaftler Giorgio van Straten hat sich auf eine Spurensuche begeben. Er hat über die Jahre ein Faible für verschwundene Bücher, verschollene Texte und vernichtete Manuskripte entwickelt und versucht, anhand von mitunter kleinsten hinweisen, die Geschichten dahinter aufzudecken.

Was war wirklich in Walter Benjamins schwarzer Ledertasche, als er 1940 auf der Flucht in den Pyrenäen Selbstmord beging? — Was geschah mit den skandalösen Memoiren von Lord Byron? — Was verband Nikolai Gogol mit Dante Alighieri? — Wer stahl 1922 in Paris die Ledertasche mit den gesamten Manuskripten Ernest Hemingways? Diese und andere spannenden Literatur-Geschichten hat van Straten ausfindig gemacht und erzählt sie in diesem kleinen Büchlein aus dem Insel-Verlag.


Richard David Precht: „Erkenne dich selbst – Eine Geschichte der Philosophie  – Band II“

Im ersten Teil seiner auf drei Bände konzipierten Philosophiegeschichte beschrieb Richard David Precht die Suche der Philosophen von den Anfängen bis ins Spätmittelalter. Prechts Philosophiegeschichte ist ein gutes Beispiel für eine spannende Reiseliteratur, denn die Suche nach den Ursachen und Zusammenhängen der Welt, nach Antworten auf die Fragen nach dem großen Ganzen der Welt, der Wirklichkeit, der eigenen Existenz, hat über weite Strecken Ähnlichkeit mit einer Reise ins Ungewisse. Das dem ersten Band voranstehende Motto: „Erkenne die Welt“ ist symptomatisch für jenen ersten Abschnitt der Geschichte der Philosophie.

Wenn nun im zweiten Teil das Motto lautet „Erkenne dich selbst“, so spiegelt dies die Philosophien jener Zeit des Aufbruchs und der Aufklärung wider. In seinem zweiten Band behandelt Precht folgerichtig die zahlreichen Strömungen der Philosophie des ausgehenden Mittelalters bis in die Zeit des Deutschen Idealismus, von Cusanus bis Hegel. Renaissance und Aufklärung wenden den Blick von der Welt auf sich selbst. Es ist die Zeit der Entdeckung des Individuums.


Flake: „Die Welt hat heute Geburtstag“

Flake ist ein Mitglied der Gruppe Rammstein. Der mit den Glitzeranzügen und auf dem Laufband stehend im Hintergrund. Nicht so archaisch wie seine Kollegen. Und wahrscheinlich unterschätzt. Denn sein Keyboard ist wichtig.

Im Buch heißt es, er erzählt und wir dürfen zuhören. Das ist die exakte Beschreibung. Er erzählt ungefiltert (so scheint es) und mit einigen Abzweigungen in die Vergangenheit oder die Hintergründe einfach so vor sich hin. Maßgeblich vertreibt er sich mit der Aufschrift seiner Gedanken einfach die Wartezeit bis zum Auftritt.

Sympathische Grundstimmung entsteht. Es ist ein normaler Mensch mit nicht geradem Werdegang. Getrieben von seiner Leidenschaft, der Musik. Erwachsen geworden, angekommen und noch immer die kindliche Freude, das machen zu können, was ihm Spaß macht, und sogar mittlerweile davon leben zu können!


Uwe Timm: „Ikarien“

Ende April 1945. Der junge deutsch-amerikanische Offizier Michael Hansen kommt in der allerletzten Kriegsphase von Frankreich nach Deutschland. Sein Spezialauftrag ist die Sichtung der Unterlagen des 1940 verstorbenen Rassentheoretikers Alfred Ploetz sowie die Befragung von Zeitzeugen und Mitarbeitern. In einem Münchner Antiquariat findet er einen alten Mann, Wagner, der seit der Studentenzeit mit Ploetz lange Jahre eng befreundet war, bevor die Freundschaft aus politischen Gründen in die Brüche ging, deren Wege sich aber immer wieder bis zuletzt kreuzten.

Wer war Alfred Ploetz? Geboren 1860 in Swinemünde, hatte Ploetz zunächst Ökonomie studiert und danach Medizin. Während der Studentenzeit gründete er mit einigen Mitstreitern, unter Anderem auch den Brüdern Carl und Gerhart Hauptmann, den Verein Pacific, der sich für die Ideen der ikarischen Gemeinden in Übersee begeisterte. Nach dem Studium der Medizin und arbeitete er im berüchtigten Burghölzli, der Zürcher Psychiatrischen Universitätsklinik mit Auguste Forel zusammen; auch politisch wechselte Alfred Ploetz in jener Zeit radikal Seiten und fühlte sich schon bald in nationalkonservativen, rassistischen und antisemitischen Kreisen zuhause. Das Ende des 19. Jahrhunderts war die Blütezeit eines neu aufkeimenden und sich politisch formierenden Rassismus. Zusammen mit Wilhelm Schallmayer gilt Alfred Ploetz als Begründer der Eugenik in Deutschland, er war es auch, der den Begriff der Rassenhygiene prägte.


Christian Hesse: „Mathe to go — Magische Tricks für schnelles Kopfrechnen“

Es ist schon verblüffend, was man mit Mathematik alles anfangen kann, wenn man sich an die Hand eines Experten begibt, der einen auf die Reise in die Wunderwelt der Zahlen mitnimmt.

Kaum einer ist zurzeit als Mathe-Experte medial präsenter als Christian Hesse. Er ist, weil es sich so schön reimt, der „Bastian Sick der Mathematik“. Während Bastian Sick sich als emsiger Sammler grammatikalischer und orthographischer Unfälle mit seinen Büchern und in seinem Kampf zum Wohle der deutschen Sprache große Verdienste erworben hat, versucht uns Christian Hesse seit einigen Jahren die trockene Materie der Mathematik schmackhaft zu machen, mit großem Erfolg, wenn man sich die zahlreichen Auflagen seiner Bücher anschaut.

Es ist nicht gerade so, dass ich eine Abneigung gegenüber der Mathematik habe; immerhin hatte ich in der Schule einen Physik-Leistungskurs besucht. Trotzdem bin ich seit meinem Abitur (das war 1980!) der Welt der Mathematik einigermaßen konsequent aus dem Weg gegangen und habe sie nicht vermisst. Ich nehme an, den meisten Leser wird es kaum anders gehen.


Stefan Gronert: „Die Düsseldorfer Photoschule“

Bernd und Hilla Becher, Laurenz Berges, Elger Esser, Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Simone Nieweg, Thomas Ruff, Jörg Sasse, Thomas Struth, Petra Wunderlich: Wer sich nur ein wenig mit der zeitgenössischen Fotografie auskennt, wird viele dieser Namen kennen.

Was die oben Genannten eint, ist ihre Zugehörigkeit zu jener Kunstrichtung der Düsseldorfer Photoschule, deren weltweite Ausstrahlung bis heute anhält. Unter diesem Namen fasst man alle Künstler zusammen, die aus der berühmten Klasse von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie hervorgegangen sind.

Das Ehepaar Becher hat mit seinen großformatigen Aufnahmen von Industriebauten, Gruben und Meilern, Zechen und Silos, die Dokumentarphotographie erneuert. Ihre Fotoserien in Schwarzweiß sind weit über die Grenzen der Kunstszene hinaus bekannt geworden und waren zurzeit ihrer Entstehung sowohl einzigartig als auch stilbildend.


Axel Hacke: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“

Der Titel klingt sperrig und erinnert ein wenig an barocke Literatur. Oder an Handke. Aber egal. Axel Hacke ist seit vielen Jahren als Kolumnist für die Süddeutsche Zeitung und als freilaufender Schriftsteller tätig. Jüngst veröffentlichte er sein umfangreiches Kolumnistisches Manifest, das hier auch schon besprochen wurde.

Mit diesem Buch hat es etwas Seltsames auf sich. Es will sich nicht recht anschmiegen, nicht öffnen, es wirkt irgendwie spröde, und das ist schade. Dieser 182 Seiten lange Essay über den Anstand und den gemeinsamen Umgang in unserer Gesellschaft liest sich über weite Strecken wie eine Anekdotensammlung. Die immer wieder eingeschobenen Unterhaltungen des Autors mit einem alten Freund beim Bier unterstreichen diesen Eindruck, dass hier viele Exempel statuiert werden sollen.


Atilla Vuran, Gunnar Seide: „Promovieren heißt Scheitern — Damit Sie am Scheitern nicht scheitern“

Der Weg zur Promotion ist vergleichbar mit dem Besteigen einer langen, langen Treppe. Jede einzelne Stufe muss genommen, keine darf übersprungen werden. Um eine Stufe zu erklimmen, braucht man eine Planung, dann folgt die Durchführung, die darüber entscheidet, ob wir Erfolg haben oder scheitern. Wenn wir scheitern, müssen wir neu planen und es erneut versuchen.

Diese Abfolge von Planung — Ausführung — Erfolg oder Korrektur wird den Promovenden durch alle Phasen seiner Promotion begleiten. Das ist die Realität. Jedoch nur wenige Promovenden wollen es wahrhaben, dass es bei ihnen genauso ablaufen wird wie bei allen Anderen. Jeder hält sich für einzigartig und die eigene Promotion für die Ausnahme von der Regel.

Die Regel ist jedoch, dass viele Promovierende auf mehr oder weniger große Widerstände stoßen, wenn sie ihr großes Projekt beginnen. Wie könnte es auch anders sein?


Olga Mannheimer (Hg.): „Blau Weiß Rot — Frankreich erzählt“

Wie es in einem Land wirklich aussieht, wissen seit jeher am ehesten die Intellektuellen, die Schriftsteller, Kulturschaffenden, also Menschen mit Blick über den politischen und gesellschaftlichen Tellerrand. Auch ihre Stimmen sind in dem vorliegenden Buch versammelt, ihre Berichte zur Lage der Grande Nation sollten gelesen und wollen gehört werden. Doch der Besonderheit dieser Anthologie liegt woanders.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das Who is Who der französischen Intelligenz aus Literatur, Philosophie und Politik: Choderlos des Laclos, Jacques Prévert, Roland Barthes, Paul Valéry, Marc Levy, Michel Houellebecq, Philippe Claudel, Henri Bergson, Alain Finkielkraut und so weiter und so weiter.

Es geht der Herausgeberin um die Darstellung der verschiedenen Gesichter der französischen Gesellschaft und des aktuelles geistigen Klimas in Frankreich. Es geht also um La France plurielle, um das bunte, vielgesichtige und vielschichtige Bild einer Nation, die sich immer wieder neu entdecken und neu erfinden musste.


Stéphanie Hennette, Thomas Piketty, Guillaume Sacriste, Antoine Vauchez: „Für ein anderes Europa — Vertrag zur Demokratisierung der Eurozone“

Sind Sie Politikwissenschaftler? Verfassungsrechtler? Oder wenigstens Jurist? Falls nicht, dann geht es Ihnen wahrscheinlich wie mir, und Sie werden sich fragen, was Sie mit diesem Buch anfangen sollen: „Für ein anderes Europa — Vertrag zur Demokratisierung der Eurozone“ klingt erst einmal toll, wir sind dafür! Doch ein erster Blick ins Buch verrät, dass uns hier — je nach Geschmack — ein schwerverdauliches Mahl vorgesetzt wird oder ein schwieriger Code, den es zu knacken gilt.

Lassen Sie uns gemeinsam versuchen zu verstehen, worum es hier eigentlich geht! Freundlicherweise haben die Autoren ihrem Vertragsentwurf für eine Demokratisierung der Eurozone sowohl eine Einleitung vorangestellt, als auch ein kleines Glossar angehängt. Derart ausgestattet, sind wir vielleicht eher in der Lage, den Inhalt des Büchleins zu verstehen.


Peter von Becker: „Céleste“

Vielleicht liegt es an der zu geringen Spannkraft meiner Aufmerksamkeit beim Lesen von literarischen Werken? Denn es passiert mir immer wieder, dass ich einen Roman zu lesen beginne, durchaus interessiert und vom Plot gebannt, doch nach etwa hundert Seiten lässt das Interesse immer mehr nach, bis ich an einen Punkt komme, wo ich mich ernsthaft frage, was das Ganze soll? Wohin führt diese Geschichte? Und interessiert mich eigentlich noch, wie sie endet? Ob sie endet?

Ein derartiges Verhalten schwächelnder Lektüre befällt mich selten bei den sogenannten Klassikern, beim Lesen moderner Autoren jedoch immer wieder und immer öfter. Das ist keine schöne Erfahrung, und sie betrifft nur denjenigen Teil des Kritikers, der sich bei der Ausübung seines Berufes auch ein bisschen unterhalten will. Die anderen Ebenen der Kritik sollen jetzt in den Vordergrund treten.

Zum einen wäre da der Plot. Der Roman hat etwas Fadenhaftes, womit nicht gemeint ist, dass er etwas Fadenscheiniges hätte! Fadenhaft ist seine Erscheinung, weil sich die Handlungen dieses Romans erst am Ende zu einer Einheit verbinden.


Volker Lilienthal, Irene Neverla (Hg.): „Lügenpresse — Anatomie eines politischen Kampfbegriffs“

Macht man es sich zu einfach, wenn man die Sprechchöre des entrechteten rechten Pöbels, jenes „Lü-gen-pres-se! Lü-gen-pres-se!“, als das abtut, was es zu sein scheint: geschmacklose Pöbeleien?

Der kollektiv und stereotyp gegrölte Vorwurf, Lügen zu verbreiten, hat Tradition, allerdings keine schöne. Jahrzehntelang traute man sich nicht, zurecht. Doch plötzlich hatte sich einer getraut, dann ein paar Wenige, und nun schreien jeden Montag tausende Dresdner Tiefflieger ihren Hass auf die da oben heraus, vergreifen sich komplett im Ton, verlieren jedes Maß und schreien „Lügenpresse“, „Volksverräter“ und „Merkel muss weg“.

Diesen armen Menschen kann man nicht helfen, indem man sie beschimpft, dies setzte nur eine Endlosschleife von gegenseitigen Anschuldigungen in Gang. Nein, man kann diesen Menschen vom Rande der Gesellschaft nur durch Bildung auf die Sprünge helfen.


Jean-Paul Didierlaurent: „Macadam oder Das Mädchen von Nr. 12“

Es gibt Bücher, die machen es einem nicht leicht. Ich meine das durchaus im ganz physischen, materiellen Sinne. Es gibt Bücher, die sich mir, dem Puristen, widersetzen und einen inneren Widerstand auslösen, der im ersten Moment schwer zu erklären ist.

Im zweiten Moment wird klar, dass der Leser ein Buch in den Händen hält, das nicht nur durch seine Geschichten, sondern auch schon durch seine Aufmachung darauf hinweisen will, dass wir es hier mit zauberhaften kleinen Geschichten zu tun haben, welche das Leben feiern und die Schönheit der Welt betonen möchten.

Nimmt man dieses Buch in die Hand, durchblättert man seinen Inhalt, so sieht man den unterschied. Der Text ist durchgehen in einem Himmelblau gesetzt, welches die luftige Leichtigkeit des himmlischen Inhalts unterstreichen soll; die Buchseiten selbst changieren von einem cremefarbenen Weiß zu einem Babyblau und wieder zurück. Es fällt schwer, hier nicht die Nerven zu verlieren.


Eric Hobsbawm: „Das lange 19. Jahrhundert“ (3 Bände)

Es ist dem Theiss-Verlag zu verdanken, dass wir nun erstmals seit Jahrzehnten eine Neuauflage der drei bedeutenden Geschichtswerke von Eric Hobsbawm über das lange 19. Jahrhundert zur Verfügung haben.

Der britische Historiker und überzeugte Marxist Eric Hobsbawm hat in seinen drei Hauptwerken Europäische Revolutionen, Die Blütezeit des Kapitals und Das imperiale Zeitalter das Bild, welches wir uns heute vom 19. Jahrhundert machen, maßgeblich geprägt. Die Rede vom „langen 19. Jahrhundert„, welches sich von der Französischen Revolution 1789 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 erstreckt, stammt von ihm.

Hobsbawm war aufgrund seines offenen Bekenntnisses zum Marxismus eine Ausnahmeerscheinung der britischen Wissenschaftslandschaft. Jedoch schwerer als seine politische Orientierung wog sein überragendes fachliches Wissen und seine Fähigkeit, lebendige historische Gesamtdarstellungen zu erarbeiten, die sich nicht allein auf die Beschreibung von politischen und militärischen Ereignissen beschränkten, sondern die Gesamtheit der gesellschaftlichen und sozialen, der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen einschlossen.


Ursula Krechel: „Stark und leise — Pionierinnen“

Starke und leise Frauen sind in wunderschönen Portraits in diesem bei btb erschienenen Taschenbuch versammelt. Verfasst wurden sie über viele Jahre und zu verschiedenen Anlässen von der bekannten Germanistin Ursula Krechel.

Ursula Krechel wurde 1947 in Trier geboren, studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte, lehrte an verschiedenen Universitäten und lebt heute als Lyrikerin und Schriftstellerin in Berlin.

Sie hat für ihre Portraits die freie Form des Essays gewählt, gerade weil diese Wahl eine Befreiung von formalen Einschränkungen bietet. „Als eine chronische Spurwechslerin zieht mich der Essay zu Zeiten an, in denen etwas untergründig geschieht, das noch keine Form hat, auch nicht unbedingt eine spezifische Form sucht.“ Somit ist der Essay auch bestens geeignet, die Lebenswege bedeutender Persönlichkeiten in einer Art und Weise nachzuzeichnen und den mitunter schwachen und unscheinbaren Signalen nachzuspüren, wie es die klassische Biographie eben gerade nicht vermag.


Matthias Zschokke: „Ein Sommer mit Proust“

Matthias Zschokke ist nicht der Erste, der seine Leseerfahrungen mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit aufschreibt, um sie mit Anderen zu teilen oder um sich selbst zu vergewissern, was man da eigentlich gerade macht.

In den letzten Jahren gab es gleich mehrere Autoren, die sich an einer Proust-Lektüre versucht und ihre Erfahrungen in Buchform veröffentlicht haben. In den meisten Fällen bleibt das Werk als solches, abgesehen von den beschriebenen Mühen der Lektüre, in seinem Status als Jahrhundertwerk der Weltliteratur unangefochten, wenn es nicht sogar, wie es der Kanon vorschreibt, über allen grünen Klee gelobt wird. — Hier nicht.

Proust gehört als fester Bestandteil zum Kanon der Weltliteratur, doch seien wir mal ehrlich: Wer von uns hat dieses über 5300 Seiten (Frankfurter Gesamtausgabe) umfassende Prosawerk wirklich und komplett gelesen? Da muss es schon einen ganz besonderen Anschub geben, einen Anlass und einen wirklich guten und triftigen Grund, sich diesem Mammut zu nähern und den Kampf mit der Prosa aufzunehmen.


Philipp Blom: „Was auf dem Spiel steht“

Philipp Blom ist eigentlich nicht dafür bekannt, sich besonders leidenschaftlich mit der gesellschaftlichen Gegenwart zu beschäftigen; seine erfolgreichen Sachbücher kreisen eher um die Aufklärung, die Zeit um 1900 bis 1938 oder auch die Kleine Eiszeit in Europa 1570 – 1700. Und doch sind vor allem die beiden Bände über das deutsche Kaiserreich und die Weimarer Republik weit ausgreifende Publikationen, die über die in ihnen behandelten Zeitabschnitte hinaus auf unsere Gegenwart verweisen, Entwicklungslinien ziehen und Parallelen aufzeigen. Einen weiteren Hinweis für eine verstärkte Beschäftigung des Autors mit der Gegenwart ist sein im Frühjahr 2017 beim Residenz-Verlag erschienenes Buch Gefangen im Panoptikum.

Normalerweise findet der Historiker seinen Untersuchungsgegenstand in der Vergangenheit. In dem vorliegenden Buch geht es aber um unsere Gegenwart und um die Zukunft der liberalen Demokratie. Die Schwierigkeit liegt für Philipp Blom nicht nur in einer Prognose der Zukunft, sondern auch in einer möglichst objektiven Einschätzung der gegenwärtigen Verhältnisse: „Die Gegenwart ist immer opak, undurchschaubar. […] Was würden wir sehen, wenn wir das Jahr 2017 aus einer Entfernung von zwei oder drei Generationen betrachten könnten?“


Ralf Konersmann: „Wörterbuch der Unruhe“

In seinem vielbeachteten Buch Die Unruhe der Welt (2015) machte sich der Philosoph Ralf Konersmann auf die Suche nach einer Genealogie der Unruhe. Nun folgt mit dem Wörterbuch der Unruhe ein zweiter Band, der sich mit dem kulturellen Phänomen der Unruhe beschäftigt.

„Im Unterschied zu der vor zwei Jahren veröffentlichten Monographie, die den historischen Gesamtzusammenhang entrollt, konzentriert sich das Wörterbuch auf ausgesuchte Themen, auf Austragungsorte und Schauplätze der Unruhe“, schreibt Ralf Konersmann in seiner Einleitung. Das Wörterbuch liefert „also nicht das Gleiche noch einmal, sondern [setzt] eigene Schwerpunkte auf der Basis [bislang] ungenutzter Quellen“.

Warum aber ein Wörterbuch? — Ralf Konersmann folgt in diesem Punkt der Sichtweise von Roland Barthes, der in seinen Mythen des Alltags bereits 1957 meinte, es gäbe „nichts Beruhigenderes als ein Wörterbuch“. Wörterbücher vermitteln eine scheinbare Stabilität der Begriffe und somit der Verhältnisse. „Wörterbücher wollen Felsen in der Brandung sein, Orte der Verlässlichkeit, der gesicherten Information und der anerkannten Tatsachen.“


Dudenredaktion (Hg.): „Der Duden — Band 1: Die deutsche Rechtschreibung“

Dick, schwer und solide liegt die 27. Auflage des Duden auf dem Tisch. Da könnte ein mittleres Erdbeben den Berliner Boden erschüttern, der Duden würde sich um keinen Zentimeter von der Stelle bewegen. Eine derartige Präsenz und Materialität macht sinnlich: Sanft streichen die Finger über den festen Einband, vorsichtig öffnen sie das neue Buch, durchblättern ehrfürchtig die ersten Seiten und landen beim ersten lexikalischen Eintrag: „a = 1Ar; Atto…“, was auch immer das bedeuten möge.

Zuvor mussten jedoch 160 Seiten überwunden werden mit Hinweisen zur Wörterbuchbenutzung, den Abkürzungen, wichtigen grammatischen Fachausdrücken, zu den wichtigsten Regeln der deutschen Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung sowie einige Anmerkungen zur Textverarbeitung, zum Schreiben von E-Mails und Geschäftsbriefen, zum Zeichenkanon für die Textkorrektur, der Umsetzung der amtlichen Rechtschreibregelung in Pressetexten und schließlich ein paar auflockernde Fakten und Zahlen zur deutschen Sprache.


Christoph Wetzel: „Das Buch der Kunst“

Viele Autoren haben sich immer wieder daran versucht, eine Einführung in die Kunstgeschichte zu schreiben. Mit wechselndem Erfolg und meistens nur zum Teil gelungen. Diese Einführung macht und ist eine Ausnahme. Christoph Wetzel hat mit seinem „Buch der Kunst“, erschienen bei Reclam, das Unmögliche möglich gemacht: die Vermittlung von solidem kunsttheoretischen, kunstgeschichtlichen und kunstästhetischen Grundwissen. Das Ganze auf gut 550 Seiten inklusive Anhang.

Bereits in der 5. Auflage ist dieses Kompendium nun im Juli 2017 erschienen; fünf Auflagen, das spricht für die Popularität und Qualität dieses Titels. Und in der Tat handelt es sich um ein sehr gelungenes Projekt. Was an diesem Buch besticht und überzeugt, sind vor allem der interessante Ansatz sowie die ansprechende Gestaltung des Inhalts.


Theresia Enzensberger: „Blaupause“

In ihrem Debütroman erzählt Theresia Enzensberger die Geschichte einer jungen Frau, die am Weimarer Bauhaus studiert, sich zunächst in den einen, dann in einen anderen Mann verliebt und am Ende, nach anfänglichen Widerständen, ihren eigentlichen Traum, am Bauhaus Architektur zu studieren, doch noch verwirklichen kann. Alles begann sehr hoffnungsvoll, als ihre Mappe mit Architekturzeichnungen von Walter Gropius höchstpersönlich begutachtet und sie daraufhin für ein Probesemester am Bauhaus in Weimar angenommen wurde! Doch dann wurde sie, nur weil sie eine Frau ist, in die Textilwerkstatt gesteckt; als Frau wurde ihr keine besondere Begabung für konstruktives Denken zugetraut. Ob dieses Vorurteil auch am fortschrittlichen Bauhaus der gängigen Praxis entsprach, lässt sich in diesem Rahmen nicht nachverfolgen, doch die vergleichsweise geringe Anzahl von Architektinnen am Bauhaus könnte ein Indiz dafür sein.

Luise ist eine jener Neuen Frauen, die wir als den selbstbewussten und modernen Frauentyp mit jener Zeit der Weimarer Republik verbinden. Am Bauhaus hat es solche Frauen mit kurzen Haaren und neuen Ansichten natürlich gegeben, denn hier waren freies Denken und ein Leben abseits der gesellschaftlichen Konventionen schon früh möglich, während sich weibliche Emanzipation und alternative weibliche Lebensentwürfe abseits eines Lebens als Ehefrau und Mutter in den kleinen Städten und auf dem Lande erst sehr viel später etablieren konnten. Zu jener Zeit des Romans, Anfang der 1920er Jahre, sollte sich erst langsam, vor allem in den Großstädten und vor allem in Berlin jener neue Typus der emanzipierten Frau herausbilden.


Dorothee Nolte: „Wilhelm von Humboldt — Ein Lebensbild in Anekdoten“

Wenn man sich ein Bild von einem Menschen machen möchte, so ist ein tabellarischer Lebenslauf gewiss nicht geeignet, eine realistische Vorstellung zu bekommen. Viel schneller führen Erzählungen von Menschen, die mit ihm bekannt sind, zum Ziel. Mit anderen Worten sind vor allem kleine Anekdoten in der Lage, auf angenehme Weise eine Vielzahl von Eckpunkten zu markieren, die jene Persönlichkeit und ihren Charakter umreißen.

Eine solche Annäherung an eine Berühmtheit der Deutschen Klassik liefert Dorothee Nolte in einem hübschen kleinen Büchlein, das jetzt pünktlich zu Wilhelm von Humboldt 250. Geburtstag erschienen ist.


Joseph von Eichendorff: „Aus dem Leben eines Taugenichts — Bilder von Hans Traxler“

Es ist schön, nach einer gewissen Zeit auf einen alten Bekannten zu treffen. Wie Goethe in seinem Faust schon bemerkte: „Von Zeit zu Zeit seh‘ ich den Alten gern, Und hüte mich, mit ihm zu brechen.“ Eichendorffs Taugenichts ist solch ein guter alter Bekannter. Wir alle haben den Text, meist in der preisgünstigen kleinen Reclam-Ausgabe, im Deutschunterricht gelesen, und die meisten dürften diesen Text, im Gegensatz zu so mancher anderen Lektüre, in guter Erinnerung behalten haben.

Jetzt hat der Insel-Verlag eine hübsche Neuauflage dieses romantischen Klassikers herausgebracht: eine von Hans Traxler illustrierte Ausgabe! Hans Traxler lag vor kurzem schon einmal auf dem Tisch des Rezensenten, natürlich nicht persönlich, sondern in Form einer wunderschön gestalteten und kongenial von seiner Frau zusammengestellten Lichtenberg-Anthologie. Nun also Eichendorff. Insgeheim fragt man sich, was wohl als nächstes kommt?


Gert Scobel: „Der fliegende Teppich — Eine Diagnose der Moderne“

Es macht keinen Sinn, weiter um den heißen Brei herumzuschleichen: Wir bewegen uns auf unsicherem Terrain. Wir haben den festen Boden unter unseren Füßen längst gegen einen fliegenden Teppich eingetauscht, meint Gert Scobel in seinem vorliegenden Buch mit dem gleichlautenden Titel.

Teppich wäre ja noch okay, aber muss es denn gleich ein fliegender Teppich sein?! Das klingt gefährlich und unsicher. Doch so denken nur Angsthasen, denn ein fliegender Teppich bietet auch jede Menge Chancen. Zuallererst kann er uns in Windeseile von A nach B bringen, ohne dass wir uns über verstopfte Autobahnen und ausfallende Zugverbindungen Gedanken machen müssten. Auch der ökologische Fußabdruck ist bei der Reise mit einem fliegenden Teppich aller Wahrscheinlichkeit nach zu vernachlässigen.


Deborah Feldman: „Unorthodox“

Im vierten Jahrhundert verfasste Augustinus seine „Confessiones“. Diese Bekenntnisse eines zum Christentum Bekehrten gehören zu den ersten autobiografischen Schriften der Weltliteratur. Seine Bußschrift liest sich wie ein viele Hundert Seiten langes Gebet; es ist die (für christliche Leser berückende, für atheistische Leser bedrückende) Entwicklungsgeschichte einer Abkehr vom weltlichen Leben und der selbstgewählten Unterwerfung unter den Willen Gottes.

Deborah Feldmans Autobiografie „Unorthodox“ ist das genaue Gegenteil: Es ist die Geschichte einer Befreiung aus einem (eben gerade nicht selbst gewählten) religiösen Gefängnis. Von ihrer Geburt an war sie Mitglied in der ultraorthodoxen Sekte der Satmarer. Mitten in Williamsburg, einem Stadtteil von Brooklyn, wuchs sie auf in einem abgeschlossenen Universum mit eigenen Regeln und Gesetzen, mit wirklich sehr eigenen Gesetzen und Ansichten.


Colin Ellard: „Psychogeografie — Wie die Umgebung unser Verhalten und unsere Entscheidungen beeinflusst“

Psychogeografie, dieser Begriff macht zunächst neugierig. Dabei weiß eigentlich jeder instinktiv, worum es geht: Unsere Umgebung wirkt auf uns, ganz banal formuliert. Besonders deutlich wird dies deutlich, wenn wir uns mit Architektur beschäftigen, und ganz besonders deutlich, wenn wir an die Wirkung eines Kirchenraumes denken.

Die Sakralität des Ortes geht nicht zuletzt von dem umbauten Raum aus und ist geradezu mit Händen zu greifen. Dasselbe gilt grundsätzlich auch für alle anderen Räume, in denen wir uns bewegen und aufhalten, wenn auch mit einer graduell schwächeren Wirkung. Die wahrnehmungs- und neuropsychologische Disziplin, die sich mit der Wirkung von Räumen beschäftigt, wird neuerdings unter dem Begriff Psychogeographie zusammengefasst.

Colin Ellard ist einer der Protagonisten auf diesem Forschungsfeld. Als Neurowissenschaftler und Experimentalpsychologe forscht und arbeitet er an der renommierten kanadischen University of Waterloo und leitet dort das Urban Realities Laboratory, eine interdisziplinäre Einrichtung von Neurowissenschaftlern und Stadtplanern.


Hansdieter Erbsmehl: „Habt Ihr noch eine Photographie von mir? — Friedrich Nietzsche in seinen fotografischen Bildnissen“

Friedrich Nietzsche ist nach wie vor ein Philosoph, der durch seine Schriften wie durch seine Person fasziniert. Davon zeugen die zahlreichen Publikationen, die sich mit seinem Werk auseinandersetzen und es für die Gegenwart fruchtbar zu machen versuchen, nicht zuletzt das jüngst vom Philosophie-Magazin herausgegebene Sonderheft zu Nietzsche.

Eine besonders spannende Publikation ist nun als Band 3 der Schriftenreihe zum Nietzsche-Archiv beim Wallstein-Verlag erschienen; es befasst sich mit den fotografischen Bildnissen Friedrich Nietzsches.


Thomas Bleitner: „Frauen der 1920er Jahre — Glamour, Stil und Avantgarde“

Unsere Zeit bildet sich viel auf ihre Errungenschaften ein bezüglich der Gleichstellung und Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft. Bis dahin war es ein langer Weg, und dass all diese Errungenschaften nicht einfach nur vom Himmel gefallen sind, ist klar. So haben starke Frauen bereits vor gut hundert Jahren den Weg geebnet, indem sie überkommene Konventionen über Bord warfen, die Fesseln sprengten und einfach ganz Frau waren.

Thomas Bleitner stellt in dem vorliegenden Buch Frauen aus den Bereichen Kunst und Literatur, Society und Mode, Fotografie und Film, Cabaret und Tanz, Abenteuer und Sport vor, die in den 1920er Jahren für großes Aufsehen sorgten und damals die Wichen stellten für eine neue Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Die Weimarer Republik war der demokratische Versuch, nach dem Zusammenbruch der Monarchien in Europa eine neue Gesellschaft zu bauen. Was auf dem Feld der Politik mehr schlecht als recht gelang, wurde im gesellschaftlichen Bereich umso erfolgreicher angepackt.


Hans-Dieter Gelfert: „Was ist ein gutes Gedicht? — Eine Einführung in 33 Schritten“

Was ist ein gutes Gedicht? — Die meisten dürften spontan denken, ein gutes Gedicht ist eines, das mir gefällt. Doch so leicht darf man es sich nicht machen, gerade wenn es um moderne und freie Lyrik geht. Jene Texte sind einerseits stark verdichtet (das ist ja die Bedeutung von Dichtung), andererseits sind viele lyrischen Texte gerade deshalb auch schwer zugänglich.

Irgendwie auch ein wenig anstrengend, wie moderne Kunst auch manchmal ziemlich anstrengend sein kann. Wahrscheinlich gibt es bei den meisten Gedichten einen tieferen Sinn, der dem flüchtig Lesenden verschlossen bleibt. Es sei denn, man fände mal eine wirklich gute und leicht zu lesende Einführung in die Lyrik auf dem Buchmarkt…