Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Dana Giesecke, Hans-Georg Soeffner, Klaus Wiegandt (Hg.): „Welzers Welt — Störungen im Betriebsablauf“

In diesem Sommer (2018) wird Harald Welzer 60. Ein guter Anlass, Kollegen und Weggefährten um ihre Beiträge zu bitten und sich auf die eine oder andere Art mit „Welzers Welt“ auseinanderzusetzen. Der bekannte Sozialwissenschaftler und Gründer der Stiftung „Futur Zwei“ ist seit vielen Jahren in den Medien präsent. Als streitfreudiger Kämpfer für ein „Selbstdenken“ und Umdenken im Sinne der Nachhaltigkeit fällt er nicht zuletzt durch sein lässiges und unprätentiöses Auftreten auf.

„Welzers Welt ist einerseits gekennzeichnet von ‚Störungen im Betriebslauf‘ […] auf dem Weg in eine zweifelhafte Zukunft. Andererseits ruft Welzer zum Selbstdenken auf, weil Autonomie und Freiheit für ihn die zentralen Leitwerte seiner Vorstellung von Politik und Leben sind.“


L. J. Müller: „Sound und Sexismus — Geschlecht im Klang populärer Musik. Eine feministisch-musiktheoretische Annäherung“

Es gibt Gesangsstimmen, die klingen einfach sexy. Das ist aber nicht die Frage. Frauen wie Männer bedienen die gängigen Rollenklischees, seit es Vokalmusik gibt. Doch in unserer Gegenwart sind wir sensibler geworden, was die Verbindung von Sexualität und Macht betrifft, und wir achten sehr darauf, dass im zwischenmenschlichen Umgang Geschlechtergerechtigkeit herrscht.

Mit anderen Worten soll im Zuge der Gender-Politik ein allgemeines Bewusstsein für das „soziale Geschlecht“ (Gender — im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (Sex)) geweckt werden, welches unser Zusammenleben stärker prägt, als viele es wahrhaben möchten.

Aus dieser Perspektive stellt sich natürlich die interessante Frage, inwieweit die Rollenklischees in der Popmusik bedient oder gar überstrapaziert werden.


Gerdien Jonker: „Etwas hoffen muss das Herz — Eine Familiengeschichte von Juden, Christen und Muslimen“

„Dieses Buch handelt von der Geschichte einer preußisch-jüdischen Familie mit einem ausgeprägten Sinn für Reformen.“ Aus der westpreußischen Heimat wandern die Oettingers über Berlin bis nach London. Die letzte Etappe nach Britisch-Indien sollte wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gelingen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit reicht diese bemerkenswerte Familiengeschichte. Es ist vor allem eine Geschichte des Verhältnisses von Juden und Muslimen vor dem Hintergrund der Reformbewegungen.

„In der Geschichte der Familie Oettinger wechseln vier aufeinanderfolgende Generationen ihre Religion.“ Wäre diese Familiengeschichte die Grundlage für einen Roman, so müsste sich der Autor die Frage gefallen lassen, ob er die interkonfessionelle Mobilität seiner Figuren nicht ein wenig überstrapaziert. Doch alle hier geschilderten Begebenheiten sind wahr und keine Fiktion!


Barbara Streidl: „Langeweile“

In Reclams kleiner Buchreihe der „100 Seiten“ finden sich Titel über dies und das, über Gott und die Welt — warum also nicht auch über die Langeweile?! Wir alle kennen Langeweile. In der Regel wird sie als ein ungeliebter Zustand empfunden, den man möglichst schnell wieder beenden und überwinden möchte. So assoziieren wir mit Langeweile meist Stillstand, Warten und Zeitverschwendung. Dies ist ein spätes Erbe unserer vom Christentum und vom anglo-amerikanischen Kapitalismus geprägten Gesellschaft; spätestens seitdem Benjamin Franklin 1748 in seiner Schrift „Advice to a Young Tradesmen“ das Motto „Zeit ist Geld“ herausgegeben hatte, wurde die Zeit ökonomisiert und dem Rentabilitätsdenken unterworfen.

Barbara Streidl zeigt in ihrem schlauen Essay über die Langeweile, dass wir sie aber auch ganz anders interpretieren könnten: als eine Zeit des Durchatmens, der Entschleunigung sowie als Quelle und Vorbedingung jeder Form von Kreativität. Denn der angestrengte und in stressige Arbeitsprozesse eingebundene Geist hat einfach keine Zeit für Kreativität; so gesehen, kann schnell aus einem ungeliebten und als sinnlos erachteten Wartezustand eine begrüßenswerte Unterbrechung des permanenten Wettlaufs werden.


Martin Meyer: „Gerade gestern — Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten“

Die Schweiz. Das Feuilleton der NZZ. Das steht für Gediegenheit. Seriosität. Korreliert man dies mit dem Phänomen des Verschwindens, so entsteht eine leicht melancholische Stimmung, vielleicht gepaart mit einer gewissen Sentimentalität und dem Gedanken, dass die wirklich guten Zeiten immer jene waren, die jetzt unwiederbringlich vorbei sind.

In solch eine leicht melancholische Stimmung gehüllt, lassen sich Meyers kurze Essays vielleicht am besten genießen. Es ist eine Stimmung, die fern jeder Larmoyanz und Trübsinnigkeit den Reichtum unserer Kultur vor unserem geistigen Auge entfaltet und zeigt, wie leicht wir uns auf das Gewohnte verlassen und wie sehr wir überrascht sind, wenn es eines Tages verschwunden ist.

Man wird diese anregende Lektüre wohl eher genießen, wenn man selbst ein gewisses Alter erreicht hat.


Jakob Augstein (Hg.): „Reclaim Autonomy — Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung“

Vor einigen Tagen landete eine Mail im Briefkasten: „Hitler war ein Britischer Agent! Wie kann man von einem Mann ein Wohlwollen gegenüber dem Deutschen Staat erwarten, der im Dienst einer fremden Macht stand? England‼ Um die Sache mehr zu verdeutlichen, warum sagt uns Niemand, daß der Großkopf Adolf perfekt Englisch sprach und Französisch? Wo war Hitler in der Zeit zwischen 1911 und 1914? Er war in England und Irland. Eigenartig, da gibt es eine Lücke in dem Geschichtsbewußtsein gewisser Leute. Das Victorianische Zeitalter mit anderen Mitteln läßt grüßen.“ [Die schönen Schreibfehler wurden bewusst nicht korrigiert.]

Wir haben sehr gelacht. Wie muss es im Kopf von Leuten aussehen, die solche Mails schreiben oder (noch schlimmer) solche Mails lesen für wahr halten?! — Es lässt sich nicht leugnen, dass wir seit AfD und Pegida, seit Trump und Bannon, seit Breitbart und Compact, seit Orbán, Strache, Kurz und Salvini, seit Marine Le Pen und Geert Wilders und wie sie alle heißen — kurz: seit dem internationalen Siegeszug der Rechten und Populisten in den letzten Jahren einen fundamentalen Paradigmenwechsel im Umgang mit den Medien beobachten müssen.


Ljuba Arnautović: „Im Verborgenen“

Es gibt Geschichten, die berühren das Herz des Lesers, weil sie sich, anders als andere Geschichten, vorbei an allen Wegmarkierungen und sich allen kategorialen Einordnungen widersetzend, einen Weg bahnen durch die gängigen Abwehrmechanismen einer routinemäßigen Lektüre.

Ein solcher Ausbruch aus den Routinen gelingt einer Geschichte, die unsere Neugier weckt, weil sie ungewöhnlich ist und den Leser mit unbekannten historischen Zusammenhängen oder neuen Perspektiven in Berührung bringt, die ihm bislang verschlossen geblieben sind.

Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer eigenen Familie über mehrere Generationen, wobei sie am Ende des Romans anmerkt, dass diese Geschichte zwar auf wahren Begebnissen beruht, jedoch nicht als eine „strenge Wiedergabe realer Personen, Orte, Zeitabläufe oder Ereignisse“ verstanden werden will.


Therese Schneider: „Berliner Spaziergänge — Die schönsten Wege durch die Stadt“

Es wäre vielleicht nicht ganz richtig, Berlin als die Stadt der Flaneure zu bezeichnen; diesen Ehrentitel hat natürlich Paris verdient, und doch hat das Flanieren auch in Berlin eine lange Tradition. Allen voran war es Franz Hessel, der mit seinem Buch Spazieren in Berlin (1929) ein „Lehrbuch der Kunst, in Berlin spazieren zu gehen“ geschrieben und der eigenen Flanerie ein Denkmal gesetzt hat. Gleich zu Beginn beschreibt Franz Hessel, worauf es beim Flanieren wirklich ankommt: „Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der andern, es ist ein Bad in der Brandung.“

Im Zusammenhang mit dem Flanieren in Berlin darf natürlich auch der Hinweis auf Walter Benjamin nicht fehlen, welcher von der hohen Kunst sprach, sich in der eigenen Stadt zu verlaufen und der sich schon als Kind nicht selten „in die asphaltenen Bänder der Straße hoffnungslos verstrickt“ hatte, wie er in seiner Berliner Kindheit um 1900 schrieb. Ebenfalls Erwähnung finden müsste an dieser Stelle aber auch Siegfried Kracauer, der als Flaneur und Soziologe sowohl in Berlin als auch in Paris die Straßen ziellos durchstreifte und in diesem Straßengewirr und Häuserlabyrinth den „Text der Stadt“ zu lesen versuchte.


Marco d´Eramo: „Die Welt im Selfie — Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“

Wir leben im „touristischen Zeitalter“, konstatiert der italienische Journalist Marco d´Eramo in seinem jüngst in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienenen Buch Die Welt im Selfie.

Es handelt sich um eine kritische Bestandsaufnahme der bestehenden Verhältnisse. Im Original lautet der Titel „indagine sullétà del turismo“, also eine „Umfrage zum Tourismus“, während man im Deutschen von einer „Besichtigung des touristischen Zeitalters“ spricht, was natürlich um Einiges cooler und irgendwie auch typisch deutsch klingt.

Aber was ist eigentlich typisch deutsch? Sobald wir beginnen zu typisieren, werden Stereotype aus der Mottenkiste hervorgeholt. Pauschalisierungen helfen uns beim Reisen einerseits, die unbekannten und fremden Verhältnisse in eine für uns leichter verständliche und konsumierbare Ordnung zu bringen. Diesen Zweck erfüllen Reisevorbereitungen (Reiseführer, Dokumentationen) vor dem Reiseantritt.


Joel Sartore, Inka Friese: „Einzigartig — Jedes Tier ist ein Wunder“

Der amerikanische Fotograf Joel Sartore liebt Tiere. Und er möchte, dass auch andere Menschen diese Tiere lieben und kennen lernen. Denn diese Tiere sind bedroht. Von uns Menschen bedroht. Deshalb hat er ein einzigartiges Fotoprojekt gestartet: die „Photo Ark“ (Foto-Arche).

Joel Sartore fotografiert und schreibt viel für das National Geographic Magazine. Er hat sich auf die Dokumentation von bedrohten Arten und Landschaften rund um die Welt spezialisiert. Er ist auch der Gründer der „Photo Ark“, eines 25-jährigen Projekts zur Rettung von Tierarten und Habitaten.

Für die „Photo Ark“ fotografiert Sartore diese einzigartigen und wunderschönen Tiere vor einem neutralen Hintergrund. Seine Arbeitsweise entspricht der eines Forschers: Das Tier, das Objekt, wird vor einem neutralen (weißen oder schwarzen) Hintergrund aufgenommen, herausgelöst aus seinem Habitat, seiner natürlichen Umgebung.


Barbara Ehrenreich: „Wollen wir ewig leben? — Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle“

Wie sähe ein ewiges Leben aus? Wäre es überhaupt wünschenswert? Selbst wenn es medizinisch machbar wäre? Woher nähmen wir dann unseren Antrieb? Welchen Sinn hätte überhaupt solch ein ewiges Leben?

Die amerikanische Biologin, „Wissenschaftsfreak“ und „Amateursoziologin“ (als die sie sich selbst bezeichnet) Barbara Ehrenreich hat ein interessantes Buch über die Wellness-Epidemie und den Gesundheitswahnsinn unserer Zeit geschrieben. Darin geht es implizit auch um die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Tatsache der eigenen Sterblichkeit. Richtig kann dieser Umgang immer nur individuell sein; jeder muss seine eigene Antwort auf diese Frage finden.


Clemens Füsers: „Jahrhundertkneipen in Berlin“

Es ist leider wahr: Als gebürtiger Berliner ist man arrogant. Eigentlich denkt man, man hat alles gesehen und kennt jeden Winkel seiner Stadt. Natürlich ist das Unsinn, aber so sind wir Berliner nun einmal. — So ähnlich ging es mir, als ich von dem vorliegenden Buch hörte: Jahrhundertkneipen in Berlin soll es präsentieren. Na ja, klar! Kenn´ich doch… Da haben wir den Tattersall, Hoeck und Leydicke, die Letzte Instanz und dann noch… Ich merkte, wie ich ins Stocken kam. Doch immerhin siebzehn Etablissements werden hier vorgestellt! Siebzehn?! — So schlug ich das Buch auf und begann zu staunen.

Wenn in Berlin zwei Straßen aufeinandertreffen, so ergibt das vier Häuserecken und mindestens fünf Kneipen — so lautet das Klischee und so sah es in manchen Vierteln vor hundert Jahren auch tatsächlich aus. Doch damals gab es nicht nur „Kneipen“, sondern auch Budiken, Destillen, Likörstuben, Tabagien und Ausspannungen oder auch gediegenere Bierpaläste, Weinhäuser, Groß-Restaurationen oder Ratskeller für die „gehobenen Stände“. —Was wir heute pauschal als „Kneipe“ bezeichnen, kannte seinerzeit viele Varianten.


Matthias Heine: „Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland — Wie der Erste Weltkrieg die deutsche Sprache für immer veränderte“

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war die deutsche Sprache auf Expansionskurs. In den neuerworbenen Kolonien in Afrika, im Pazifik und in China wurde Deutsch gesprochen und in Schulen gelehrt.

„In den Kolonien in Afrika, China und im Südwestpazifik redeten Soldaten, Priester, beamte und Kolonisten Deutsch und brachten so auch Einheimische dazu, sich immer häufiger Grundkenntnisse der Sprache des Tausende von Kilometern entfernten Landes anzueignen. Kurz vor Ausbruch des Krieges wurde die Ausbreitung des Deutschen auch durch eine systematische Schulpolitik gefördert.“

Aber auch in den Wissenschaften, in Forschung und Lehre wurde die deutsche Sprache dank der Menge an wissenschaftlichen Entdeckungen und industriellen Entwicklungen zumindest vorübergehend zu einer weltweit gebräuchlichen Wissenschaftssprache.


Arnold Hauser: „Sozialgeschichte der Kunst und Literatur“

Arnold Hauser (1892 – 1978) zählt zweifellos zu den bedeutendsten Kultursoziologen des 20. Jahrhunderts. Ab 1916 gehörte er (durch Vermittlung seines Freundes Karl Mannheim) dem Budapester Sonntagskreis um Georg Lukács an, was für seine weitere intellektuelle und wissenschaftliche Entwicklung prägend war.

Kunst war für Hauser der standortgebundene Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustands. Er verstand ein Kunstwerk auch (in Anlehnung an Karl Mannheims Wissenssoziologie) als ein „soziologisches Dokument“ sowie als eine gesellschaftliche Momentaufnahme, die immer auch ideologiekritisch hinterfragt werden kann und muss.

Dem Freund und Philosophen Karl Mannheim ist es auch letztlich zu verdanken, dass Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur geschrieben wurde: 1940 hatte ihn Mannheim um ein Vorwort zu einer Anthologie kunstsoziologischer Aufsätze gebeten; dieses Vorwort wurde nie geschrieben.


Rüdiger Barth, Hauke Friederichs: „Die Totengräber — Der letzte Winter der Weimarer Republik“

Es ist die Chronik eines angekündigten Untergangs. Die politischen Ereignisse des letzten Winters der Weimarer Republik 1932/33 wiesen alle in dieselbe Richtung. Die Machtübernahme durch die NSDAP am 30. Januar 1933 war die logische Konsequenz, ja: das Ziel dieser Vorbereitungen. Danach vollzog sich sukzessive die Umwandlung der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik in eine nach dem Führerprinzip agierende zentralistische Diktatur.

Rüdiger Barth und Hauke Friederichs belegen eindrücklich in ihrem über 400 Seiten starken Sachbuch, wie das Ende der Demokratie zu Beginn der 1930er Jahre mit den Händen zu greifen war. Das Ganze liest sich packend, ist spannend wie ein Polit-Thriller — und erschütternd zugleich. Denn man weiß ja, wie dieses unheilvolle Kapitel deutscher Geschichte weiterging.


Jan Zimmermann (Hg.): „… in den giebeligen und winkeligen Straßen dieser mittelgroßen Handelsstadt — Das Lübeck der Buddenbrooks in frühen Fotografien“

Es gibt Bücher, die herausstechen aus der Vielzahl von Publikationen, weil sie anders sind, von einer anderen Qualität, sei es des Inhalts oder der Form. Im vorliegenden Fall ist es die besondere Qualität sowohl der Form als auch des Inhalts, und warum das so ist, soll im Folgenden kurz erklärt werden.

Thomas Manns Roman Buddenbrooks ist Schullektüre. Eigentlich hat jeder diesen Gesellschaftsroman über den Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie in der Schule gelesen oder vielleicht auch eine der besseren Verfilmungen des Stoffs im Kino oder Fernsehen gesehen. Der Inhalt sollte also geläufig sein.

Das vorliegende Bilderbuch mit zeitgenössischen Fotografien aus dem alten Lübeck um 1900 geht aber über alle nachträglichen Visualisierungsversuche weit hinaus, denn es präsentiert entlang einiger repräsentativer Textpassagen das echte Lübeck aus der Entstehungszeit des Romans!


Eva Illouz (Hg.): „Wa(h)re Gefühle — Authentizität im Konsumkapitalismus“

Stellen wir uns ein Date vor. Die Vorbereitungen, die Mann und Frau treffen, sind sehr unterschiedlich: unterschiedlich lang und unterschiedlich kostenintensiv.

„Nach dem Treffen beurteilen sie seinen Wert, der hier auf einem impliziten Vergleich zwischen seinem finanziellen und seinem emotionalen Wert und auf dem Verhältnis zwischen ihrem Einsatz und dessen emotionaler Rendite beruht“, schreibt die israelische Soziologin Eva Illouz in der Einleitung zu dem vorliegenden Sammelband.

Mit anderen Worten fragen sich beide im Nachhinein, ob es sich „gelohnt“ hat. Rationalität wird demnach „zu einem allgegenwärtigen Merkmal menschlichen Handelns“ und ist eine natürliche Folge der bis in allen Enden durchdeklinierten Ökonomisierung aller Lebensbereiche unserer kapitalistischen Gesellschaft.


Alfred Weidinger, Mona Horncastle: „Gustav Klimt — Die Biografie“

2018 ist Klimt-Jahr: Am 6. Februar 1918 starb der weltberühmte Maler in Wien. Zahlreiche Anekdoten ranken sich seit jeher um das Leben und Werk von Gustav Klimt. Wie das nun einmal mit Anekdoten der Fall ist, entsprechen sie nicht immer (und manchmal nur in den seltensten Fällen) der Wahrheit. Daher haben sich Alfred Weidinger und Mona Horncastle dazu entschieden, im „Klimt-Jahr“ 2018 dieses falsche Klimt-Bild zu korrigieren und unter Heranziehung aktueller Forschungsergebnisse eine Biografie zu schreiben, die einen neuen und wissenschaftlich gesicherten Blick auf den Maler und Menschen Gustav Klimt wirft.

Das sehr gediegen wirkende und mit einem gelben Schnitt als Hardcover im Brandstätter-Verlag erschienene Buch verspricht zunächst eine umfangreiche Lektüre von mehreren hundert Seiten; doch erfreulicherweise entspricht die Papierqualität dem hochwertigen Inhalt, das Papier ist dick und die Biografie nur 268 Seiten dick — zuzüglich eines umfangreichen Anhangs.


Katharina Mahrenholtz, Dawn Parisi: „Luftikus und Tausendsassa — Verliebt in 100 vergessene Wörter“

Luftikus und Tausendsassa gehört zu jener Kategorie von Büchern, die man nicht vermisst, solange sie nicht geschrieben wurden, die man aber keinesfalls mehr missen möchte, sobald man sie in den Händen hält. — Wunderbar! Eine hübsche kleine Sammlung von 100 Wörtern, die nahezu in Vergessenheit geraten sind — oder zumindest nur noch von uns älteren Jahrgängen ab und an verwendet werden.

Was finden sich darin für Perlen der deutschen Sprache! Vom Adamskostüm bis zum Zipperlein, von Fisimatenten bis Kinkerlitzchen über Remmidemmi, den Strauchdieb und Sperenzchen bis zu zappenduster hat die Kulturwissenschaftlerin Katharina Mahrenholtz eine schöne Kollektion leicht angestaubter Ausdrücke zusammengestellt.


Prinzessin Märtha Louise, Elisabeth Nordeng: „Hochsensibel geboren — Wie Empfindsamkeit stark machen kann“

„Wie Empfindsamkeit stark machen kann“ ist der Untertitel. Das trifft in etwa den roten Faden des Buches.
Zunächst liest man eine — wie eine Verteidigung klingende —Auflistung der Studien und Forscher, die bestätigen, es gibt sie: Hochsensibilität ist keine Einbildung. Auf diesen ersten Seiten auch der Hinweis, es solle für Menschen, die anders und womöglich unerkannt hochsensibel sind, ein Richtungsweiser sein. Und den Menschen, die mit diesen besonderen Menschen zusammenleben, zur Erklärung und Verständnis verhelfen.

Das mag alles zutreffen. Trotz vieler vorne angegebener Kapitel wird das Buch zu einem interessanten und flotten Spaziergang durch alle Lebensbereiche. Mit vielen Episoden aus dem Leben der beiden Autorinnen. Wobei Prinzessin Märtha Louise etwas mehr schreibt. Die Kapitel — die als solche thematisch nicht auffällig werden — folgen flüssig aufeinander und es ist interessant zu folgen.