Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Hanns-Josef Ortheil: „Was ich liebe und was nicht“

Die Bücher von Hanns-Josef Ortheil sind bedingungslos autobiographisch. Das ist einerseits der Grund für ihre starke Authentizität und für eine realistische Abbildung unserer Wirklichkeit; andererseits birgt ein solch konsequent autobiographisches Schreiben auch immer die Gefahr eines selbstgefälligen Tones oder — schlimmer noch — der Langeweile.

Es liegt nicht zuletzt an dem Schreibstil und an seiner individuellen Sicht auf die Dinge, dass Ortheils Bücher gar nicht erst in die Nähe jener Gefahrenzonen geraten, sondern immer unterhaltsam, spannend und auch lehrreich sind.


Rolf-Bernhard Essig: „Ich kenn doch meine Pappenheimer! — Wunderbare Geschichten hinter sprichwörtlichen Orten“

Die meisten von uns sprechen und schreiben, ohne groß darüber nachzudenken, wo die Redewendungen, die wir täglich und selbstverständlich benutzen, ihren Ursprung haben.

Daher ist es grundsätzlich zu begrüßen, dass seit einiger Zeit eine verstärkte Neigung zu verspüren ist, sich mit den Wurzeln des eigenen Wortschatzes zu beschäftigen. Ja, es scheint sogar eine Art Mode geworden zu sein, die sogenannten „geflügelten Worte“ auf ihre Ursprünge hin zu untersuchen und diese Erkenntnisse in lustigen kleinen Taschenbüchern zusammenzufassen.


Terry Pratchett: „Aus der Tastatur gefallen — Gedanken über das Leben, den Tod und schwarze Hüte“

Wenn ein Autor im Laufe seines schriftstellerischen Lebens über 45 Millionen Bücher verkauft hat, scheint er den Geschmack des Publikums zumindest nicht gänzlich zu verfehlen. Terry Pratchett ist der Erfinder der „Scheibenwelt“ und hat mit seinen Romanen eine weltweite Fan-Gemeinde versorgt.

Die Anerkennung seines Werkes ging so weit, dass er sogar 1998 zum Officer des Order of the British Empire (OBE) ernannt wurde. Der Mann mit den schwarzen Hüten war lebenslang ein Exzentriker und legte wenig Wert auf Konformität. Pratchett erkrankte früh an einer Form der Alzheimer-Krankheit und wurde 72 Jahre alt; er starb 2015.

Nun sind erstmals auf Deutsch seine besten Essays bei Goldmann erschienen. Es sind kurze Texte über — na ja, Douglas Adams lässt grüßen — „das Leben, den Tod und schwarze Hüte“. Das klingt nicht nur zufällig nach „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“, wie seinerzeit der dritte Band des fünfbändigen Kult-Romans „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams hieß.


Susannah Walker: „Was bleibt — Über die Dinge, die wir zurücklassen“

Was bleibt von uns übrig, wenn wir tot sind? — Diese Frage wird sich jeder früher oder später stellen. Die Antwort fällt nicht selten ernüchternd aus: Was übrigbleibt, sind vielleicht die eigenen Kinder oder auch Kunstwerke, falls man Künstler ist; es bleiben den Hinterbliebenen aber vor allem Erinnerungen und die Dinge, die man zurücklässt. Genau an dieser Stelle setzt das Buch von Susannah Walker an.

Es erzählt ihre eigene Geschichte und die ihrer leiblichen Mutter. Sie hatte die Familie verlassen, als Susannah Walker acht Jahre alt war. Depressionen und ein sich über die Jahre steigender Alkoholkonsum machte das Zusammenleben unmöglich. Die Autorin wuchs bei ihrem Vater und seiner zweiten Frau auf; mit ihrer leiblichen Mutter schreibt sie sich nur noch ab und an Briefe. Als sie erwachsen wurde, nahm sie den persönlichen Kontakt zur Mutter wieder auf. Besuche bei ihr fanden nur während ihrer „guten Phasen“ statt, doch der Zustand der Wohnung ließ keinen Zweifel daran, dass diese Phasen eher die Ausnahme waren.


Reiner Marcowitz: „Die Weimarer Republik — 1929 – 1933“

Auch wenn es heißt, dass die Geschichte sich nicht wiederholt, ist es sinnvoll, sich mit historischen Konstellationen zu beschäftigen, die jenen der Gegenwart zumindest in Teilen nicht völlig unähnlich sind, damit man sich besser auf die möglichen Entwicklungen der politischen, gesellschaftlichen und sozialen Strömungen einstellen kann.

In der Reihe „Geschichte kompakt“ ist nun die Neuauflage des bereits 2004 erschienenen Titels über die Spät- und Endphase der Weimarer Republik von Reiner Marcowitz erschienen. Der Autor, Reiner Marcowitz, geb. 1960, ist nach Lehrtätigkeit in Dresden seit 2007 Professor für deutsche Geschichte an der Universität Metz.


Karl Kraus: „Nestroy, Heine & Co. — Aufsätze zur Literatur“

Wenn einer mit seiner spitzen Feder töten konnte, dann war es Karl Kraus. Wie kaum ein Anderer steht Kraus für eine leidenschaftliche und lebenslange Beschäftigung mit der Sprache. Seine Sprachkritiken hat er vor allem in der „Fackel“, jener von ihm jahrzehntelang selbst herausgegebenen Zeitschrift, veröffentlicht. Kraus war ein wahrer Meister der „kleinen Form“, der Glosse, des Essays und des Aphorismus.

Seine Kritiken waren gefürchtet, er machte sich selten Freunde unter seinen Schriftsteller- und kritiker-Kollegen; zu eigensinnig war oft seine Sprachauffassung, zu unversöhnlich seine texte in ihrem scharfen Ton, und so kam es nicht selten vor, dass Karl Kraus nicht nur von vielen bewundert, sondern auch von nicht wenigen gehasst wurde. Die jahrelange Auseinandersetzung mit dem berühmten Theaterkritiker Alfred Kerr ist hierfür ein bekanntes Beispiel.


Uli Hauser: „Geht doch — Wie nur ein paar Schritte mehr unser Leben besser machen“

Einfach mal losgehen. Ach, wäre das schön! — Einfach alles hinter sich lassen — die Arbeit, die Familie, all die Zwänge, die unser Leben tagtäglich zu einem Wettlauf mit der Zeit machen …

Wir fühlen uns gehetzt, obwohl wir die meiste Zeit des Tages am Schreibtisch sitzend verbringen. Während wir tagein, tagaus im Büro sitzen und unsere Arbeit machen, zieht unser Leben an uns vorbei. Und obwohl wir den ganzen Tag „online“ sind, mit dem Smartphone unsere unzähligen Verbindungen knüpfen und unsere Nachrichten in alle Welt schicken, sind wir eigentlich niemals genau dort, wo wir gerade sind: in der Gegenwart.

Irgendwann haben wir dann einen Punkt erreicht, wo wir merken, dass es so nicht weitergehen kann, nicht weitergehen soll, wenn wir uns nicht ganz verlieren wollen. Um die Verbindung mit uns selbst wiederherzustellen, gibt es ein ganz einfaches Mittel: Gehen.


Hans Medick: „Der Dreißigjährige Krieg — Zeugnisse vom Leben mit Gewalt“

Im Jahre 1618 begann, ausgelöst durch den Prager Fenstersturz, der Dreißigjährige Krieg. 2018 erschienen anlässlich des 400. Jubiläums eine große Menge an Publikationen, Forschungsberichte, Dramatisierungen, Dokumentationen in allen Medien. Immer wieder wurde versucht, das Grauen darzustellen, welches jener dreißig Jahre dauernde totale Krieg für die Menschen mit sich brachte.

Die vorliegende Publikation unterscheidet sich grundlegend von allen anderen, denn sie geht einen anderen Weg. Anstatt die historischen Ereignisse jenes Krieges durch die Erschließung neuer Quellen neu zu interpretieren und auf diese Weise die herkömmliche Geschichtsschreibung in Teilen zu revidieren, im Großen und Ganzen aber nur zu wiederholen, was auch schon viele Historiker zuvor über den Dreißigjährigen Krieg erzählt haben, bedient sich Hans Medick einer anderen Art von Quellen, die er für seinen Ansatz erschließt.


Richard J. Evans: „Das europäische Jahrhundert — Ein Kontinent im Umbruch 1815 – 1914“

In gewissen Zeitabständen gibt es immer wieder Historiker, die sich nicht scheuen, einen großen Wurf zu wagen. Nicht immer ist ein solches Großprojekt von Erfolg gekrönt, und mancher Wissenschaftler verhebt sich an der übergroßen Last der schieren Faktenfülle einer zu breiten oder zu umfangreichen Thematik.

Ähnliches ließe sich auch bei dem vorliegenden Projekt einer europäischen Geschichte des 19. Jahrhunderts befürchten, die Richard J. Evans — Regius Professor und bis 2017 Professor für Neuere Geschichte an der Cambridge University — nun vorlegt. Doch sein Versuch einer umfassenden Historiographie des 19. Jahrhunderts darf zurecht als geglückt bezeichnet werden.


Checkpoint Demokratie e.V. (Hg.): „… wenn ich mir was wünschen dürfte … — Impulse für eine Demokratie der Moderne“

Neulich lag ein neues Buch auf dem Schreibtisch des Rezensenten. Etwas altbacken sah es aus mit seinem abstrakten Cover, das ein wenig an christliche Erbauungsliteratur erinnerte (wahrscheinlich durch die entfernte Ähnlichkeit des Farbmusters mit einem kreuz), und auch der Titel wirkte etwas wie aus der Zeit gefallen: Impulse für eine Demokratie der Moderne — das klang nach 1960er Jahre …

Doch der Marburger Schüren-Verlag, in dem dieser Sammelband erschienen ist, ist alles Andere als altbacken, sondern ein „Sachbuchverlag mit den Schwerpunkten
Film & Medien, Zeitgeschehen, Sozialwissenschaft und Technik“, wie es auf der Homepage des Verlags heißt.

Als Herausgeber dieser Anthologie mit Impulsen für eine demokratische Frischzellen-Kur firmiert der Verein „Checkpoint Demokratie“ mit Sitz in Köln.


David Foster Wallace: „Der Spaß an der Sache — Alle Essays“

David Foster Wallace gilt zurecht als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Seine Romane „Unendlicher Spaß“ oder „Der bleiche König“ sowie seine zahlreichen Essays gehören zum Besten, was Amerika in Sachen Literatur und Geist zu bieten hat. Umso trauriger ist die Tatsache, dass durch seinen Freitod diese Stimme schon so früh und für immer verstummt ist.

Nun sind in einem dicken Wälzer bei Kiepenheuer & Witsch „Alle Essays“ von David Foster Wallace in einem Band erschienen. Erstmals sind so auf Deutsch alle essayistischen Texte diese Ausnahme-Autors in Übersetzung erhältlich!


Steven Pinker: „Aufklärung jetzt — Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung.“

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Das schrieb Immanuel Kant in seinem berühmten Essay „Was ist Aufklärung?“ im Jahre 1784. Als Kant diese kurze Schrift verfasste, war jene Epoche, die wir heute als Aufklärung (Enlightenment, Siècle des Lumières, Siglo de las Luces, просвещéние) bezeichnen, schon seit einigen Jahrzehnten ein internationales Phänomen, eine Zeit des Aufbruchs und des allgemeinen „Ausgangs des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“.

Das „sapere aude“, der Schlachtruf der Wissenschaften in ihrem Kampf gegen die kirchlichen Dogmen, führte zu einem bislang ungekannten Siegeszug des menschlichen Denkens und zu einer Befreiung des Menschen von den Fesseln der Unwissenheit und der Religion.


Freya Klier: „Dresden 1919 — Die Geburt einer neuen Epoche“

Wenn man mit der deutschen Novemberrevolution 1918 vor allem Kiel und Berlin und für das Jahr 1919 auch noch München assoziiert, so ist das nicht falsch; aber es ist auch nicht ganz richtig. Denn Dresden spielte während der Endphase des Ersten Weltkriegs und der turbulenten Übergangszeit bis zur Ausrufung der Weimarer Republik eine bedeutende Rolle, die bislang von den Historikern zu sehr vernachlässigt wurde.

Dieser Meinung scheint jedenfalls Freya Klier zu sein, Schauspielerin, Theaterregisseurin und in den frühen 1980er Jahren wichtige Figur der DDR-Friedensbewegung. Die Autorin ist gebürtige Dresdnerin, und so lag es vielleicht einfach nahe, sich mit jener Phase der Dresdner Geschichte intensiver auseinander zu setzen.


Ingo Juchler: „1918 / 1919 in Berlin — Schauplätze der Revolution“

Am 9. November 2018 jährt sich das Datum der Novemberrevolution in Deutschland zum 100. Mal. Die Nachricht vom Aufstand der Matrosen in Kiel und ihrer Weigerung, sich in einer sinnlosen Seeschlacht kurz vor Kriegsende aufopfern zu lassen, breitete sich wie ein Lauffeuer im gesamten Kaiserreich aus.

Was als Befehlsverweigerung einiger Matrosen seinen Anfang nahm, bekam schnell revolutionäre Züge. So auch und vor allem in der Hauptstadt Berlin. An welchen Schauplätzen in Berlin die deutsche Revolution von 1918 / 1919 ihren Ausgang nahm und wie die Bevölkerung vor dem Kriegsende und nach der Kapitulation die November-Unruhen erlebte, beschreibt der Politikwissenschaftler und Historiker Ingo Juchler in einem kleinen, jedoch reich illustrierten Buch aus dem Bebra-Verlag.


Lukas Linder: „Der Letzte meiner Art“

Der Schweizer Dramatiker Lukas Linder hat für seine Arbeiten bereits mehrere Preise erhalten, unter anderem den begehrten Kleist-Preis. Lukas Linder ist ein Theatermann. Nun hat er sein Debüt als Romancier vorgelegt. Man merkt dem Debüt nicht an, dass es von einem Theatermann geschrieben wurde, und das ist sehr erfreulich, weil es nicht den Erwartungen entspricht.

Dramatik und Epik sind (neben der Lyrik) zwei literarische Gattungen, die seit der Antike in Konkurrenz zueinanderstanden. Was das eine Genre nicht leisten konnte, wurde dem anderen zugeschrieben. Die Form entscheidet nicht zuletzt darüber, wie erfolgreich eine Geschichte erzählt wird.

„Der letzte meiner Art“ ist die hübsche Familiengeschichte des jungen Alfred von Ärmel, der seinen Platz in der Familienchronik sucht.


Dunja Ramadan: „Khalid und das wilde Sprachpferd — Geflüchtete begegnen der deutschen Sprache“

Sprache ist eine unhintergehbare Voraussetzung für Kommunikation. Alles was wir wahrnehmen, formulieren wir in unserem Kopf anhand von Begriffen. Auch um unsere Gefühle auszudrücken oder unsere Wünsche zu artikulieren, benötigen wir Sprache. Nur wenn wir etwas auch benennen können, können wir es auch erkennen. Kurzum: Sprache ist das Basis-Werkzeug eines jeden Menschen zur Erschließung der Welt und zur Artikulation seiner Identität.

Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten des Ausdrucks — Tanz, Bewegungen, Gesten, Musik und Malerei —, doch nur mit sprachlichen Mitteln können wir uns präzise ausdrücken und uns mit anderen Menschen austauschen. Deshalb ist Sprache so wichtig und zentral, wenn es um Integration geht. Diese Tatsache erfahren besonders die Geflüchteten, welche aus einer anderen Kultur und aus einem anderen Sprachraum zu uns in die Fremde kommen.


Nathalie Boegel: „Berlin — Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“

Seitdem Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“ über das dunkle Berlin der späten Weimarer Republik unter dem Titel „Babylon Berlin“ verfilmt wurde, dann zunächst im Pay-TV und jetzt auch im Free-TV gezeigt wurde, scheint es an allen Ecken und Enden „Sidekicks“ zu geben — Produkte, die im Fahrwasser dieser über alle Maßen erfolgreichen TV-Serie erscheinen und sich mit den verschiedenen Aspekten der sogenannten „Goldenen“ Zwanzigerjahre befassen, die in Wirklichkeit gar nicht so golden waren.

Ein interessantes Buch, das in diesem Zusammenhang bei DVA erschienen ist, stammt von der Fernsehjournalistin Nathalie Boegel und befasst sich mit den dunklen Seiten der „Hauptstadt des Verbrechens“, als welche das Berlin der 1920er Jahre von ihr bezeichnet wird.


Tom Rachman: „Die Gesichter“

Von einem Debütroman kann man begeistert sein; an dem Nachfolger, dem zweiten Roman, trennt sich oft schon die Spreu vom Weizen; jedoch spätestens bei dem dritten Buch sucht man nach Gemeinsamkeiten und charakteristischen Sujets; wenn man Glück hat, lässt sich ab diesem Punkt auch über die Jahre eine schriftstellerische Entwicklung herausarbeiten.

„Die Gesichter“ ist Tom Rachmans dritter Roman. Nach seinem fulminanten Erstling „Die Unperfekten“ (2010) und dem vielschichtigen und temporeichen zweiten Roman „Aufstieg und Fall großer Mächte“ (2014) sind die Erwartungen groß, die man an „Die Gesichter“ (Originaltitel: „The Italian Teacher“, 2018) stellt.

Diese Erwartungen werden nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil!


Jack London: „Martin Eden“

„Der Matrose Martin Eden verliebt sich in die aus wohlhabendem Hause stammende Ruth. Um die gebildete junge Frau für sich zu gewinnen, wird er zum Autodidakten. Dabei entdeckt Martin seine Liebe zum Schreiben und beschließt, Schriftsteller zu werden. Aber für die Verwirklichung seines Traums muss er einen hohen Preis zahlen.“ — So steht es auf dem Klappentext der aktuellen Taschenbuchausgabe des Romans von Jack London, der jetzt von Lutz-W. Wolff neu übersetzt vorliegt.

Man kann die Geschichte des Martin Eden auf diese Weise zusammenfassen, aber natürlich ist dieses Herunterbrechen auf neun Zeilen Klappentext viel zu wenig und wird der Naturgewalt dieses Romans in keiner Weise gerecht. Jack London hat in diesem 1909 erschienenen Roman nicht nur sehr viel Autobiographisches eingearbeitet, sondern ein derart umfangreiches und tiefgehendes Werk geschaffen, das selbst mit den Etikettierungen „Bildungsroman“ oder „Entwicklungsroman“ nur unzureichend beschrieben ist.


Alessandro Baricco: „Die Barbaren — Über die Mutation der Kultur“

Der bekannte italienische Schriftsteller und Philosoph Alessandro Baricco hat bereits 2006 einen Essay über den fundamentalen Wandlungsprozess unserer Kultur geschrieben, der jetzt endlich (nach 12 Jahren!) in deutscher Übersetzung erscheint. Zunächst dachte der Autor an den Titel „Die Mutation“, doch nun heißt das Buch „Die Barbaren — Über die Mutation der Kultur“.

Aber ist es auch wirklich ein Buch? Natürlich halten wir Leser auch hier, wie immer am Ende eines mehr oder weniger langen Prozesses, ein Buch in den Händen; aber diese Bestandsaufnahme der Kultur des Westens ist vor allem das Ergebnis eines kühnen Schreibprojekts: Die einzelnen Essays erschienen zwischen Mai und Oktober 2006 im Feuilleton der renommierten italienischen Tageszeitung La Repubblica, zu deren Mitherausgebern Alessandro Baricco gehört. Es war im wahrsten Sinne ein Essay, ein Versuch des Autors, entlang einer Reihe von Phänomenen zu beschreiben und herauszufinden, welche radikalen Umbrüche sich gerade in unserer Kultur vollziehen.


Dietz Bering: „Luther im Fronteinsatz“

Auch im Jahr 2018 gibt es eine Menge Sachbücher, die sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen, vor allem mit seinem Ende, mit der Novemberrevolution und der sich daran anschließenden Übergangszeit 1018/19 bis zur Gründung der Weimarer Republik. Ein Titel sticht jedoch aus der Fülle jener Publikationen heraus und macht besonders neugierig, denn er beschäftigt sich mit der starken Verknüpfung von Religion und Propaganda im Vorfeld sowie im Verlauf des Ersten Weltkriegs.

Dietz Bering hat eine Studie vorgelegt, die auf beeindruckende Weise die enge Verzahnung von Protestantismus und Propaganda im deutschen Kaiserreich belegt. Wir haben das wohl alle in der Schule gelernt, dass (nicht nur sie, aber ganz besonders) die Deutschen mit dem Segen der christlichen Kirchen in den Krieg zogen. Waffen und Soldaten wurden gesegnet, und der Krieg selbst wurde von Anfang an nicht nur zu einer vaterländischen Pflicht, sondern geradezu als ein heiliger Dienst am Vaterland verklärt.


Burghart Klaußner: „Vor dem Anfang“

Dieses Buch ist eine Zumutung! Kaum beginnt man mit dem Lesen, kann man nicht mehr aufhören! Berufliche Termine, familiäre Verabredungen, Essens- und Schlafenszeiten: kannste alles vergessen! Jetzt ist der Klaußner dran, und der schreibt als Schriftsteller so gut, wie er als Schauspieler schauspielert!

„Vor dem Anfang“ kommt das Ende. Aber das dauert. 172 Seiten lang muss man darauf warten, dass endlich der Zweite Weltkrieg in Berlin zu Ende geht. Auch das ist ziemlich nervenaufreibend. Wir lesen die Geschichte zweier Männer — Fritz und Schultz. Der eine hat Familie, der andere nicht. Der eine will sich verstecken, der andere natürlich auch, aber der weiß nicht, wo. Fritz hingegen weiß genau, wo er untertauchen kann, bis dieser verrückte Krieg endlich zu Ende ist. Kann ja nicht mehr lange dauern. Ist alles in Auflösung. Aber umso gefährlicher ist es, sich draußen zu zeigen. Überall lauern die Kettenhunde der Feldgendarmerie, und die machen schnell kurzen Prozess.


Hanno Rauterberg: „Wie frei ist die Kunst? – Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus“

Die Kunst im Würgegriff von Ikonoklast*innen lässt den Kunstkritiker Hanno Rauterberg die Frage nach ihrer Freiheit umso dringlicher stellen, je mehr sich die Beispiele eines Angriffs auf die Kunstfreiheit häufen.

Wir hatten uns zu sehr an die Freiheiten in einer demokratischen und offenen Gesellschaft gewöhnt und sie als selbstverständlich vorausgesetzt. Doch nun merken wir in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen, wie sehr der Liberalismus in der Krise steckt. Es sind jene egalitären Bewegungen, die im Zuge der Digitalmoderne nach neuen Mehrheiten suchen und sie im wütend klickenden Plebiszit gefunden zu haben scheinen.

Es sind jene digitalen Stürme, welche von den Sensiblen und Sensibilisierten ausgehen und nun auch der Kunst ihre Freiheit absprechen.


Hilmar Klute: „Was dann nachher so schön fliegt“

Wäre man nicht durch die Presseinformation darüber informiert worden, würde man nicht auf die Idee kommen, dass es sich bei diesem Roman um ein Debüt handelt. Hilmar Klute schreibt derart routiniert und hat einen unglaublich dichten und opulent mit Details ausgeschmückten Erstling hingelegt, dass man zurecht das Attribut „fulminant“ in den Mund nehmen darf, um diesen Roman mit einem Wort zu beschreiben.

„Was dann nachher so schön fliegt“ erzählt aus der Ich-Perspektive einer homodiegetischen Erzählinstanz in einer sich kapitelweise abwechselnden Parallelkomposition die Erlebnisse des 20-jährigen Volker Winterberg im Jahr 1986. Als Zivildienstleistender arbeitet er in einem Altenheim im Ruhrpott und als Literaturdienstleistender reist er nach Berlin zu einer Veranstaltung mit jungen Autoren, die vom Literaturhaus in der Fasanenstraße ausgerichtet wird.

Wir schreiben das Jahr 1986, der Fall der Mauer steht noch nicht auf dem Plan, Berlin ist noch West-Berlin, jenes „Bundesbiotop“ für alle Gestrandeten und Untergetauchten, für Wehrdienstverweigerer und Lebenskünstler, für Träumer und Spinner aller Art.


Dr. Manuela Macedonia: „Beweg Dich und Dein Gehirn sagt Danke —Wie wir schlauer werden, besser denken und uns vor Demenz schützen“

Mal ehrlich: Wie sitzen alle viel zu lange vor dem Bildschirm. Sie und ich und die meisten Menschen unserer Zeit verbringen viele Stunden am Tag damit, an Schreibtischen zu sitzen und auf Bildschirme zu starren. Wenn wir uns bewegen, schauen immer mehr von uns auf diese kleinen Smartphones und haben am Abend Nackenschmerzen.

Wir sollten uns mehr bewegen! Ja, klar, das hören wir jeden Tag und machen es dann doch nicht, weil es viel zu viele andere Sachen gibt, um die wir uns kümmern müssen. — Doch jetzt ist von der jungen Neurowissenschaftlerin Dr. Manuela Macedonia ein Buch erschienen, das viele von uns zum Nachdenken und zum Umdenken bringen könnte: „Beweg Dich! Und Dein Gehirn sagt danke“.


Matthias Barth: „Berlin der Kaiserzeit — Architektur 1871 – 1918“

In weiten Teilen verdankt die deutsche Hauptstadt auch heute noch ihr Erscheinungsbild jener historischen Phase von der Reichsgründung 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918. Das behauptet wenigstens Matthias Barth, Architekturfotograf und Verfasser des vorliegenden opulenten Bildbands aus dem Michael-Imhof-Verlag.

Denken wir an die deutsche Hauptstadt, so verbinden wir damit die Vorstellung einer von baulichen Großprojekten durchzogenen Stadtstruktur. Denken wir an den Potsdamer und den Leipziger Platz, an die Friedrichstraße und den Alexanderplatz, die Gegend um das Brandenburger Tor, das Regierungsviertel, die neuen Hochhäuser an der Gedächtnis-Kirche, den Hauptstadt-Flughafen (…), so scheint Berlin vor allem von jenen modernen Bauprojekten (im guten oder schlechten Sinne) gezeichnet zu sein. Doch die zahlreichen bauten der Kaiserzeit, die über die ganze Stadt verteilt zu finden sind, sind auch nach über hundert Jahren für das Stadtbild charakteristischer als diese solitären Neubau-Projekte.


Robert Misik, Christine Schörkhuber, Harald Welzer (Hg.): „Arbeit ist unsichtbar — Die bisher nicht erzählte Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Arbeit“

Dieses Buch ist ein Arbeitsbuch und zwar im doppelten Sinne: Zum einen geht es um die Welt der Arbeit, und zum anderen ist es ein Buch, mit dem man arbeiten kann und muss. Hierbei ist der Anspruch dieses Sammelbandes nicht gerade bescheiden. Es soll die „bislang nicht erzählte Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Arbeit“ präsentiert werden. — Also schauen wir uns dieses Buch einmal näher an …

Die drei Herausgeber dieses Buches kommen aus dem Journalismus, der Welt der Kunst und der Soziologie: Robert Misik ist politischer Journalist und bekannt für seine zahlreichen Publikationen zur Gegenwartspolitik und zu Gesellschaftsthemen. Christine Schörkhuber ist Medienkünstlerin, Musikerin, Radiojournalistin und Filmemacherin; Harald Welzer schließlich ist Soziologe mit starker Medienpräsenz, Gründer der Stiftung FUTURZWEI sowie Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen vor allem zu gesellschaftspolitischen Themen.


Katharina Fink, Nadine Siegert (Hg.): „Lieblingsstücke — 36 Objekte des Monats“

Das Iwalewahaus ist eine Institution der Universität Bayreuth. Es wurde bereits 1981 gegründet und versteht sich als ein Haus für Kunst und Wissenschaft sowie als ein interaktives Museum, als Raum der Begegnung mit Werken und Künstler_innen. Der Schwerpunkt liegt auf moderner und zeitgenössischer Kunst aus dem Afrikaraum, aber auch Kunst aus dem asiatischen und pazifischen Raum findet im Iwalewahaus Beachtung.

Über 7000 Werke moderner und zeitgenössischer bildender Kunst und populärer Kulturen aus Afrika, Asien und dem pazifischen Raum gehören zur Sammlung im Iwalewahaus. Wörtlich übersetzt bedeutet Iwalewa „Charakter ist Schönheit“. Iwalewa ist ein Sprichwort aus dem Yoruba, das von einer der drei großen ethnischen Gruppen im Südwesten Nigerias gesprochen wird. Seit 2013 trägt die Institution den Titel „Iwalewahaus“.

Von Anfang an war das Iwalewahaus ein wichtiger Teil des Afrikaschwerpunkts der Universität Bayreuth.


Aladin El-Mafaalani: „Das Integrations-Paradox — Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“

„Unsere Gesellschaft ist gespalten und die Welt ist aus den Fugen geraten — über diese Feststellung herrscht fast Einigkeit.“ Aber ist das wirklich so? Oder machen wir uns vielleicht nur etwas vor — oder schlimmer: Wird uns vielleicht nur etwas vorgemacht?

Der deutsche Soziologe Aladin El-Mafaalani wagt in seinem aktuellen Buch eine andere These. Er ist der Überzeugung, dass genau das Gegenteil der Fall ist: „Die Gesellschaft wächst zusammen, und die Welt ist sich nähergekommen. Dadurch kommt vieles in Bewegung. Nicht alles kann gesteuert werden. Veränderungen erzeugen Spannungen und Konflikte. Niemand hat eine positive Idee davon, wohin dieser Prozess führt.“

Dies ist die Kernthese dieses wunderbar leicht zu lesenden Buches über das „Integrations-Paradox“; doch man sollte von der Leichtigkeit der Lektüre nicht auf die Leichtigkeit des Inhalts schließen.


Thomas Bauer: „Die Vereindeutigung der Welt — Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“

Fragt man die Leute auf der Straße, so würde die große Mehrheit, unabhängig davon, ob sie dies gutheißen würde oder nicht, der Ansicht sein, dass wir in einer liberalen, multikulturell gewachsenen und offenen Gesellschaft lebten. Doch stimmt das wirklich? Wird unsere Welt wirklich immer bunter, komplexer und vielfältiger? Oder erleben wir nicht eher genau die entgegengesetzte Entwicklung hin zu weniger Vielfalt und Mehrdeutigkeit?

Denken wir an das Insektensterben und den Rückgang der Artenvielfalt in den großen Ballungsräumen! Denken wir an die Tomaten im Supermarkt, die alle so unterschiedlich aussehen, aber am Ende doch fast gleich schmecken. Oder denken wir daran, dass sich die großen Städte immer ähnlicher werden, so dass wir uns selbst an unbekannten Orten relativ schnell zurechtfinden, weil uns viel Vertrautes umgibt. „Überall ist eine Tendenz zu einem Weniger an Vielfalt, einem Rückgang an Mannigfaltigkeit zu beobachten“, meint Thomas Bauer, der Autor des vorliegenden kleinen Büchleins über „Die Vereindeutigung der Welt“.


Alan Bennett: „Geht ins Museum“

In der SALTO-Reihe des Wagenbach-Verlags ist ein neues Büchlein von Alan Bennett erschienen, das den schlichten Titel „Geht ins Museum“ trägt. Nun könnte man den Titel einerseits so interpretieren, dass es heißt: Alan Bennett geht ins Museum. Das ist auf jeden Fall richtig, doch auch jene alternative Interpretation, dass es sich um eine Aufforderung an die Leserschaft handeln könnte (Geht ins Museum!) ist naheliegend.

Wenn wir als Leser jemanden dabei beobachten und begleiten sollen, der ins Museum geht, so klingt das zunächst nicht besonders spannend. Da es sich jedoch um Alan Bennett handelt, wird die Angelegenheit schon interessanter. Den meisten Leserinnen dürfte Bennett bekannt sein als der Autor des wunderschönen Romans „Die souveräne Leserin“; das ist natürlich in Anbetracht der jahrzehntelangen schriftstellerischen und essayistischen Produktion des Autors ein klein wenig ungerecht, aber letztlich okay.


Umberto Eco: „Pape Satàn — Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen“

Seit 1985 schrieb Umberto Eco für das römische Nachrichtenmagazin L´Espresso eine Kolumne mit dem Titel „La Bustina di Minerva“ (Die Büste der Minerva). Diese knappen Notizen zum Zeitgeschehen waren meist so kurz, dass sie, wie Umberto Eco bereits in der ersten Kolumne schriebe, auf die Fläche eines ausgeklappten Streichholzbriefchens passten. Deshalb wurden jene Zeitkommentare im Deutschen auch „Streichholzbriefe“ genannt.

In der vorliegenden Taschenbuchausgabe (das Hardcover ist bereits 2017 im Hanser Verlag erschienen) finden wir eine Auswahl jener Streichholzbriefe aus der Zeit von 2000 – 2015. Umberto Eco ist 2016 im Alter von 84 Jahren gestorben. Doch seine Texte werden weiterwirken, denn der berühmte Schriftsteller, Philosoph und Medienwissenschaftler war eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen Italiens.


Mirko Moritz Kraetsch: „Berlin — Abseits der Pfade — Band 1 und 2“

Als gebürtiger Berliner meint man, seine Stadt zu kennen. Wahrscheinlich geht das nicht nur einem Berliner so, sondern jedem, der einen Reiseführer über seine Heimatstadt vor sich liegen hat. Aber den Berliner zwickt das ganz besonders. Schließlich ist es doch seine Stadt, diese wunderbare Stadt, die sich schon immer selbst so gerne als „Weltstadt“ bezeichnet hat, weil sie nicht warten wollte, bis es mal einer von außen tut. Nein, Berlin „is´ meene Stadt und ick kenne ihr“, denkt sich der Berliner, und fertig.

Doch dann kommt da einer, der ist gar kein Berliner, und zeigt dem Eingeborenen, was es in seinem Habitat alles zu entdecken gibt! Man stelle sich mal vor! — Doch eigentlich hat das Ganze auch Tradition. Schon immer wurde den Berliner von Auswärtigen erklärt, was ihre Stadt so besonders macht. Denken wir an Alfred Kerr oder Robert Walser! An Franz Hessel oder Siegfried Kracauer! Nur wenige waren wirklich gebürtige Berliner: Walter Benjamin und Kurt Tucholsky beispielsweise.


Dana Giesecke, Hans-Georg Soeffner, Klaus Wiegandt (Hg.): „Welzers Welt — Störungen im Betriebsablauf“

In diesem Sommer (2018) wird Harald Welzer 60. Ein guter Anlass, Kollegen und Weggefährten um ihre Beiträge zu bitten und sich auf die eine oder andere Art mit „Welzers Welt“ auseinanderzusetzen. Der bekannte Sozialwissenschaftler und Gründer der Stiftung „Futur Zwei“ ist seit vielen Jahren in den Medien präsent. Als streitfreudiger Kämpfer für ein „Selbstdenken“ und Umdenken im Sinne der Nachhaltigkeit fällt er nicht zuletzt durch sein lässiges und unprätentiöses Auftreten auf.

„Welzers Welt ist einerseits gekennzeichnet von ‚Störungen im Betriebslauf‘ […] auf dem Weg in eine zweifelhafte Zukunft. Andererseits ruft Welzer zum Selbstdenken auf, weil Autonomie und Freiheit für ihn die zentralen Leitwerte seiner Vorstellung von Politik und Leben sind.“


L. J. Müller: „Sound und Sexismus — Geschlecht im Klang populärer Musik. Eine feministisch-musiktheoretische Annäherung“

Es gibt Gesangsstimmen, die klingen einfach sexy. Das ist aber nicht die Frage. Frauen wie Männer bedienen die gängigen Rollenklischees, seit es Vokalmusik gibt. Doch in unserer Gegenwart sind wir sensibler geworden, was die Verbindung von Sexualität und Macht betrifft, und wir achten sehr darauf, dass im zwischenmenschlichen Umgang Geschlechtergerechtigkeit herrscht.

Mit anderen Worten soll im Zuge der Gender-Politik ein allgemeines Bewusstsein für das „soziale Geschlecht“ (Gender — im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (Sex)) geweckt werden, welches unser Zusammenleben stärker prägt, als viele es wahrhaben möchten.

Aus dieser Perspektive stellt sich natürlich die interessante Frage, inwieweit die Rollenklischees in der Popmusik bedient oder gar überstrapaziert werden.


Gerdien Jonker: „Etwas hoffen muss das Herz — Eine Familiengeschichte von Juden, Christen und Muslimen“

„Dieses Buch handelt von der Geschichte einer preußisch-jüdischen Familie mit einem ausgeprägten Sinn für Reformen.“ Aus der westpreußischen Heimat wandern die Oettingers über Berlin bis nach London. Die letzte Etappe nach Britisch-Indien sollte wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gelingen. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit reicht diese bemerkenswerte Familiengeschichte. Es ist vor allem eine Geschichte des Verhältnisses von Juden und Muslimen vor dem Hintergrund der Reformbewegungen.

„In der Geschichte der Familie Oettinger wechseln vier aufeinanderfolgende Generationen ihre Religion.“ Wäre diese Familiengeschichte die Grundlage für einen Roman, so müsste sich der Autor die Frage gefallen lassen, ob er die interkonfessionelle Mobilität seiner Figuren nicht ein wenig überstrapaziert. Doch alle hier geschilderten Begebenheiten sind wahr und keine Fiktion!


Barbara Streidl: „Langeweile“

In Reclams kleiner Buchreihe der „100 Seiten“ finden sich Titel über dies und das, über Gott und die Welt — warum also nicht auch über die Langeweile?! Wir alle kennen Langeweile. In der Regel wird sie als ein ungeliebter Zustand empfunden, den man möglichst schnell wieder beenden und überwinden möchte. So assoziieren wir mit Langeweile meist Stillstand, Warten und Zeitverschwendung. Dies ist ein spätes Erbe unserer vom Christentum und vom anglo-amerikanischen Kapitalismus geprägten Gesellschaft; spätestens seitdem Benjamin Franklin 1748 in seiner Schrift „Advice to a Young Tradesmen“ das Motto „Zeit ist Geld“ herausgegeben hatte, wurde die Zeit ökonomisiert und dem Rentabilitätsdenken unterworfen.

Barbara Streidl zeigt in ihrem schlauen Essay über die Langeweile, dass wir sie aber auch ganz anders interpretieren könnten: als eine Zeit des Durchatmens, der Entschleunigung sowie als Quelle und Vorbedingung jeder Form von Kreativität. Denn der angestrengte und in stressige Arbeitsprozesse eingebundene Geist hat einfach keine Zeit für Kreativität; so gesehen, kann schnell aus einem ungeliebten und als sinnlos erachteten Wartezustand eine begrüßenswerte Unterbrechung des permanenten Wettlaufs werden.


Martin Meyer: „Gerade gestern — Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten“

Die Schweiz. Das Feuilleton der NZZ. Das steht für Gediegenheit. Seriosität. Korreliert man dies mit dem Phänomen des Verschwindens, so entsteht eine leicht melancholische Stimmung, vielleicht gepaart mit einer gewissen Sentimentalität und dem Gedanken, dass die wirklich guten Zeiten immer jene waren, die jetzt unwiederbringlich vorbei sind.

In solch eine leicht melancholische Stimmung gehüllt, lassen sich Meyers kurze Essays vielleicht am besten genießen. Es ist eine Stimmung, die fern jeder Larmoyanz und Trübsinnigkeit den Reichtum unserer Kultur vor unserem geistigen Auge entfaltet und zeigt, wie leicht wir uns auf das Gewohnte verlassen und wie sehr wir überrascht sind, wenn es eines Tages verschwunden ist.

Man wird diese anregende Lektüre wohl eher genießen, wenn man selbst ein gewisses Alter erreicht hat.


Jakob Augstein (Hg.): „Reclaim Autonomy — Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung“

Vor einigen Tagen landete eine Mail im Briefkasten: „Hitler war ein Britischer Agent! Wie kann man von einem Mann ein Wohlwollen gegenüber dem Deutschen Staat erwarten, der im Dienst einer fremden Macht stand? England‼ Um die Sache mehr zu verdeutlichen, warum sagt uns Niemand, daß der Großkopf Adolf perfekt Englisch sprach und Französisch? Wo war Hitler in der Zeit zwischen 1911 und 1914? Er war in England und Irland. Eigenartig, da gibt es eine Lücke in dem Geschichtsbewußtsein gewisser Leute. Das Victorianische Zeitalter mit anderen Mitteln läßt grüßen.“ [Die schönen Schreibfehler wurden bewusst nicht korrigiert.]

Wir haben sehr gelacht. Wie muss es im Kopf von Leuten aussehen, die solche Mails schreiben oder (noch schlimmer) solche Mails lesen für wahr halten?! — Es lässt sich nicht leugnen, dass wir seit AfD und Pegida, seit Trump und Bannon, seit Breitbart und Compact, seit Orbán, Strache, Kurz und Salvini, seit Marine Le Pen und Geert Wilders und wie sie alle heißen — kurz: seit dem internationalen Siegeszug der Rechten und Populisten in den letzten Jahren einen fundamentalen Paradigmenwechsel im Umgang mit den Medien beobachten müssen.


Ljuba Arnautović: „Im Verborgenen“

Es gibt Geschichten, die berühren das Herz des Lesers, weil sie sich, anders als andere Geschichten, vorbei an allen Wegmarkierungen und sich allen kategorialen Einordnungen widersetzend, einen Weg bahnen durch die gängigen Abwehrmechanismen einer routinemäßigen Lektüre.

Ein solcher Ausbruch aus den Routinen gelingt einer Geschichte, die unsere Neugier weckt, weil sie ungewöhnlich ist und den Leser mit unbekannten historischen Zusammenhängen oder neuen Perspektiven in Berührung bringt, die ihm bislang verschlossen geblieben sind.

Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer eigenen Familie über mehrere Generationen, wobei sie am Ende des Romans anmerkt, dass diese Geschichte zwar auf wahren Begebnissen beruht, jedoch nicht als eine „strenge Wiedergabe realer Personen, Orte, Zeitabläufe oder Ereignisse“ verstanden werden will.