Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Wolfram Eilenberger: „Zeit der Zauberer — Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929“

Wolfram Eilenberger hat sich das „große Jahrzehnt der Philosophie“, die Zeit von 1919 – 1929, vorgenommen und anhand von vier zentralen Figuren die Bedeutung dieser Dekade für die Philosophie ihrer Zeit und weit darüber hinaus zu ergründen versucht. Das Ergebnis ist in diesem über 400 Seiten starken Buch nachzulesen.

Es sind die vier Säulen der Philosophie in der Weimarer Zeit — in alphabetischer Reihenfolge Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein —, die jeder auf seinem Weise nicht nur die Philosophie ihrer Zeit durcheinander wirbeln, sondern mit ihren Arbeiten und Theorien auch den Grundstein für andere Disziplinen legen:

Walter Benjamin schafft mit seinem Werk die Grundlagen für eine Erneuerung der Kulturphilosophie und für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule; Ernst Cassirer darf mit seiner Philosophie der symbolischen Formen zurecht als einer der Gründungsväter der Kulturwissenschaften betrachtet werden; Martin Heideggers radikal-phänomenologische und begriffliche Dekonstruktion der abendländischen Philosophie legt den Grundstein für einen Neubau der Phänomenologie und Ontologie; Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus und schließlich seine Philosophischen Untersuchungen werden die Sprachphilosophie und die Weiterentwicklung der Sprachwissenschaft nachhaltig beeinflussen.


Marie Haller-Nevermann: „Mehr ein Weltteil als eine Stadt… — Berliner Klassik um 1800 und ihre Protagonisten“

Wenn im kulturellen Kontext von „Klassik“ die Rede ist, so denken wir reflexartig an Weimar. Das ist so naheliegend wie falsch.

Ohne Zweifel waren Weimar und Jena in der Zeit um 1800 bedeutende Zentren der Kultur, Kunst und Literatur. Doch es gab im deutschsprachigen Raum noch ein weiteres Zentrum, in dem Kultur und Wissenschaften in einem bislang ungekannten Ausmaß gefördert und entwickelt wurden: die preußische Hauptstadt Berlin.

„Die Phase der Hochkultur in der preußischen Hauptstadt Berlin lässt sich annähernd datieren auf die Zeit zwischen 1786 (Todesjahr Friedrichs des Großen) und dem Wiener Kongress 1815 (Beginn der Restaurationszeit).“


Paul Nizon: „Sehblitz — Almanach der modernen Kunst“

Der 1929 in Bern geborene und seit langem in Paris lebende Schriftsteller und Kunstkritiker Paul Nizon kann heute auf ein jahrzehntelanges Werk zurückblicken. Seine Kunstkritiken wurden überwiegend in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ veröffentlicht, in der er das Kunstressort leitete.

Literarisches und kritisches Schreiben sind bei ihm nicht zu trennen. Er hat über Vincent Van Gogh promoviert und mehrere Monografien zu bedeutenden Künstlern, vor allem des 20. Jahrhunderts, veröffentlicht.


Karl-Wilhelm Weeber: „Das antike Rom — Eine Kulturgeschichte in zeitgenössischen Quellen“

Wenn wir heute über das antike Rom lesen, so handelt es sich stets um eine Rückschau, um einen Blick in die Vergangenheit.

Wie aber haben die Menschen zu jener Zeit diese Weltstadt erlebt? Was haben die Bewohner und Besucher des antiken Roms empfunden, als sie diese Stadt betraten?

Der Altphilologe Karl-Wilhelm Weeber hat sich auf die Suche nach Quellentexten gemacht und bietet nun mit Das antike Rom eine wundervolle Sammlung von Originaltexten aus der Antike an, die sich mit der Stadt Rom — oder besser: mit diesem Kosmos befassen.


Thomas Blubacher: „Ich jammere nicht, ich schimpfe — Ruth Hellberg. Ein Jahrhundert Theater“

Was hat diese Frau alles erlebt! Die Lebensgeschichte von Ruth Hellberg klingt wie ein wilder Ritt durch die Theater- und Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts. In der Tat finden sich nur wenige wichtige Namen in dieser Branche, mit denen die Hellberg nicht gespielt oder die sie nicht gekannt hat.

„Mein Leben bestand ja nur aus Theater und gar nichts anderem. Ich habe eigentlich kein Privatleben geführt, das hing immer mit dem Theater zusammen, das Theater kam doch immer an erster Stelle.“ So beschreibt sich Ruth Hellberg selbst. Schon als Kind war sie mit dem Theater verbandelt, wuchs in seinem Umfeld auf und empfand nichts selbstverständlicher, als überall mit Theaterleuten zu tun zu haben.

Fast acht Jahrzehnte hat Ruth Hellberg auf der Bühne gestanden und für den Film gearbeitet.


Erich Kästner: „Das Blaue Buch — Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945“

Ab 1933 gehörte Erich Kästner nicht zu den verbotenen Schriftstellern; aber sein Antrag auf Aufnahme in die Schrifttumskammer wurde abgelehnt, und fortan durfte er in Deutschland keine Bücher mehr veröffentlichen. Er tat es aber doch — mit Pseudonym oder unter dem Namen von Freunden.

Auch als seine Bücher auf die Scheiterhaufen der Bücherverbrennungen geworfen wurden, verließ er nicht das Land und ging ins Exil, sondern blieb. Wie viele Andere hielt er das Dritte Reich der Nationalsozialisten für einen kurzzeitigen Spuk und eine vorübergehende Erscheinung; Kästner wollte bleiben und Augenzeuge dieser Zeit sein. Er hatte sich vorgenommen, genau zu beobachten, alles aufzuschreiben und in der Zeit danach Bericht zu erstatten.

Schon bald nach seinem großen Romanerfolg Fabian dachte Erich Kästner an eine Fortsetzung dieses Romans, doch dann kam Hitler dazwischen, und aus dem kurzen Intermezzo wurde ein zwölfjähriger Niedergang der deutschen Kultur und ein haltloser Sturz in die Unvorstellbarkeiten menschlicher Abgründe.


Thomas S. Eberle (Hg.): „Fotografie und Gesellschaft — Phänomenologische und wissenssoziologische Perspektiven“

„Die Fotografie ist in geradezu rasantem Tempo allgegenwärtig geworden.“ Überall begegnen uns Fotos: „auf Plakaten, in Zeitungen und Illustrierten, auf dem Computer, auf Tablets und Smartphones. Sowohl der öffentliche als auch der private Bereich sind von Fotos durchsetzt, und seit der Verbreitung von Kino, Fernsehen und elektronischen Geräten zunehmend auch von bewegten Bildern, also von Filmen und Videos.“

Umso seltsamer ist die Tatsache, dass es bislang nur wenige phänomenologische oder wissenssoziologische Untersuchungen über die Wechselbeziehungen zwischen Fotografie und Gesellschaft gibt. Diese Forschungslücke zu schließen, hat sich Thomas S. Eberle, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen, zur Aufgabe gemacht.


Boris von Brauchitsch (Hg.): „Unter Dampf – Historische Fotografien von Berliner Regional- und Fernbahnhöfen“

Bahnhöfe sind Knoten- und Wendepunkte des Verkehrs und des Lebens. An Bahnhöfen trennen sich Verliebte oder sehen sich wieder, reisen Einsame, Geschäftige, Erfolgreiche und gescheiterte. An Bahnhöfen wenden und kreuzen sich Lebenswege. Bahnhöfe dienen dem Güter- und dem Reiseverkehr; an Bahnhöfen werden Waren und Menschen umgeschlagen. Bahnhöfe sind Ein- und Austrittsorte der großen Städte und der kleinen Städtchen. An Bahnhöfen treffen Menschen aufeinander, die nichts miteinander zu tun haben — oder alles.

Wer die schönen Bildbände der Edition Braus mit historischen Aufnahmen und schlauen Begleittexten von Boris von Brauchitsch kennt, mag bedenkenlos zugreifen und diesen schönen Bildband „mit historischen Fotografien von Berlin Fern- und Regionalbahnhöfen“ erwerben; er wird seine wahre Freude an diesem schönen Buch haben.


Julia Ebner: „Wut — Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“

Wenn man Julia Ebner im Fernsehen sieht oder als Teilnehmerin einer Podiumsdiskussion, so käme man zunächst nicht im Traum darauf, was sie beruflich macht: Julia Ebner ist eine zierliche und hübsche junge Frau, und sie ist Extremismus- und Terrorismusforscherin am Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD). Sie ist jung, unglaublich qualifiziert und gehört ohne Frage zu den führenden internationalen Experten in Sachen Extremismusforschung.

Dass man ihr freundliches und jugendliches Äußeres nicht sofort mit diesem fachlichen Hintergrund in Verbindung bringt, ist gut. Denn Julia Ebner forscht keineswegs nur im sicheren universitären Umfeld, sondern begibt sich auch gerne mal undercover direkt in die Nähe ihres Forschungsgegenstands.


Hildegard Kernmayer, Simone Jung (Hg.): „Feuilleton — Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur“

Anfangs war die Entstehung des Feuilletons einer drucktechnischen Ursache geschuldet. In den Jahren um 1800 verlängern viele französische Zeitungen das Seitenformat ihrer Paris-Ausgaben um etwa ein Drittel.

Der Raum am unteren Seitenende wurde durch einen Strich vom oberen Textteil abgetrennt und meist auch typographisch vom berichtsteil der Zeitung abgesetzt. Als Terminus technicus beschreibt das Feuilleton im Druckgewerbe eben jenen Faszikel, der etwa ein Drittel eines Druckbogens umfasst.

Dieser Raum wurde nun nach dem Druck vom Berichtsteil abgetrennt und als Beiheft den Pariser Ausgaben beigelegt, während in die Provinz lediglich der Hauptteil der Zeitung geliefert wurde. Somit wurde ins Feuilleton ausgelagert, was im Hauptteil der Zeitung keinen Platz mehr fand.


Wladimir Kaminer: „Ausgerechnet Deutschland — Geschichten unserer neuen Nachbarn“

Wenn es so etwas wie ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis gibt, so hat sich Wladimir Kaminer längst darin eingeschrieben. Seine amüsanten Geschichten von alltäglicher Skurrilität gehören mittlerweile zum Kanon der deutschsprachigen literarischen Satire.

Wie der geniale Altmeister Max Goldt, so kann auch Wladimir Kaminer schreiben, worüber er will: Immer schlägt in diesen Texten jenes große russische Herz und zeigt sich in seinen Geschichten jener tiefe und warme Blick auf die Menschen, den vielleicht nur jemand so haben kann, wenn er in zwei Kulturen zuhause ist und so stets die eine mit der anderen vergleichen kann.

Im Grunde könnte Kaminer über alles Mögliche schreiben: über einen Topflappen-Sammler, einen Einbauküchen-Katalog, eine Hamsterzucht-Ausstellung oder die schönsten Mikrowellen-Rezepte Abchasiens.


Anatol Stefanowitsch: „Eine Frage der Moral — Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“

Sie lesen die Rezension eines Bekehrten. Na ja, zumindest teilweise bekehrt. Wie vielen von uns ging mir auch lange Zeit die Forderung nach einem politisch korrekten Sprachgebrauch auf die Nerven. Ich hielt sie zwar grundsätzlich für richtig, jedoch in vielen Fällen einfach nur für überzogen und übertrieben korrekt. Dann fiel dieses Büchlein auf den Schreibtisch.

Der erste Reflex war: Na, dann wollen wir doch mal sehen, mit welchen Tricks mir dieser Autor die Vorzüge und Sinnhaftigkeit einer politisch korrekten Sprache verkaufen will. Doch schon nach ein paar Seiten musste ich feststellen: Da will mir gar keiner was verkaufen; sondern der Autor liefert zunächst eine sachliche Bestandsaufnahme.

Richtig interessant wurde es aber, als es zum Titel gebenden Thema — der Moral — kam. An diese nämlich knüpft der Autor die Frage nach dem Sinn einer Ausdrucksweise, die niemanden bewusst verletzt.


Gerhard Sälter, Manfred Wichmann (Hg.): „Am Rand der Welt — Die Mauerbrache in West-Berlin in Bildern von Margret Nissen und Hans W. Mende“

Wenn man in West-Berlin aufgewachsen ist, so gleicht dieses Buch einer Zeitreise in die Zeit vor 40 Jahren. Als wäre man wieder an denselben Ort zurückgekehrt, an dem man am Ende der 1970er Jahre stand, zurückgekehrt zu jenen immer wieder gleich und doch immer auch ein wenig anders aussehenden Brachflächen in Mauernähe.

Gekonnt fangen die Bilder von Margret Nissen und Hans W. Mende jene melancholische Grundstimmung ein, die damals die ganze Halbstadt prägte. Das Leben hatte sich von den Mauerstreifen zurückgezogen, hatte Brachen und Ruinen hinterlassen, die nur von Gestalten aus den gesellschaftlichen Rändern bewohnt oder für Aktionen aller Art genutzt wurden, die anderswo keinen Platz fanden.

Als Jugendlicher mit 16 oder 17 Jahren (Ende der 1970er) habe ich ebenfalls solche Fotos gemacht: schwarzweiß, selbst entwickelt und im heimischen Fotolabor vergrößert.


Andreas Blödorn u. a. (Hg.): „Erzählte Moderne — Fiktionale Welten in den 1920er Jahren“

Unser Blick auf die Welt wird geprägt durch die Geschichten, die wir uns über sie erzählen. Wer wüsste dies besser als wir, die wir in einer Zeit der Medien leben, in der Fernsehen, Internet und soziale Medien die Deutungshoheit über unsere Weltsicht haben. In der Zeit um 1900 kam diese Deutungshoheit dem geschriebenen Wort zu — in Tageszeitungen, Journalen und auch in der Literatur. In den 1920er Jahren waren schon andere Medien auf dem Vormarsch — Fotografie, Film und Rundfunk —, doch man traute ihnen noch nicht jene Wirklichkeitstreue zu wie dem geschriebenen Wort.

Hierbei ist klar, dass sich diese Erzählungen immer — zumindest teilweise — als fiktional erweisen; Dichtung und Wahrheit sind wie ein unzertrennliches Liebespaar immer nur zusammen unterwegs und so findet sich auch im objektivsten Bericht und der ambitioniertesten Reportage ein gewisses Quantum an Fiktionalität, um einen Text auszuschmücken und ihn überhaupt erst lesbar zu machen.

Erzählte Moderne — Fiktionale Welten in den 1920er Jahren heißt nun ein neu erschienener Sammelband mit literaturwissenschaftlichen Beiträgen zu mehreren Forschungsgegenständen der Literatur der 1920er Jahre, und man darf zurecht behaupten, dass dieser Sammelband den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt.


Andreas Wirsching, Berthold Kohler, Ulrich Wilhelm (Hg.): „Weimarer Verhältnisse? — Historische Lektionen für unsere Demokratie“

Die klare Botschaft dieses interessanten und hochaktuellen Buches aus dem Reclam-Verlag lautet, dass wir uns keine allzu großen Sorgen machen sollten: Berlin ist nicht Weimar, wie Bonn auch schon nicht Weimar war.

Die Beiträge in diesem hübsch gestalteten und mit mehreren Illustrationen ausgestatteten Büchlein (120 Seiten dick) stammen von Historikern und Politikwissenschaftlern aus dem universitären Umfeld, also von Autoren, die wissen, wovon sie reden. Dies unterscheidet sie schon einmal grundsätzlich von den rechten Populisten und den meisten Anhängern der rechten Parteien.

An dieser Stelle wird darauf hingewiesen, dass der Rezensent keineswegs der Ansicht ist, dass die Aktivisten der AfD und anderer Gruppierungen schlichtweg „dumm“ sind, wenngleich sie die Leute für dumm verkaufen wollen.


Klaus Modick: „Keyserlings Geheimnis“

Eduard Graf von Keyserling wurde 1855 in Tels-Paddern in Kurland, dem heutigen Lettland geboren und starb Ende September 1918 in München. Keyserling litt seit vielen Jahren unter einem Rückenmarksleiden, das in seinen letzten Jahren zu einer vollständigen Erblindung und letztlich zum Tod führte. Ob diese Krankheit in einer überwundenen maladie francaise (Syphilis) ihren Anfang nahm oder andere Ursachen hat, bleibt im Dunkel seiner Biografie.

Dunkel bleibt in Keyserlings Biografie vieles, denn der Künstler hatte in seinem Testament verfügt, dass seine privaten Aufzeichnungen nach seinem Tod vollständig vernichtet werden sollten. Deshalb öffnet sich ein weiter Raum für Spekulationen.


Abdul Abbasi, Allaa Faham: „Eingedeutscht — Die schräge Geschichte unserer Integration“

Zwei junge Männer aus Syrien. Sie leben seit einigen Jahren in Deutschland und studieren hier. Ihr Plan war, ihren Landsleuten etwas die Angst zu nehmen, und eventuell, interessierten Deutschen etwas über den Ursprung ihrer Verhaltensweisen zu erklären. Über diesen Ansatz kamen sie zu ihrer Comedian-Karriere. Denn die Erkenntnis war: Humor muss sein.

Durchaus zum Schmunzeln, stellenweise mit Lachern, wird hier flüssig erzählt. Aufbauend auf den Gleichheiten vieler Menschen egal welcher Kultur. Da sind zum Beispiel Ängste, die auftauchen in völlig fremder und unverständlicher Umgebung. Sprache, schwer auszusprechen, neu zu erlernen — und das in einem Umfeld, welches wenig auf die eigene Korrektheit achtet. Also hört der Fremde Dialekte, Sprachgewohnheiten, Füllworte — und regt sich stellenweise auf, wie man als Deutscher die eigene Sprache so missachten kann.


Jörg Magenau: „Bestseller — Bücher, die wir liebten — und was sie über uns verraten“

Was sind Bestseller? Wer liest sie? Warum kaufen wir besonders gerne und oft die Top Ten der Bestsellerlisten? — Diese und viele andere Fragen behandelt Jörg Magenau in seinem gleichnamigen Buch Bestseller, das im Frühjahr 2018 bei Hoffmann und Campe erschienen ist.

Natürlich könnte der Autor jetzt einfach die Verkaufslisten der in Deutschland meistverkauften Buchtitel der letzten 60 Jahre zur Hand nehmen und sie dem Leser präsentieren. Doch Magenau will mehr. Er ist fest davon überzeugt, dass diese Bestsellerlisten mehr über uns aussagen, als dass wir diesen oder jenen Titel besonders häufig gekauft haben. „Der Buchmarkt ist ein Spiegelbild all dessen, was sich ereignet Jahr für Jahr. Er zeigt, was uns umgibt und wie reich an Möglichkeiten die Wirklichkeit ist.“


Effi Biedrzynski (Hg.): „Das große deutsche Novellenbuch“

Wunderbar! Wir haben den Fernseher verkauft, gehen nicht mehr ans Telefon, sondern versammeln uns fortan allabendlich im Wohnzimmer, setzen uns im Kreis in die Nähe des knisternden Kamins, und Opa, gemütlich in seinem Lehnstuhl sitzend, greift zu dem dicken Buch, schaut ins Inhaltsverzeichnis, zögert nur einen kleinen Augenblick und schlägt dann eine Seite auf und beginnt zu lesen.

Natürlich ist diese Geschichte nicht ganz wahr, aber so könnte es sich wirklich zutragen, wenn man diesen ansprechenden dicken Ziegelstein aus dem Anaconda-Verlag vor sich auf dem Tisch liegen sieht: Das große deutsche Novellenbuch, herausgegeben von Effi Biedrzynski. — Effi? Sofort denkt man an Fontanes bekanntesten Roman, aber nein: Hier geht es um Novellen und nicht um Romane.


Ulf Brunnbauer, Klaus Buchenau: „Geschichte Südosteuropas“

Denkt man an Südosteuropa, so denkt man an Bürgerkriege, Finanzkrisen und an Migration. Mit anderen Worten ist unser spontanes Bild von Südosteuropa von den Ereignissen der letzten 20 Jahre geprägt und damit komplett verzerrt. Durch die aktuellen Krisen und ein sehr einseitiges, durch die Medien vermitteltes Bild jener europäischen Region haben viele von uns den Südosten Europas gedanklich abgehakt und sehen keinen Anlass, sich mit den Balkan-Ländern, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei näher zu beschäftigen.

Doch gerade eine nähere Besichtigung der bewegten Geschichte und der komplexen Zusammenhänge bei der Entstehung der Nationalstaaten lohnt sich für jeden Leser, der sich ein realistisches Bild von jenen Ländern und den in ihnen lebenden Völkern machen möchte.


Victor Klemperer: „Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen — Ein Leben in Briefen“

Wie kann man so optimistisch bleiben in einer Zeit der Umbrüche, während ein Privileg nach dem anderen genommen wird und man erst durch seinen Verlust der Tatsache gewahr wird, dass es sich um ein privilegiertes Leben gehandelt hatte? Wie lässt sich in solch einer Situation weiterleben und weiterarbeiten?

Victor Klemperer dürfte den meisten Lesern vor allem durch LTI (Lingua Tertii Imperii), seine Sprachanalyse des Dritten Reiches, bekannt sein. Doch würde man sein philologisches Werk auf diese im Verborgenen geschriebene Studie reduzieren, so würde man Klemperer in keiner Weise gerecht. LTI wurde heimlich als das „Notizbuch eines Philologen“ geschrieben, als die Nationalsozialisten ihn längst mit einem Arbeitsverbot belegten. Erst nach dem Kriegsende konnte es veröffentlicht werden. Doch Victor Klemperers eigentliches Forschungsfeld war die französische Literatur des 18. Jahrhunderts.


Katja Lange-Müller: „Das Problem als Katalysator — Frankfurter Poetikvorlesungen“

In ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen geht Katja Lange-Müller ans Eingemachte. Die Frage nach den Bewertungskriterien für gute Literatur wird immer wieder gestellt, und Katja Lange-Müller stellt sie sich selbst im Rahmen ihrer fünf Vorlesungen an der Frankfurter Goethe-Universität.

Gute Literatur entsteht vor allem dann, wenn das Schreiben not-wendig ist, also eine Not wenden kann, mit anderen Worten, wenn sich die Frage, ob man schreiben soll oder nicht, sich gar nicht stellt. Nur wenn ein existenzielles Problem im Raum steht bzw. auf den Schultern eines Autors lastet und sein Herz beschwert, nur dann kann das Schreiben diese Not wenden und nur dann kann das Problem als Katalysator den Schreibfluss in Gang setzen.

Die Abschrift von Vorlesungstexten ist normalerweise nicht ganz unproblematisch und kann je nachdem, wie frei die Rede des Vortragenden ist, zu einem eher langweiligen oder (im besseren Fall) interessanten Text führen; in diesem vorliegenden Fall ist die Schriftform (im Vergleich zum Besuch der Vorlesungen) wahrscheinlich sogar von Vorteil, denn die Autorin/Dozentin verweist während ihrer Vorlesungen immer wieder auf kürzere oder längere Textpassagen, die in Buchform sozusagen in ihrer natürlichen Umgebung (dem Buch) präsentiert werden, in einer Vorlesung aber eben nur vorgelesen werden.


Interview mit Bruno Preisendörfer über sein Buch „Die Verwandlung der Dinge — Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“

Auf der Leipziger Buchmesse 2018 unterhielt ich mich mit Bruno Preisendörfer über sein aktuelles Buch „Die Verwandlung der Dinge — Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“ und über die vielschichtigen Verbindungen von technischer Entwicklung und eigener Biografie. Der Autor erzählt, wie es zu der Idee zu diesem Buch kam, wie seine schriftstellerische Arbeit aussieht und an welchem Projekte er gerade arbeitet.


Bruno Preisendörfer: „Die Verwandlung der Dinge — Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“

Jede technische Entwicklung führt auch zu einer Anpassung der mit der Technik verbundenen Kulturtechniken. Mit jeder Weiterentwicklung ist in der Regel auch die Aufgabe veralteter Technik verbunden und mit ihr die Aufgabe der entsprechenden Kulturtechniken.

Mit dem Verschwinden der Kassetten verschwand auch die Terminologie des Spulens und des Aufnehmens. Was auf den ersten Blick vielleicht nicht als Verlust zu erkennen ist, wird deutlich, wenn man die betreffenden Kulturtechniken in einen sozialen Kontext einbettet:

Jahrzehntelang war das Mixtape ein zentrales Element des Hofmachens unter Jugendlichen und gehörte zum festen Repertoire der Bemühungen um die Anbahnung einer Beziehung. Stundenlang wurden Musiktitel ausgesucht, ihre Reihenfolge zusammengestellt und dann Titel für Titel auf eine Kassette aufgenommen; die Beschriftung und visuelle Gestaltung der Verpackung gehörte ebenso zur Erstellung eines Mixtapes für die Angebetete wie die für die Herstellung aufgewendete Zeit.


Kathrin Kunkel-Razum u. a.: „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben“

Wenn man täglich liest, sei es beruflich oder zum Vergnügen, bekommt man unweigerlich den Eindruck, dass es vielen Autoren offenbar relativ egal ist, wie sie schreiben oder ob sie den Anforderungen der deutschen Rechtschreibung gewachsen sind. Offensichtlich gibt es auch viele Autoren, die sich allein auf die automatischen Korrektur-Module ihrer Textprogramme verlassen — ein folgenreicher Fehler, wie man eigentlich aus eigener Erfahrung wissen sollte.

Was im privaten Schriftverkehr vielleicht gerade noch so tolerierbar ist, führt bei der Erstellung von berufsbezogenen Texten schnell zum Punktabzug und Prestigeverlust. Zwischen dem privaten und dem beruflichen Bereich liegt der schulische, und um diesen geht es in dem vorliegenden Büchlein mit dem kämpferischen Titel Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben.


Maurizio Bettini: „Wurzeln — Die trügerischen Mythen der Identität“

Nichts ist so „präsent, ja so symptomatisch für die heutige Zeit wie die ‚kulturellen Wurzeln‘. Und sie werden je nach Bedarf und Opportunität ausgewählt und dekliniert.“
Dies ist das Resümee eines kleinen Büchleins zum Thema Wurzeln, das im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist. Was damit gemeint ist, soll im Folgenden erklärt werden.

Maurizio Bettini ist ein italienischer Philologe; er leitet das Institut für Anthropologie der antiken Welt und ist Professor für klassische Philologie an der Universität Siena. Er beschäftigt sich intensiv mit der Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen unseren Wurzeln, unserer Tradition und unserer Identität.

In den vergangenen Jahren waren wir Zeitzeugen eines historischen Ereignisses, dem massenhaften Exodus von Menschen aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten nach Zentraleuropa.


Peter Stamm: „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“

Das Motiv des Doppelgängers ist in der Literatur recht weit verbreitet. In Jean Pauls Siebenkäs, in den Elixieren des Teufels von E. T. A. Hoffmann oder in Erzählungen von Theodor Storm und in der Judenbuche von Annette Droste-Hülshoff haben wir es mit Doppelgängern zu tun. Wirft man einen Blick auf die englischsprachige Literatur, so fallen Namen wie Robert Louis Stevenson, Edgar Allen Poe oder natürlich Oscar Wilde mit seinem Bildnis des Dorian Gray.

In Peter Stamms neuem Roman haben wir es auch mit einem Doppelgänger zu tun, allerdings mit einem Doppelgänger der besonderen Art. Vor sechzehn Jahren hat der Ich-Erzähler einen Roman geschrieben über seine zerbrochene Liebe zu Magdalena. Es wurde sein erster und einziger Roman, denn danach gab es nichts mehr, worüber sich zu schreiben lohnte.