Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Oliver Elser, Philipp Kurz, Peter Cachola Schmal (Hg.): „SOS Brutalismus — Eine internationale Bestandsaufnahme“

Kulturhistorisch betrachtet, suchte der Mensch zunächst in der Natur mit ihren machtvollen Phänomenen — Blitz und Donner, Feuer und Wasser, Sturm, Fluten und Dürre — nach dem Erhabenen und Gewaltigen. Die Sehnsucht nach Überwältigung scheint ebenso eine anthropologische Konstante zu sein, wie die Suche nach dem Höheren und Transzendenten.

Später in der Kulturgeschichte suchte der Mensch nach dem Erhabenen in der Kunst, in der Musik, der Literatur, in den Schönen Künsten, also in der Kultur selbst. Und heutzutage? In einer Welt, die ihren Zauber verloren hat und in der alles immer glatter und smarter wird — wo sonst könnten wir vor dem Gewaltigen und dem Überwältigenden in unserer Wirklichkeit besser und wohliger mit einem Schauer erfüllt werden, als im Angesicht von kolossalen Betongebilden, Parkhäusern, Einkaufszentren oder gigantomanischen Wohnsiedlungen?

Der Brutalismus ist ein Architekturstil der Moderne, der ab 1950 Verbreitung fand. Der Begriff geht zurück auf den französischen béton brut (roher Beton), mit dem Le Corbusier seinen bevorzugten Werkstoff beschrieb. Das war bereits 1947, und seitdem ist diese Architektur des Rohbeton-Bauens Streitthema großer Auseinandersetzungen.


Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“

Dieser Roman ist eine echte Wiederentdeckung. Das Typoskript hat der damals 23-jährige Ulrich Alexander Boschwitz im englischen Exil verfasst, kurz nach dem Ausbruch der Novemberpogrome in Deutschland.

Das kurze Leben des Autors ist schnell erzählt: Er wurde 1915 in Berlin geboren und emigrierte bereits 1935 nach Schweden, später nach Norwegen, Frankreich, Luxemburg und Belgien. 1939 ging er nach England, wo er als deutschstämmiger Flüchtling kurz vor Kriegsbeginn interniert und später nach Australen verbracht wurde. Nach seiner Freilassung 1942 wurde sein Schiff auf der Rückfahrt nach England kurz vor der Ankunft von einem deutschen U-Boot versenkt.


Robert Walser: „Die kleine Berlinerin — Geschichten aus der Großstadt“

Welch eine Freude ist die Lektüre dieser Glanzstücke eines der wichtigsten Feuilletonisten der Kaiserzeit aus dem wilhelminischen Berlin! Robert Walser war natürlich in erster Linie Schriftsteller und betätigte sich nicht zuletzt zum Broterwerb auch nebenbei als Kritiker, Essayist und Feuilletonist für verschiedene Zeitungen, für das Berliner Tageblatt, die Frankfurter Zeitung, die Schaubühne und die Neue Rundschau. Gleichwohl lag das eigentliche Augenmerk der Literaturwissenschaft lange Zeit vor allem auf Robert Walsers Erzählungen und natürlich auf seinen Romanen, auf die Geschwister Tanner, Der Gehülfe oder Jakob von Gunten. All diese Romane schrieb Walser während jener sieben Jahre, die er von 1898 bis 1905 in Berlin lebte und arbeitete.

Bereits 2006 wurden vieler jener Feuilletonbeiträge Robert Walsers von Jochen Greven in der Anthologie Berlin gibt immer den Ton an zusammengestellt. Die hier vorliegende Ausgabe wurde jedoch um viele bedeutende Texte Walsers erweitert.


Leander Steinkopf: „Stadt der Feen und Wünsche“

Leander Steinkopf ist vielleicht einer der letzten Flaneure, die unsere atemlose Zeit noch kennt. Er schlendert ziellos durch die Stadt, getrieben von seinem Ennui, absichtslos und ohne Hoffnung. Es ist die Odyssee eines Stadtwanderers unserer Zeit. Seinem Bericht vorangestellt hat er ein Zitat von Walter Benjamin aus dessen Berliner Kindheit um 1900. Dort schreibt Benjamin: „Die Fee, bei der er einen Wunsch frei hat, gibt es für jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenig erkennen darum später im eigenen Leben die Erfüllung wieder.“

Dem Ich-Erzähler dieser Erzählung — ist es der Autor selbst oder sein Alter Ego? — begegnet keine Fee, und falls doch, so erkennt er sie nicht. Er erwartet auch keine Fee, und er hat auch keine Wünsche. Der Erzähler geht durch das heutige Berlin und er beschreibt, was er sieht: „Zu Hause erinnert mich alles an mich selbst, jede Wand reflektiert meine Blicke. Deshalb gehe ich raus, spazieren. Ich schaue mich um nach allem, weil ich nichts Bestimmtes suche. Ich fühle mich zur Langsamkeit gedrängt wie andere zur Eile. Man muss seine Zeit verschwenden, um zu lernen, was sie wert ist.“


Ayelet Waldman, Michael Chabon (Hg.): „Oliven und Asche — Schriftstellerinnen und Schriftsteller berichten über die israelische Besatzung in Palästina“

In den vergangenen Jahren haben der Bürgerkrieg in Syrien und die aus ihm resultierenden Migrationsbewegungen in Richtung Deutschland einen anderen Krisenherd der Region in den Hintergrund gerückt: die Spannungen zwischen Israel und seinen Nachbarn — und ganz besonders die Problematik der israelischen Besatzung Palästinas.

Dieser seit Jahrzehnten schwelende Konflikt zwischen Israel und seinen Anrainern ist für Außenstehende schwer zu fassen. Wie lebt man unter einer fremden Besatzung? Wie kann man sich mit einer Besatzungsmacht arrangieren, die in den Bürgern des besetzten Landes keine Menschen, sondern immer nur Andersgläubige sieht?

Im Verlag Kiepenheuer & Witsch ist nun ein Sammelband mit kurzen Texten erschienen, die sich auf die eine oder andere Weise mit dieser palästinensischen Realität auseinandersetzen und ihre jeweilige Sichtweisen auf diesen permanenten Konflikt in eine fiktive Diskussion des Problems einbringen.


Johann Gottfried Seume: „Mein Leben“

Eigentlich wollte er nie seine Autobiographie schreiben, zumindest nicht, bevor er nicht achtzig Jahre alt wäre. Er hielt sich einfach nicht für wichtig genug. Aber er hatte ein Leben gelebt, wie es am Ende des 18. Jahrhunderts kaum aufregender hätte sein könnte: aufgewachsen als Bauernsohn, studierte er zunächst in Leipzig Theologie, bis er sich 1781 heimlich auf den Weg nach Frankreich machte. Unterwegs wurde er von hessischen Werbern rekrutiert und an die Engländer verkauft, als Kanonenfutter für den Krieg in Nordamerika. Als Unteroffizier kehrte der am Fuß verletzte Soldat 1783 aus Kanada zurück und desertierte.

Schließlich hatte Johann Gottfried Seume dann doch noch seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, als er bereits schwer krank war und merkte, dass er nicht mehr lange leben würde. Es ist ein relativ kurzes Manuskript, das die Geschichte eines Lebensreisenden erzählt, wie sie kaum spannender sein könnte. Weil sein erster Verleger Georg Joachim Göschen Angst vor der Zensur hatte, wurde der Text vor der Veröffentlichung noch einmal stark bereinigt und gekürzt; allzu freizügige Passagen wurden gestrichen.


Thomas Großbölting, Niklas Lenhard-Schramm (Hg.): „Contergan — Hintergründe und Folgen eines Arzneimittel-Skandals“

Sobald heute in den Nachrichten Meldungen von einem Arzneimittel-Skandal auftauchen, ist der Vergleich mit Contergan nicht weit. Contergan wurde zum Präzedenzfall und somit auch zum Referenzpunkt für alle zukünftigen pharmazeutischen Skandale.

Das von 1957 bis 1961 als Schlaf- und Beruhigungsmittel der Firma Grünenthal verschriebene Contergan galt als angenehme Arznei ohne Nebenwirkungen. Leider hatte sich diese Einschätzung in Bezug auf schwangere Frauen als katastrophal falsch erwiesen, wie die zunehmenden Fälle von Missbildungen an neugeborenen Kindern zeigten. Contergan blieb auf dem deutschen Markt, wurde weiterverkauft und konsumiert. Eine Arzneimittel-Prüfung, wie sie heute selbstverständlich ist, gab es damals noch nicht.

In der Tat war es vor allem der Contergan-Skandal, der zu einer Verschärfung des Arzneimittel-Gesetzes sowie für die Pharma-Industrie zu höheren Auflagen und erschwerten Prüfungsmechanismen vor der Marktzulassung eines neuen Medikaments führte.


Lisbeth Exner, Herbert Kapfer (Hg.): „Verborgene Chronik 1915–1918“

Es ist ein verstörendes Dokument der Zeitgeschichte, das uns den Wahnsinn des Krieges in all seinen Facetten präsentiert wie durch die Polyphonie eines vielstimmigen griechischen Chores. Die Tagebuchaufzeichnungen von 111 Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs mit insgesamt 1.509 Einträgen lassen keinen Leser kalt. Diese unmittelbaren Zeugnisse des Erlebten, Gesehenen und Erlittenen konfrontieren den Leser aus erster Hand mit der kolossalen Wucht einer traumatisierenden Wirklichkeit und eines totalen und alle Zivilisation zerstörenden Krieges. Es war ein totaler Krieg, und er wütete an allen Fronten, im Felde und zur See, in der Luft und am Boden, im Feindesland und daheim.

Die NZZ sprach von einer „multiperspektivischen Nahaufnahme“ des Ersten Weltkriegs, und diese Beschreibung trifft es wohl am besten. Es gibt keinen Filter, keine Geschichtsschreibung, welche die großen Zusammenhänge objektiv reflektieren und für den Leser aufbereiten kann, sondern wir sind mittendrin im Schlachtfeld, im Stellungskrieg oder im Gefangenenlager, im Lazarett oder zuhause an der Heimatfront.


Ewald Frie: „Die Geschichte der Welt“

Manche Leute trauen sich was! — Vor einiger Zeit landete ein neuer Wälzer auf dem Tisch des Rezensenten, der im renommierten C. H. Beck-Verlag erschienen ist: Die Geschichte der Welt von Ewald Frie, illustriert von Sophia Martineck. Was ist das denn?! – Das war die erste und spontane Reaktion auf den Titel: eine Weltgeschichte also, so so.

Ewald Frie ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen, und er ist Vater von zwei Kindern. Beides zusammengenommen, inspirierte ihn zu diesem Buch. Es ist eine Geschichte der Welt auf 464 Seiten. Eine Weltgeschichte für Jung und Alt, die dank der zahlreichen Illustrationen auch einem jungen Publikum gefallen soll, dabei jedoch zugleich den Ansprüchen eines Erwachsenen an Form und Inhalt genügen soll.


Andreas Reckwitz: „Die Gesellschaft der Singularitäten“

Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz hat sich mit einem Phänomen beschäftigt, auf das auch schon viele andere Wissenschaftler vor ihm hingewiesen haben: das Verschwinden des Kollektivs. Unsere postmoderne Gesellschaft, so die These, setzt sich nicht mehr aus sozialen Gruppen, aus Klassen oder Schichten zusammen, sondern ist eine Gesellschaft der Einzelnen geworden — eben eine „Gesellschaft der Singularitäten“.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber bislang hat es noch keiner so schön formuliert wie Andreas Reckwitz: „Das Besondere ist Trumpf, das Einzigartige wird prämiert. […] Gesellschaften feiern das Singuläre.“ In einer durch die neoliberale Politik der Postmoderne entsolidarisierte und immer stärker entmündigte Gesellschaft verlieren Kollektive immer mehr an Bedeutung. Wenn der Einzelne jedoch keinen Halt mehr findet in einer Gruppenstruktur und seine Anerkennung nicht mehr auf Zugehörigkeiten fußt, bleibt nur noch der Weg ins Einzigartige, ins Besondere.


Thomas Piketty: „Ökonomie der Ungleichheit“

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Thomas Piketty durch den Welterfolg seines Buches Das Kapital im 21. Jahrhundert bekannt. In seiner umfangreichen Studie belegte Piketty die These, dass die Schere von Arm und Reich immer weiter auseinandergehen wird, solange sich am kapitalistischen System nichts Grundlegendes ändert. Das Phänomen der sozialen Ungleichheit ist das Resultat einer neoliberalen und globalen Wirtschaftsordnung, deren Ziel ausschließlich in der Gewinnmaximierung liegt.

Wem Piketty´s Kapital zu umfangreich ist, der wird über das Erscheinen des vorliegenden kleinen Büchleins über die Ökonomie der Ungleichheit glücklich sein. Piketty, Professor an der Pariser École d´Économie, versucht darin kurz und prägnant die Grundzüge seiner Forschungsergebnisse nachzuzeichnen.


Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: „Richtig gendern — Wie Sie angemessen und verständlich schreiben“

Richtig gendern — warum eigentlich? Es ist immer wieder faszinierend, welchen Einfluss der jeweils aktuelle Stand der kulturellen Sonne auf die Länge unserer Schatten haben kann. Was die meisten von uns vor zehn oder zwanzig wahrscheinlich für einen ziemlich schlechten Witz gehalten hätten, ist heute nicht nur zu einer Frage des guten Anstands geworden, sondern Gesetz.

Wer in der Öffentlichkeit kommuniziert, muss sich dem Diktum einer politisch korrekten und damit auch gender-gemäßen Sprache unterwerfen, wenn er verhindern möchte, früher oder später an den medialen Pranger gestellt zu werden.

Wie viele andere kulturelle Errungenschaften, so haben wir auch die Gender-Sprache vor einiger Zeit aus den USA importiert. Im Land der unbegrenzten Ungleichheit (zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Dumm und Schlau usw.) wird penibel darauf geachtet, dass keine noch so kleine Minderheit im öffentlichen Kommunikationsraum benachteiligt oder diskriminiert wird.

 


Scott Anderson: „Zerbrochene Länder — Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet“

Wer keinen direkten Zugang zur arabischen Welt hat und auch nicht über persönliche Bekanntschaften verfügt, die ihm tiefergehende Erkenntnisse ermöglichen über die großen Zusammenhänge und die kleinen Realitäten jener gar nicht so fernen Region des Nahen Ostens, der ist angewiesen auf das durch die Medien transportierte Bild jener fremden Welt.

Aus Mangel an Alternativen sind wir geneigt, den öffentlichen Narrativen zu folgen und jene Länder der arabischen Welt als chaotisch, zerfallen und zerbrochen anzusehen. Die Phänomene des Zusammenbruchs von staatlicher Ordnung und des rechtlichen Vakuums sind in vielen dieser Länder des Maghreb und des Nahen Ostens zu beobachten. In Zeiten des Bürgerkriegs und der Revolutionen brechen Gesellschaften auseinander, gehen Rechtstaatlichkeit und Sicherheit verloren und werden anarchische Rahmenbedingungen geschaffen für Willkür und Terror.


Jürgen Hohmuth: „Graustufen — Leben in der DDR in Fotografien und Texten“

So grau wie das Wetter in dieser Jahreszeit, so grau war es in der DDR, wenn der Wind mal wieder aus der Richtung des Braunkohlekraftwerks oder von den Chemie-Fabriken her wehte. In der kalten Jahreszeit sorgten die Ofenheizungen für einen milchigen Grauschleier, und das ganze Jahr über waren Trabis und Wartburgs auf allen Straßen der Republik unterwegs, um im Einsatz für den Fünf-Jahres-Plan die flächendeckende Eintrübung der Volksgenossen sicherzustellen. Das Kollektiv im Mief, sozusagen.

Was läge näher, als die Welt in Grau auf den guten alten Orwo-Filmen aus Wolfen (NP-15, NP20, NP-27) für die Nachwelt festzuhalten? Und was läge näher, als solche in Graustufen gehaltenen Fotos einer längst untergegangenen Episode der deutschen Geschichte an einem trüben Januar-Tag zu rezensieren?


Alain de Botton, John Armstrong: „Wie Kunst Ihr Leben verändern kann“

Für Immanuel Kant war ein Kunstwerk etwas, an dem wir uns erfreuen und ihm mit einem „interesselosen Wohlgefallen“ begegnen. Doch Alain de Botton ist das zu wenig. Was wäre, wenn Kunst eine therapeutische Funktion hätte und das Potenzial, unser Leben zu verändern?

Botton möchte der Kunst gerne wieder eine Funktion geben. Ganz in der englischen Tradition der Praktischen Philosophie geht er von einem utilitaristischen Kunstverständnis aus: Ein Kunstwerk ist dann gut, wenn es einen Nutzen erfüllt, in dem Fall den Nutzen einer heilsamen und lebensverändernden Wirkung auf den Betrachter.

In ihrem Buch verfolgen Alain de Botton und John Armstrong einen funktionalistischen Ansatz in der Auseinandersetzung mit Kunst. Sie fragen: Was bedeutet dieses Kunstwerk für mich und meine aktuelle psychische Situation? Wie kann dieses Kunstwerk mein Leben verändern und bereichern?


Robert Pfaller: „Erwachsenensprache — Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“

Irgendwann hat man aufgehört, mit uns Erwachsenen zu reden, wie man mit Erwachsenen redet. Irgendwann wurden wir zu Kindern degradiert, zu dummen kleinen Menschen, die überall Gefahr laufen, das Falsche zu tun und damit sich und Anderen zu schaden. Irgendwann meinte der Staat, uns entmündigen und uns wieder Vorschriften machen zu müssen, vor allem um uns vor uns selbst zu schützen. Und irgendwann fing es an, dass sich jeder vom Anderen potenziell bedroht und beleidigt fühlte, wenn er nicht in allen Facetten seiner Individualität von allen anerkannt und geschützt wurde.

Robert Pfaller legt mit Erwachsenensprache ein Buch vor, das aus acht Abschnitten besteht. Der wichtigste, wortgewaltigste und am stärksten aufwühlende Abschnitt ist der erste — jene 50 Seiten über die „Erwachsenensprache“ und ihr Verschwinden.


Hanns-Josef Ortheil: „Mit dem Schreiben anfangen — Fingerübungen des Kreativen Schreibens“

Was für ein schönes und inspirierendes Arbeitsbuch! Ohne Schnickschnack und langes Um-den-heißen-Brei-Herumreden gibt Hanns-Josef Ortheil Tipps aus der Schreibpraxis und zeigt dem schriftstellerischen Aspiranten, was beim Schreiben wirklich wichtig ist, worauf es ankommt — und worauf eben Wgerade nicht.

Manchmal sind es die kleinen und unscheinbaren Dinge, die genauso wichtig sind wie das große Ganze: Wie sieht mein Schreibplatz aus? Wo schreibe ich und wann? Welches Handwerkzeug benutze ich? Welche Dinge brauche ich in meiner unmittelbaren Umgebung? Was unterstützt mich in meiner Kreativität und was lenkt mich eher ab?

Dieses Buch ist, wie bereits gesagt, ein Arbeitsbuch. Man muss mit ihm arbeiten, und welchen besseren Schreibtrainer könnten wir uns hierfür denken als Hanns-Josef Ortheil?


Marie Luise Knott: „Dazwischenzeiten — 1930. Wege in der Erschöpfung der Moderne“

Das Jahr 1930 war der Anfang vom Ende der Weimarer Republik, jenes vielleicht aufgrund seiner Rahmenbedingungen von Beginn an zum Scheitern verurteilten Versuches einer ersten demokratischen und parlamentarischen Gesellschaftsordnung auf deutschem Boden.

Man muss den Titel genau lesen: Knott spricht nicht von Wegen in die Erschöpfung, sondern von Wegen in der Erschöpfung. Die Erschöpfung ist also schon längst da und allgegenwärtig.
Die Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 1929 mit ihren explodierenden Arbeitslosenzahlen, der Notverordnungen, den Straßenkämpfen zwischen Rot und Schwarz und den immer größeren Wahlerfolgen der Nationalsozialisten war geprägt von einer allgemeinen Unsicherheit der Verhältnisse und der persönlichen Orientierungslosigkeit vieler Menschen.


Stefan Bollmann: „Monte Verità — 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt“

Es ist eine bunte Truppe junger Leute, die in einem Schwabinger Lokal beschließen, aus ihren bisherigen Leben auszusteigen und einen Ort zu suchen, an dem sie gemeinsam leben und ein alternatives Leben aufbauen können. Die Schwestern Ida und Jenny Hofmann, der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven, die Brüder Gräser, der Theosoph Ferdinand Brune und Charlotte Hattemer, die Tochter eines preußischen Eisenbahningenieurs, die ihren Eltern den Rücken gekehrt und sich seitdem allein durchs Leben geschlagen hat; jetzt mit Anfang zwanzig, schließt sie sich der bunten Truppe an, die ihr Glück selbst in die Hand nehmen will.

Angeregt durch ein Büchlein des russisch-deutschen Philosophen Afrikan Spir, Vorschlag an die Freunde einer vernünftigen Lebensführung, sowie durch andere Schriften verschiedener Autoren wollen die Freunde mit der verlogenen Kultur und Gesellschaft ihrer Zeit brechen und den Weg zurück zu einem natürlichen und friedlichen Leben finden. Das geht nicht in Schwabing, sondern nur in der Natur.


Oskar Aichinger: „Ich bleib in der Stadt und verreise — Vom Gehen und Verweilen in Wien“

Der Musiker Oskar Aichinger ist kein gebürtiger Wiener, aber er lebt schon seit vielen Jahren in der österreichischen Hauptstadt. Jetzt ist sein Buch mit Spaziergängen durch das heutige Wien im Picus-Verlag erschienen. Es gäbe kaum einen besseren Verlag für seine Veröffentlichung als diesen Verlag, zu dessen Schwerpunkten und Spezialitäten die Reiseliteratur zählt. Man kennt vor allem die erfolgreiche Reihe der Lesereise, in welcher der vorliegende Titel jedoch nicht erschienen ist.

Aichinger liebt seine Stadt, und er liebt es, sich immer wieder von seiner Wohnung aus auf den Weg zu machen und zu schauen, wohin es ihn diesmal treibt. Wie der Autor selbst meint, ist er eher ein schneller Geher — auf keinen Fall ein Läufer, denn darin sieht er keinen Sinn. Wer läuft, ja, laufen muss, der ist auf der Flucht, oder er will ganz, ganz schnell von A nach B, hetzt einem bestimmten Ziel entgegen. Ja, das kann doch nicht der Sinn eines Stadtspaziergangs sein, der die Sinne öffnen und den Spaziergänger mit neuen Eindrücken überraschen soll!


Bernhard Schlink: „Olga“

Olga Rinke wird in der Kaiserzeit geboren, wächst im Breslau des späten 19. Jahrhunderts in einem armen Umfeld auf, verliert schon in jungen Jahren beide Eltern, die an Fleckfieber erkranken, und wird von der Großmutter in einem Dorf in Pommern aufgezogen; die Großmutter findet, dass Olga einen slawischen Einschlag habe, und sie liebt das Mädchen nicht, sondern behandelt es schlecht. Doch Olga ist ehrgeizig, will mehr erreichen als die anderen Kinder, und sie schafft es, dass sie an der Höheren Mädchenschule aufgenommen wird; später gelingt ihr sogar der Sprung in das staatliche Lehrerinnenseminar in Posen. Sie wird Lehrerin und bleibt in der Provinz, erst in dem kleinen Dorf in Pommern und später in der Nähe von Tilsit im Memelland.

In dem pommerschen Dorf lebt auch Herbert, ein junger Bursche mit glänzenden Aussichten, denn der Vater besitzt einen Gutshof und eine Zuckerfabrik, die er einmal übernehmen soll. Doch Herbert hat andere Pläne, träumt von fernen Reisen und davon, dass er Bedeutungsvolles für die Menschheit leisten will.


Philippe Brenot, Laetitia Coryn: „Sex Story — Eine Kulturgeschichte in Bildern“

Eigentlich werden in diesem Blog keine Bilderbücher besprochen, aber hier macht der Rezensent gerne eine Ausnahme, denn es geht um: Sex.

Also: Let´s talk about sex! Angepriesen wird eine Kulturgeschichte [der Sexualität] in Bildern — na, wenn das kein tolles Versprechen ist?! Doch erwarten Sie nicht zuviel! Dieses Buch ist aus dem Französischen übersetzt worden, und bei den Bildern handelt es sich nicht etwa um detailreiche Fotografien, sondern um Cartoons.

Es ist also ein Bilderbuch für Erwachsene, in dem die Kulturgeschichte der Sexualität auf leichte Weise erzählt wird: unverklemmt, oftmals ein bisschen witzig, locker und leicht wie ein Beaujolais Primeur und eben durch und durch französisch.


Joachim Ringelnatz: „Wie ein Spatz am Alexanderplatz — Berliner Orte“

Mit Ringelnatz geht es mir immer so wie mit einem alten Bekannten: Man trifft ihn zufällig auf der Straße, seit Jahren hat man sich nicht gesehen, und doch hat man schon nach ein, zwei Sätzen wieder an die alte Verbundenheit angeschlossen, scherzt und lacht miteinander und verabredet sich spontan auf ein Bierchen am selben Abend. Vieles von Ringelnatz kennt man ja schon, schließlich gehören seine Gedichte mittlerweile zurecht zu den „Klassikern“…

In diesem schicken kleinen Büchlein, erschienen im be.bra-Verlag, geht es aber explizit um „Berliner Orte“, die in seinen Gedichten besungen werden. Geboren 1883 in Wurzen bei Leipzig, lebte er lange Zeit in München, jener „dümmsten Stadt der Welt“, wie es in einem seiner Gedichte heißt, bevor er dann 1930 nach mehreren kürzeren Aufenthalten endlich nach Berlin umzog.


Irène Kuhn: „Découvrir la France — Frankreich entdecken“

In diesem Jahr war Frankreich das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Pünktlich zu diesem Anlass kam ein kleines Büchlein bei DTV heraus, dass zweisprachig dazu einlädt, Frankreich zu entdecken.

Irène Kuhn erzählt in ihm die kleine Geschichte von Katia und Pierre. Katia kommt das erste Mal nach Frankreich, um das Land, die Franzosen und ihre Gepflogenheiten — und vor allem ihren Brieffreund Pierre kennenzulernen. Was zunächst nach einem leichtfüßigen Drehbuch aus den 1950er Jahren klingt, beginnt im elsässischen Straßburg als eine mehrwöchige Tour de France, die die beiden Freunde nicht nur in Kontakt mit Bäckern, Tankwarten oder Kellnern, sondern auch die beiden einander näherbringt.


Henry Hitchings (Hg.): „Die Welt in Seiten — Liebeserklärungen an Buchhandlungen“

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie eine gewisse Affinität zu geschriebenen Texten haben; und es ist ebenso nicht unwahrscheinlich, dass Sie sich in der Nähe von Büchern wohlfühlen. Viele von uns mögen Bücher, ja, lieben sie sogar und können gar nicht genug von ihnen haben. Je mehr Bücher einen umgeben, desto wohler fühlt man sich. Daher sind Buchhandlungen der natürlichste Aufenthaltsort für einen Bücherliebhaber. Denn wer Bücher liebt, ist immer auf der Suche nach neuen Büchern, die er noch nicht kennt, von denen er aber — wenngleich oft nur unbestimmt — weiß, dass es sie gibt, ja, geben muss.

Nun kann man die unübersehbare Schar jener Liebhaber des gedruckten Wortes einteilen in jene, die ihre bibliophilen Neigungen eher an frisch Fabriziertem ausleben, und jenen, deren Interesse vor allem jenen bereits vor langer Zeit „auf den Markt“ gekommenen Exemplaren gilt, welche bereits von Anderen gelesen, benutzt und beansprucht wurden.


Philosophie Magazin, Reclam Verlag (Hg.): „Sind wir dafür geschaffen, in Paaren zu leben?“

Seien wir ehrlich: Früher oder später kommt man in einer Partnerschaft an einen Punkt, an dem man sich fragt, ob das Leben als Paar wirklich der Weisheit letzter Schluss sein kann. Die Antwortet lautet natürlich: nein. Und ebenso natürlich gehen wir — und alle Anderen — immer wieder neue Partnerschaften ein, denn dieses Mal wird natürlich alles anders sein als in den x Partnerschaften davor, dieses Mal wird es klappen, jetzt, morgen und bis ans Ende des Lebens.

Skepsis ist durchaus angebracht, und somit ist geradezu folgerichtig, dass sich diese zweite Kooperation des Philosophie Magazins und des Reclam-Verlags gleich nach der Frage nach dem Sinn des Arbeitens gerade diesem einen Thema des Paar-Lebens widmet.

Ein kleines Büchlein ist herausgekommen: größer als die üblichen gelben Reclam-Bändchen, jedoch kleiner als ein gewöhnliches Taschenbuch. Giftgrün ist der Rahmen (wie passend!), und das Paar auf dem Cover — sie stehend im Fiat 500 und er daneben stehend — dreht dem Betrachter den Rücken zu und schaut aufs offene Meer. Eine gute Idee, die Ziele für das gemeinsame Leben nicht in sich selbst zu suchen, sondern irgendwo da draußen in der Welt, warum also nicht am fernen Horizont?!