Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Jewgeni Wodolaskin: „Luftgänger“

Die Ausgangssituation kennt man so oder ähnlich aus unzähligen Romanen und Filmen: Ein Mann wacht in einem Krankenhaus-Bett auf und hat sein Gedächtnis verloren, kann sich an nichts erinnern: nicht an seinen Unfall, nicht an seinen Namen, seine Freunde, sein Leben. Die Vergangenheit ist wie ausgelöscht.

Was aus einer gewissen Perspektive für manchen verlockend klingen mag — das Vergangene ist ausradiert und man könnte wieder bei Null beginnen —, wird in Wirklichkeit für die meisten Betroffenen  zum Höllentrip. Wenn alle Erinnerungen verloren sind, hat man dann wirklich gelebt?

Der Ich-Erzähler dieses Romans versucht mit Hilfe eines Notizbuchs, welches ihm der Arzt gibt, seine Erinnerungen aufzuschreiben und zu sortieren. Im Bett liegend, weil er zu schwach zum Aufstehen ist, beginnt er seine Puzzle-Arbeit und schreibt nach und nach auf, was ihm einfällt.


Dudenredaktion (Hg.): „Das Synonym-Wörterbuch“

Loben: anerkennen, sich anerkennend äußern, bekomplimentieren, belobigen, ein Lob aussprechen/erteilen, ein Loblied anstimmen/singen, empfehlen, in den höchsten Tönen reden, sich in Lobreden/Lobesworten ergehen, Lob spenden, mit Lob überhäufen/überschütten, positiv beurteilen, rühmen, voll Anerkennung sein, würdigen.

Treffender hätte ich es nicht formulieren können! — In allen Belangen zu loben ist diese Neuauflage eines „Klassikers“ aus der Duden-Reihe: das Synonym-Wörterbuch.


Stefan Jordan (Hg.): „Grundbegriffe der Geschichtswissenschaft“

Bereits 2002 erschien im Reclam-Verlag das „Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe“. Wie die Welt um uns herum, so ändert sich auch der Blick der Historiker auf die Geschichte. So hätte sich nach 17 Jahren Forschung sicherlich auch die Liste der hier behandelten Grundbegriffe gewandelt.

Dennoch haben sich der Verlag und der Herausgeber dazu entschieden, sowohl die Grundbegriffe als auch die entsprechenden Literaturverweise unangetastet zu lassen; denn viele der hier versammelten Beiträge haben inzwischen einen kanonischen Status erlangt und werden auch in anderen Publikationen immer wieder in Auszügen zur Verständigung über geschichtswissenschaftliche Grundbegriffe herangezogen. Bei allen Artikeln handelt es sich um Originalbeiträge, die exklusiv für diese Publikation verfasst wurden.


Richard Schneider: „Berlin — Industrie und Technik in der Malerei von 1847 bis 1929“

Industrie und Technik dürften diejenigen Bereiche der gesamtgesellschaftlichen Modernisierungstendenzen des 19. Jahrhunderts sein, die im Stadtbild der sich gleichzeitig formenden Großstädte — und hier allen voran in Berlin — die prägnantesten Spuren hinterlassen haben. Somit scheint es naheliegend, dass sich die Kunst auch immer mehr den Phänomenen der Großstadt zuwandte.

Mitte des 19. Jahrhunderts befreite sich die Malerei des Impressionismus von den Fesseln der akademischen Vorgaben und aus dem Dunkel der Ateliers. Ins Freie, in die Luft und die Landschaft, nach draußen ging die Maler-Bewegung, und neben die impressionistische Darstellung der Natur trat schon bald die künstlerische Reflexion der Überwältigung durch die sinnlichen Eindrücke der modernen urbanen Welt.


Max Kämper: „E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann — Lehrerband (Reclam Literaturunterricht)“

Es ist schon ein ganz besonders Erlebnis, wenn man dieses Heft in den Händen hält: knallgelb wie die bekannten kleinen Bändchen aus der altbekannten Universalbibliothek von Reclam, aber im Format DIN A 4! — Auf den ersten Blick wird klar, hier handelt es sich um einen ganz besonderen Reclam-Band, nämlich einen sogenannten „Lehrerband“.

„Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann gehört seit Jahrzehnten zum Kanon der Schullektüren und gilt zurecht als ein typisches Beispiel für die Literatur der Romantik, in diesem Fall der sogenannten „Schwarzen Romantik“. Ihre modern anmutende Multiperspektivität des Erzählens, die Behandlung psychopathologischer Grenzfälle sowie die Beschäftigung mit dem zeitgenössischen Faszinosum der Maschinen-Menschen machen Hoffmanns Erzählung zu einem dankbaren Stoff für den Literaturunterricht sowie zu einem Text, der viele Interpretationen möglich macht.


Detlef Lorenz: „Bilder in der Presse — Pressezeichner und Presse-Illustrationen im Berlin der Weimarer Republik. Dokumentation und Künstlerlexikon“

Die Zwanzigerjahre waren die Zeit der Tagespresse. Allein in Berlin erschienen 1928 nicht weniger als 2.633 verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, davon allein 93 Tageszeitungen, eine für uns heute geradezu unvorstellbare Zahl. In vielen dieser Publikationen wurden neben Fotos vor allem Illustrationen aller Art — Modezeichnungen, Porträts, Karikaturen usw. — veröffentlicht.

Bislang hatte die Forschung anscheinend einen großen Bogen um dieses Thema der Pressezeichnungen gemacht, wohl auch deshalb, weil damit eine Riesenaufgabe verbunden war, selbst wenn man die Untersuchung auf Berlin als die Presse-Metropole der Weimarer Republik beschränkt.

Detlef Lorenz handelte aus eigenem Antrieb und er leistete wahrlich Pionierarbeit. Er untersuchte 170 Publikationen, die seinerzeit in Berliner Verlagen erschienen sind.


Ralf Junkerjürgen: „Jules Verne“

Das bürgerliche 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Industrialisierung und der Wissenschaften. Die damalige rasante Entwicklung der für uns heute so selbstverständlichen Infrastrukturen der kommunalen Versorgung, des Verkehrs- und Kommunikationswesens legte das Fundament für die sie begleitende Industrialisierung und mit ihr der Bildung jener modernen Bürgergesellschaft, wie wir sie mit dem Beginn der Moderne identifizieren.

In Deutschland war es in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem die Eisenbahn, die mit ihrem Verkehrsnetz nicht nur eine Vereinheitlichung der Zeit schaffte, sondern eine bislang unvorstellbare Mobilität ermöglichte. Das neue Tempo des Reisens führte bei vielen Zeitgenossen zur Wahrnehmung eines verschwindenden Raumes, und auch das Zeitempfinden war durch die Beschleunigung des Transports einem radikalen Wandel unterworfen.


Mathieu Vidard: „Science to go — Merkwürdiges aus der Welt der Wissenschaft“

Es ist charakteristisch für unsere beschleunigte Zeit, dass wir bei der Aufnahme von Informationen zunehmend den kürzesten Weg bevorzugen: Twitter-Nachrichten, WhatsApp-Meldungen, kurze Flash-News versorgen uns mit den scheinbar wichtigsten täglichen Eckdaten, mit deren Hilfe wir uns ein „Bild“ von der Welt machen, in der Hoffnung auf ein wenig Stabilität und Übereinstimmung mit unseren Erwartungen.

Übertragen auf den Bereich der Literatur findet dieses Verhalten seinen Ausdruck in der Bevorzugung kurzer Textsorten (Erzählung, Kurzgeschichten, Essay), die schneller konsumierbar sind als lange Romane. Im Sach- und Fachbuch-Bereich sind es folgerichtig Publikationen, die lexikalisch oder nach einem heuristischen Prinzip aufgebaut sind. Ein schönes und typisches Beispiel solcher Formate ist das vorliegende kleine Buch über „Merkwürdiges aus der Welt der Wissenschaft“ mit dem passenden Titel „Science to go“.


Dr. Bärbel Wardetzki: „Narzissmus, Verführung und Macht — Was Narzissten ausmacht und wie sie verführen“

Ein Taschenbuch über heutige Zeiten. Was macht Narzissten anziehend und warum reagieren viele Menschen darauf, was ist der Nutzen? Das sind Fragen, die gestellt werden, um dann aufzuzeigen, wie die Mechanismen funktionieren, und um die „gefühlte Wahrheit“ besser nachvollziehen zu können. In Krisenzeiten hat die narzisstische Führung Hochkonjunktur.

Womit auch das wirklich Spannende in dem Buch gezeigt ist. Es kam schon 2016 als Hardcover im Europa-Verlag heraus, jetzt gibt es günstigere Taschenbuchausgabe, die aber leider nicht aktualisiert wurde. Es wäre hochinteressant zu lesen, was Frau Dr. Wardetzki heute zu den Ereignissen schreiben würde.


Robert Wright: „Warum Buddhismus wirkt — Die Wissenschaft und Philosophie von Meditation und Erleuchtung“

Buddhismus ist in unserer Gesellschaft mittlerweile etabliert. Er bietet praktische Wege, der komplexer werdenden Welt mit Gelassenheit entgegen zu sehen und ein erfülltes Leben zu leben. Wer skeptisch ist hat es mit dem Verfasser gemeinsam.

Robert Wright, ein preisgekrönter Wissenschaftsjournalist, wollte diese Behauptung auch überprüfen. Und machte sich auf den Weg. Er fing an zu meditieren. Wertete die neuesten Studien aus Medizin und Neurowissenschaft aus und sprach mit Forschern und buddhistischen Lehrern aus aller Welt. Sein Ergebnis: Buddhismus wirkt und trägt in höchstem Maße zu körperlichem und seelischem Wohlergehen bei.


Roland Jaeger: „Foto-Auge Fritz Block — Neue Fotografie. Moderne Farbdias“

Fritz Block wurde 1889 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Westfalen geboren. Er absolvierte ein Architekturstudium, das er mit der Promotion abschloss. Wegen seiner Schwerhörigkeit wurde er vom Militärdienst freigestellt.

1921 ging Dr. Block nach Hamburg und gründete zusammen mit seinem Studienfreund Ernst Hochfeld das Architekturbüro Block & Hochfeld. Es war eine spannende Zeit des Neuanfangs und der bedarf an neuen Bauten war riesig. Es war die Zeit des Neuen Bauens, dem sich auch Block und Hochfeld verschrieben hatten und dessen Protagonisten sie in Deutschland waren.


Kerstin Hämke: „Ein gutes Buch kommt selten allein — Das große Lesekreis-Handbuch“

Die Geschichte der Lesegesellschaften begann in Deutschland bereits im 18. Jahrhundert. Damals traf man sich in erster Linie, um ein Buch zu lesen. Bücher waren teuer und so legte man zusammen, um sich gemeinsam ein Buch zu leisten, das dann reihum gelesen wurde.

Heute ist das alles viel einfacher. Auch wenn manche darüber klagen, dass die Bücher zu teuer sind, ist das kein Vergleich zu damals. Wer gerne liest, lässt sich auch davon nicht abschrecken. Außerdem gibt es heute viele Wege, ein bestimmtes Buch zu lesen. Wer es nicht selbst kaufen will, kann es in der Regel leihen, ein bisschen Ausdauer und Spürnase vorausgesetzt, denn gerade die neuesten Titel sind nicht immer sofort in den Leihbüchereien verfügbar.


Gabriele Conrath-Scholl (Hg.): „August Sander — Meisterwerke“

Der Fotograf August Sander (1876-1964) ist zweifellos einer der bedeutendsten deutschen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Charakteristisch für sein photographisches Werk sind vor allem seine Portraitaufnahmen, in denen er schon bald einen eigenen Stil entwickelte, der auch für viele andere Fotografen in der ganzen Welt zum Vorbild wurde.

August Sanders 1929 erschienenes Werk „Antlitz der Zeit“, das — neben vielen weiteren Aufnahmen — mit seinen 60 Portraits komplett in diesem Bildband enthalten ist, machte ihn berühmt. Ohne Übertreibung kann man es zusammen mit „Die Welt ist schön“ von Albert Renger-Patzsch und Karl Blossfeldts „Urformen der Kunst“ zu den Höhepunkten der Fotografie in der Weimarer Republik zählen.


Stefan Jordan, Jürgen Müller (Hg.): „Grundbegriffe der Kunstwissenschaft“

Viele interessieren sich für Kunst. Sie ist ein wichtiger Teil unserer Kultur, ein Medium unserer Interpretation der Wirklichkeit und Objekt unserer ästhetischen Anschauung. Natürlich gibt es nicht die Kunst, sondern unzählbar viele Facetten künstlerischer Ausdrucksformen.

Dieses praktische kleine Büchlein ersetzt keine Einführung in die Kunstgeschichte. Diese Aufgabe leisten andere hervorragende Publikationen, auch aus dem Reclam-Verlag. Dieses vorliegende handliche Lexikon der „Grundbegriffe der Kunstwissenschaft“ verfolgt ein anderes Ziel:

Es will Orientierung schaffen und eine gewisse Klarheit in die Begrifflichkeiten bringen. Wer sich mit Kunst intensiver beschäftigt, sollte auch über das richtige Vokabular verfügen, um seine Gedanken fachgerecht zu formulieren und sich mit Anderen auf gleicher Ebene austauschen zu können.


Wilfried Kaute (Hg.): „The Boss don´t care — Kinderarbeit in den USA 1908-1917 — Fotografien von Lewis W. Hine“

Auch im 21. Jahrhundert sind wir, global gesehen, noch lange nicht so weit, uns mit dem bislang Erreichten zufrieden zu geben. Der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler weist in seinem emotionalen und aufrüttelnden Vorwort zu diesem Bildband darauf hin, dass auch heute noch Kinder weltweit ausgebeutet und für gesundheitsschädliche und lebensgefährliche Arbeiten missbraucht werden, sei es in den engen Minenschächten von Bergwerken, auf den Müllhalden der Dritten Welt oder sei es in pakistanischen Textilfabriken oder anderswo. Die Zahlen sind erschreckend: Laut UNICEF sind auch heute noch weltweit bis zu 15 Millionen Kinder unter zehn Jahren einer mörderischen Zwangsarbeit ausgeliefert.

Vor hundert Jahren war Kinderarbeit und Zwangsarbeit in vielen Teilen der Erde ein normaler (und dennoch beklagenswerter!) Zustand. Selbst in den USA mussten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 1,7 Millionen Kinder arbeiten und konnten nicht zur Schule gehen.


Bodo Plachta: „Dichterhäuser — Mit Fotografien von Achim Bednorz“

Hier haben sie gelebt und gearbeitet. An Tischen gesessen und an Stehpulten gestanden. Hier haben sie geschrieben, die Großen und berühmten unter den deutschen Schriftstellern.

Wenn wir uns auf die Spuren eines Dichters begeben (oder weiter gefasst: auf die eines Menschen, den wir bewundern), so hat diese Suche nach räumlicher Nähe auch und gerade aufgrund ihrer zeitlichen Distanz etwas Animistisches. Wie vor langer, langer Zeit unsere Urahnen, so hoffen auch wir, in den Spuren und Überresten des Vergangenen etwas von dem Genius zu finden, hoffen, durch Berührung einzelner selbst profaner Gegenstände, die auch er einst berührt hat, dem Bewunderten näher zu kommen.


Philip Wilkinson: „Atlas der nie gebauten Bauwerke — Eine Geschichte großer Visionen“

Von Helmut Schmidt stammte der legendäre Satz, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. — Es gab zu allen Zeiten Menschen, die Visionen hatten und haben, doch Architekten scheinen von ihnen ganz besonders geplagt zu werden. Davon legt die vorliegende Sammlung nie gebauter Bauwerke ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Der britische Autor Philip Wilkinson hat bereits mehrere Bücher über Kunst, Architektur und Design veröffentlicht, doch der vorliegende Bildband übertrifft sie alle. Der Titel der englischen Originalausgabe („Phantom Architecture. The fantastical structures the world´s greatest architects really wanted to build“) kommt etwas sperrig daher, so dass der deutsche Titel „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ deutlich flotter über die Lippen geht.


Katrin Wehry: „Quer durchs Tiergartenviertel —Das historische Quartier und seine Bewohner“

Walter Benjamin beschreibt in seiner „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ unter Anderem seine Kindheitserinnerungen an den alten Berliner Westen. Es war das Tiergartenviertel, in dem die alten Gründerzeit-Villen standen; doch die Geschichte dieses Viertel beginnt bereits früher, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Gegend um die St. Matthäus-Kirche noch nicht zum innerstädtischen Bereich zählte und die freistehenden Villen noch großzügig voneinander entfernt standen.

Die Anlage des Landwehrkanals mit seinen breiten begrünten Alleen beiderseits des Ufers sowie die Gestaltung eines Landschaftsgartens im Tiergarten durch Peter Joseph Lenné machten die Gegend attraktiv für wohlhabende Berliner, Fabrikanten und hohe Staatsbedienstete, die in diesem neuen Viertel genügend Platz für ihren repräsentativen Wohn- und Lebensstil fanden.


Antonia Meiners (Hg): „Die Suffragetten — Sie wollten wählen – und wurden ausgelacht“

Seit 1919 gibt es in Deutschland das Frauenwahlrecht. Seit hundert Jahren also dürfen Frauen wählen — und natürlich auch zur Wahl antreten.

Heute, hundert Jahre später, wird immer noch über ein Paritätsgesetz debattiert, und in manchen Landtagen ist es jetzt sogar verbindlich, dass genau so viele Frauen wie Männer für die Listen der Parteien aufgestellt werden müssen. Dass man überhaupt zu solchen Mitteln greifen muss, um Paritäten zu erzeugen, ist eigentlich beschämend. Sollte es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, dass genau so viele Frauen wie Männer sich nicht nur politisch engagieren, sondern auch für Ämter zur Verfügung stellen sollten. — Doch vielleicht wollen die Frauen das gar nicht? Oder zumindest nicht genau so viele Frauen wie Männer, die ja bekanntlich auf die Bestätigung von außen viel stärker angewiesen sind als Frauen …


Dudenredaktion (Hg.): „Das Bildwörterbuch“

Zunächst mag man sich vielleicht die Frage stellen, was denn ein Bildwörterbuch auf einer Website mit Rezensionen von geisteswissenschaftlichen Sachbüchern verloren hat … Das lässt sich jedoch schnell erklären:

Zum einen ist solch ein Bildwörterbuch ein Spiegel unserer Kultur. Vergleichbar mit dem Quelle-Katalog, den es ja leider nicht mehr gibt, der uns aber jahrzehntelang begleitet und den jeweiligen Stand der (Konsum-)Kultur in Deutschland in ganzer Breite widergespiegelt hat.

Zum anderen hilft ein Bildwörterbuch auch dem Heranwachsenden wie dem Erwachsenen, dem deutschen Muttersprachler wie dem Sprachlernenden, Begriffe in einen größeren semantischen Zusammenhang einzuordnen und mit anderen Begriffen in Beziehung zu setzen.


Margarete Stokowski: „Die letzten Tage des Patriarchats“

Liebe Männer, die guten Zeiten sind vorbei. Ob sie wirklich gut waren, die Zeiten, mag eine Frage des Standpunkts sein. Aus Sicht vieler Frauen waren es zumindest keine guten Zeiten, und die Endzeit des Patriarchats scheint nun doch endlich — nach vielen gescheiterten Versuchen — endgültig eingeläutet zu werden.

Noch gibt es kleine Reservate, in denen sich männliche Hominiden immer noch so verhalten, wie sie es über Jahrmillionen getan haben. Doch diese kleinen Schutzzonen in den Vorstandsetagen, Oligarchen-Ghettos, an den Stammtischen und Jägervereinen werden ständig kleiner. Mit anderen Worten: Es ist vorbei.


DAMALS (Hg.): „Die Republik von Weimar“

1919 wurde die Weimarer Republik gegründet. So ist es verständlich und naheliegend, dass im Jahr 2019 nicht nur 100 Jahre Novemberrevolution, Bauhaus und Frauenwahlrecht gefeiert werden, sondern auch der ersten deutschen Republik zahlreiche Publikationen gewidmet sind.

Neben vielen Publikationen, die sich aus einzelnen Perspektiven an einer möglichst vollständigen Erfassung des „Phänomens Weimar“ versuchen, könnte die jetzt vorliegende Veröffentlichung der Zeitschrift DAMALS für viele interessierte Leser die erste Wahl sein.

Anders als die meisten Titel, die über die Weimarer Republik erschienen sind, fällt dieses Buch allein schon durch sein Format auf, das ungefähr dem Hochformat DIN A4 entspricht.


Manuela Damianakis (Hg.): „Betriebsstörung — 30 Jahre GEHAG Forum“

Die GEHAG GmbH war ein Wohnungsunternehmen in Berlin. 1924 als Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft gegründet, fusionierte die GEHAG 2009 mit der „Deutschen Wohnen“. Diese Wohnungsbaugesellschaft kam in den letzten Jahren leider immer wieder in die Schlagzeilen — ob zurecht, kann und soll an dieser Stelle nicht bewertet werden.

Im Zusammenhang mit dieser Publikation jedoch viel bemerkenswerter ist das Engagement, welches die Gesellschaft im Zusammenhang mit dem vor nunmehr dreißig Jahren gegründeten GEHAG Forum in Sachen Kunstförderung und -ausstellung an den Tag legt(e).


Sabina Becker, Christine Hummel, Gabriele Sander: „Literaturwissenschaft — Eine Einführung“

Einführungen in die Literaturwissenschaft gibt es viele. Doch die hier vorliegende von Sabina Becker, Christine Hummel und Gabriele Sander, die nun in einer erweiterten Neuauflage im Reclam-Verlag erschienen ist, ist gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

Zunächst sind die drei Literaturwissenschaftlerinnen aufgrund ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen ein Garant für die Qualität der hier gelieferten Einführung. Alle sind seit Langem nicht nur in der Forschung, sondern auch in der akademischen Lehre tätig, was der Lesbarkeit dieser Einführung sehr zugute kommt.


Susanna Partsch: „Schau mir in die Augen, Dürer — Die Kunst der Alten Meister“

Wir besuchen die Museen und schauen uns die alten Gemälde an. Wir finden sie schön, hässlich, ansprechend oder abstoßend, interessant oder langweilig. — Doch wie betrachten wir diese Bilder? Sind wir unvoreingenommene, weil uninformierte, Betrachter? Was sehen wir wirklich? Und was über-sehen wir?

Als Menschen von heute schauen wir bei Betrachten alter Gemälde automatisch in die Vergangenheit. Nicht selten (sondern eher die Regel) ist es, dass uns jene Epochen, in denen diese Meisterwerke der Alten Meister angefertigt wurden, sehr fern sind. Wir wissen nur sehr wenig über diese längst vergangene Zeit, über das Leben der Menschen und die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, in deren Kontext diese Werke entstanden sind. Wir schauen also rückwärts in die Vergangenheit und beurteilen jene alte Kunst mit unseren neuen Augen und nach unseren heutigen Maßstäben. Ist das gerecht? — Natürlich nicht.


Péter Nádas: „Leni weint — Essays“

Kann ein Buch ein Haus sein? Wie ein Haus, in dem man über das Treppenhaus in die verschiedenen Stockwerke wandert, dort in die Wohnungen eintritt und von einer jeweils anderen Atmosphäre umfangen wird, gleichzeitig sich aber in diesem großen Haus weiß, das eine angenehme, ja gediegene Grundstimmung ausstrahlt und in dem man sich geborgen fühlt?

Péter Nádas ist eine der ganz Großen unter den ungarischen Schriftstellern. Man braucht ihn eigentlich nicht vorstellen, er sollte bekannt sein. Neben seinen zahlreichen erfolgreichen Romanen und Erzählungen hat Nádas viele bemerkenswerte Abhandlungen über Kunst verfasst — und eben auch Essays.

Die wichtigsten dieser Essays aus den Jahren 1989-2014 sind jetzt im Rowohlt Verlag unter dem Titel „Leni weint“ in einer wunderbaren gebundenen Ausgabe erschienen. Ja, dieses Buch ist wie ein Haus, in dem man wohnen kann und in dem man sich lange aufhalten mag.


Egon Erwin Kisch: „Zwischen Bettlern und Bohème“

Nach Hans Ostwald, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin und Joachim Ringelnatz darf nun endlich auch der rasende Reporter seinen Einstand in der Buchreihe „Berliner Orte“ des be.bra-Verlags feiern.

Schnell hatte der aus Prag stammende Kisch sich in der deutschen Hauptstadt einen Namen gemacht. Seine lebensnahen Reportagen aus der Berliner Zeit zwischen 1921 und 1933 sind hier in diesem hübschen kleinen Büchlein versammelt. Was für Kisch charakteristisch war, ist sein unterhaltsamer Ton, seine gute Beobachtungsgabe und sein beherzter Blick hinter die Großstadtkulissen.


Harald Welzer: „Welzer wundert sich — Rückblicke auf die Zukunft von heute“

Eigentlich sollte man inzwischen von Harald Welzer gehört haben. Seine Medienpräsenz ist seit Jahren ungebrochen, sei es als Streiter für das Gute und Nachhaltige, als Sozialpsychologe mit einem Gespür für die Untiefen und Selbsttäuschungen des kollektiven Bewusstseins und Mitgründer der Stiftung FUTURZWEI, oder sei es als Mitinitiator der Initiative Offene Gesellschaft, die sich seit einiger Zeit für die Reanimation einer bürgernahen und auf Vielfalt basierenden Demokratie einsetzt.

Für alle, die ihn bereits kennen und schätzen, wird dieses Buch wie eine wohltuende Bestätigung des eigenen (Um-)Denkens wirken, wie ein Vademecum für den (um-)weltoffenen und selbstdenkenden Citoyen. Wer Harald Welzer noch nicht kennt, wird ihn mittels dieses kleinen Büchleins kennenlernen. — Doch worum geht es eigentlich?


Prof. Dr. Markus Egert, Frank Thadeuz: „Ein Keim kommt selten allein — Wie Mikroben unser Leben bestimmen und wir uns vor ihnen schützen“

Leicht verständlich, fundiertes Wissen mit Humor geschrieben. Wenn doch jeder Fachmensch sein Wissen so der Allgemeinheit beibringen könnte!

Hier wird von einem ziemlich normalen Mann — seine Frau weiß bis zu dem Buch nichts von seinem Hang zur guten Haushaltsführung — eine Menge Wissen vermittelt, denn es ist leicht verständlich geschrieben. Es werden Dinge des Alltags genannt, Situationen, die jeder kennt. Dazu ein paar Karikaturen der Keime — das Buch hat Unterhaltungswert und verändert doch die Welt.

Danach wird man einige Dinge aus persönlicher Überzeugung nicht mehr so oder anders machen. Auch unser aller nicht wahr genommenes Haustier — der Spülschwamm — wird ab sofort ein schweres Leben haben.


Michael Bienert: „Brechts Berlin — Literarische Schauplätze“

Bereits 1998 hatte sich der Kulturwissenschaftler und Berlinologe Michael Bienert intensiv mit Bertolt Brecht beschäftigt, war gedanklich „Mit Brecht durch Berlin“ gezogen und hatte seine Erkenntnisse in einem Insel-Taschenbuch veröffentlicht. Dieser Text der Stadt war sehr ortsbezogen und orientierte sich vor allem an Straßen und Adressen, die uns nach den Spuren suchen lassen, welche Bertolt Brecht in Berlin hinterlassen hat.

Nun, zwanzig Jahre später, erscheint ein weiterer Band in der erfolgreichen Reihe über berühmte Schriftsteller in Berlin aus dem Verlag Berlin Brandenburg. Nach E. T. A. Hoffmann, Erich Kästner und Alfred Döblin hat Michael Bienert seine Aufmerksamkeit nun erneut dem großen Dramatiker Bertolt Brecht gewidmet und ein Buch über die literarischen Schauplätze, die Brecht mit dieser Stadt verbinden, geschrieben.


Robert Habeck: „Wer wir sein könnten — Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht“

Das politische Klima im Herbst 2018 ist kalt. Wenn bereits vor Jahren von einer gewissen allgemeinen „Politikverdrossenheit“ gesprochen wurde, so weiß man nicht recht, mit welchem Begriff man dasselbe Phänomen heute beschreiben sollte, in einer Zeit, wo sich mittlerweile nicht nur einige, sondern nahezu alle Bürger von der Politik — und vor allem von den Politikern abgewandt zu haben scheinen.

Die Große Koalition der alten Volksparteien war schon kurz nach ihrer Wiederwahl am Ende. Tagespolitisches Larvieren und inhaltsleere Parteiprogramme, das Hecheln nach Aufmerksamkeit und nach Prozentpunkten in den Umfragen, die bereitwillige Übernahme der Rolle eines beflissenen Erfüllungsgehilfen für die Auto- und Großindustrie — all das rächt sich jetzt und zeichnet sich deutlich ab in den Wählerumfragen.


Sven Hanuschek: „Wir leben noch — Ida und Erich Kästner, Kurt Vonnegut und der Feuersturm von Dresden. Eine Zugfahrt“

Liest man den Titel dieses kleinen Büchleins genau, so besteht die Möglichkeit einer einstweiligen Verwirrung. Zu viel scheint da neben- und nacheinander zu stehen — Erich Kästner und seine Mutter Ida, Kurt Vonnegut, der Feuersturm von Dresden und dann noch eine Zugfahrt? Und doch hält das Buch genau das Versprechen, das der sperrige Titel gibt.

Der Germanist Prof. Dr. Sven Hanuschek kann ohne Übertreibung auch international als der größte Kästner-Experte bezeichnet werden. Wohl kaum einer kennt sich derzeit mit dem Werk und Leben von Erich Kästner besser aus. Nicht nur hat Hanuschek 1999 eine äußerst lesenswerte Kästner-Biographie geschrieben und (unter Anderem) 2013 mit „Der Gang vor die Hunde“ erstmals den Originaltext von Kästners „Fabian“ herausgegeben, jüngst erschien auch seine kommentierte Ausgabe von Kästners „Blauem Buch“ mit den geheimen Aufzeichnungen aus der Zeit des Dritten Reiches.


Astrid Séville: „Der Sound der Macht — Eine Kritik der dissonanten Herrschaft“

Der Umgangston hat sich nicht nur im öffentlichen Raum, sondern vor allem im politischen Umfeld grundlegend geändert. Es scheint, als ob die Politik das Gefühl für die Etikette verloren hätte oder schlimmer: als ob es politische Kräfte gibt, die sich ganz bewusst außerhalb des moralischen Wertesystems stellen, um es von außen zu bekämpfen.

Letzteres scheint mit dem Aufstieg der AfD in Deutschland und mit dem Erfolg rechtspopulistischer und nationalistischer Bewegungen in ganz Europa in einem direkten Zusammenhang zu stehen. Prominente Beispiele finden sich auch außerhalb Europas — in Russland und den USA, in Brasilien, im Nahen Osten, in Indien und sicherlich auch in Asien.

Es ist demzufolge das globale Problem einer disruptiven Politik, durch welche die bislang bestehenden diplomatischen und parlamentarischen Gepflogenheiten, der Konsens eines gleichberechtigten politischen Diskurses sowie die Anerkennung der Person unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe in den demokratischen Gesellschaften bewusst in Frage gestellt werden.


Peter Neumann: „Jena 1800 — Die Republik der freien Geister“

Der Schriftsteller und Philosoph Peter Neumann hat ein Buch über die Epochenwende um 1800 geschrieben. Es geht um den Höhepunkt jener von dem Historiker Reinhart Koselleck als „Sattelzeit“ beschriebenen Phase der deutschen und europäischen Kulturgeschichte.

Über jene kulturelle Umbruchphase sind viele schlaue Bücher geschrieben worden, doch Neumanns Buch sticht aus der Vielzahl der Publikationen hervor, weil es anders ist als der Rest. Die Perspektive, die der Autor einnimmt, ist bemerkenswert: Denn er versucht erst gar nicht — wie eine Legion von Germanisten und Historikern vor ihm —, eine möglichst objektive Beschreibung der künstlerischen und philosophischen, literarischen und kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Strömungen jener Zeit zu liefern; sein Buch malt vielmehr ein vielfarbiges und lebendiges Sittengemälde dieser spannenden und intensiven Zeit, in der Jena neben und mit Weimar um 1800 zum Zentrum der Avantgarde im deutschsprachigen Raum avancierte.


Hanns-Josef Ortheil: „Was ich liebe und was nicht“

Die Bücher von Hanns-Josef Ortheil sind bedingungslos autobiographisch. Das ist einerseits der Grund für ihre starke Authentizität und für eine realistische Abbildung unserer Wirklichkeit; andererseits birgt ein solch konsequent autobiographisches Schreiben auch immer die Gefahr eines selbstgefälligen Tones oder — schlimmer noch — der Langeweile.

Es liegt nicht zuletzt an dem Schreibstil und an seiner individuellen Sicht auf die Dinge, dass Ortheils Bücher gar nicht erst in die Nähe jener Gefahrenzonen geraten, sondern immer unterhaltsam, spannend und auch lehrreich sind.