Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Hanns-Josef Ortheil: „Mit dem Schreiben anfangen — Fingerübungen des Kreativen Schreibens“

Was für ein schönes und inspirierendes Arbeitsbuch! Ohne Schnickschnack und langes Um-den-heißen-Brei-Herumreden gibt Hanns-Josef Ortheil Tipps aus der Schreibpraxis und zeigt dem schriftstellerischen Aspiranten, was beim Schreiben wirklich wichtig ist, worauf es ankommt — und worauf eben Wgerade nicht.

Manchmal sind es die kleinen und unscheinbaren Dinge, die genauso wichtig sind wie das große Ganze: Wie sieht mein Schreibplatz aus? Wo schreibe ich und wann? Welches Handwerkzeug benutze ich? Welche Dinge brauche ich in meiner unmittelbaren Umgebung? Was unterstützt mich in meiner Kreativität und was lenkt mich eher ab?

Dieses Buch ist, wie bereits gesagt, ein Arbeitsbuch. Man muss mit ihm arbeiten, und welchen besseren Schreibtrainer könnten wir uns hierfür denken als Hanns-Josef Ortheil?


Marie Luise Knott: „Dazwischenzeiten — 1930. Wege in der Erschöpfung der Moderne“

Das Jahr 1930 war der Anfang vom Ende der Weimarer Republik, jenes vielleicht aufgrund seiner Rahmenbedingungen von Beginn an zum Scheitern verurteilten Versuches einer ersten demokratischen und parlamentarischen Gesellschaftsordnung auf deutschem Boden.

Man muss den Titel genau lesen: Knott spricht nicht von Wegen in die Erschöpfung, sondern von Wegen in der Erschöpfung. Die Erschöpfung ist also schon längst da und allgegenwärtig.
Die Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 1929 mit ihren explodierenden Arbeitslosenzahlen, der Notverordnungen, den Straßenkämpfen zwischen Rot und Schwarz und den immer größeren Wahlerfolgen der Nationalsozialisten war geprägt von einer allgemeinen Unsicherheit der Verhältnisse und der persönlichen Orientierungslosigkeit vieler Menschen.


Stefan Bollmann: „Monte Verità — 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt“

Es ist eine bunte Truppe junger Leute, die in einem Schwabinger Lokal beschließen, aus ihren bisherigen Leben auszusteigen und einen Ort zu suchen, an dem sie gemeinsam leben und ein alternatives Leben aufbauen können. Die Schwestern Ida und Jenny Hofmann, der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven, die Brüder Gräser, der Theosoph Ferdinand Brune und Charlotte Hattemer, die Tochter eines preußischen Eisenbahningenieurs, die ihren Eltern den Rücken gekehrt und sich seitdem allein durchs Leben geschlagen hat; jetzt mit Anfang zwanzig, schließt sie sich der bunten Truppe an, die ihr Glück selbst in die Hand nehmen will.

Angeregt durch ein Büchlein des russisch-deutschen Philosophen Afrikan Spir, Vorschlag an die Freunde einer vernünftigen Lebensführung, sowie durch andere Schriften verschiedener Autoren wollen die Freunde mit der verlogenen Kultur und Gesellschaft ihrer Zeit brechen und den Weg zurück zu einem natürlichen und friedlichen Leben finden. Das geht nicht in Schwabing, sondern nur in der Natur.


Oskar Aichinger: „Ich bleib in der Stadt und verreise — Vom Gehen und Verweilen in Wien“

Der Musiker Oskar Aichinger ist kein gebürtiger Wiener, aber er lebt schon seit vielen Jahren in der österreichischen Hauptstadt. Jetzt ist sein Buch mit Spaziergängen durch das heutige Wien im Picus-Verlag erschienen. Es gäbe kaum einen besseren Verlag für seine Veröffentlichung als diesen Verlag, zu dessen Schwerpunkten und Spezialitäten die Reiseliteratur zählt. Man kennt vor allem die erfolgreiche Reihe der Lesereise, in welcher der vorliegende Titel jedoch nicht erschienen ist.

Aichinger liebt seine Stadt, und er liebt es, sich immer wieder von seiner Wohnung aus auf den Weg zu machen und zu schauen, wohin es ihn diesmal treibt. Wie der Autor selbst meint, ist er eher ein schneller Geher — auf keinen Fall ein Läufer, denn darin sieht er keinen Sinn. Wer läuft, ja, laufen muss, der ist auf der Flucht, oder er will ganz, ganz schnell von A nach B, hetzt einem bestimmten Ziel entgegen. Ja, das kann doch nicht der Sinn eines Stadtspaziergangs sein, der die Sinne öffnen und den Spaziergänger mit neuen Eindrücken überraschen soll!


Bernhard Schlink: „Olga“

Olga Rinke wird in der Kaiserzeit geboren, wächst im Breslau des späten 19. Jahrhunderts in einem armen Umfeld auf, verliert schon in jungen Jahren beide Eltern, die an Fleckfieber erkranken, und wird von der Großmutter in einem Dorf in Pommern aufgezogen; die Großmutter findet, dass Olga einen slawischen Einschlag habe, und sie liebt das Mädchen nicht, sondern behandelt es schlecht. Doch Olga ist ehrgeizig, will mehr erreichen als die anderen Kinder, und sie schafft es, dass sie an der Höheren Mädchenschule aufgenommen wird; später gelingt ihr sogar der Sprung in das staatliche Lehrerinnenseminar in Posen. Sie wird Lehrerin und bleibt in der Provinz, erst in dem kleinen Dorf in Pommern und später in der Nähe von Tilsit im Memelland.

In dem pommerschen Dorf lebt auch Herbert, ein junger Bursche mit glänzenden Aussichten, denn der Vater besitzt einen Gutshof und eine Zuckerfabrik, die er einmal übernehmen soll. Doch Herbert hat andere Pläne, träumt von fernen Reisen und davon, dass er Bedeutungsvolles für die Menschheit leisten will.


Philippe Brenot, Laetitia Coryn: „Sex Story — Eine Kulturgeschichte in Bildern“

Eigentlich werden in diesem Blog keine Bilderbücher besprochen, aber hier macht der Rezensent gerne eine Ausnahme, denn es geht um: Sex.

Also: Let´s talk about sex! Angepriesen wird eine Kulturgeschichte [der Sexualität] in Bildern — na, wenn das kein tolles Versprechen ist?! Doch erwarten Sie nicht zuviel! Dieses Buch ist aus dem Französischen übersetzt worden, und bei den Bildern handelt es sich nicht etwa um detailreiche Fotografien, sondern um Cartoons.

Es ist also ein Bilderbuch für Erwachsene, in dem die Kulturgeschichte der Sexualität auf leichte Weise erzählt wird: unverklemmt, oftmals ein bisschen witzig, locker und leicht wie ein Beaujolais Primeur und eben durch und durch französisch.


Joachim Ringelnatz: „Wie ein Spatz am Alexanderplatz — Berliner Orte“

Mit Ringelnatz geht es mir immer so wie mit einem alten Bekannten: Man trifft ihn zufällig auf der Straße, seit Jahren hat man sich nicht gesehen, und doch hat man schon nach ein, zwei Sätzen wieder an die alte Verbundenheit angeschlossen, scherzt und lacht miteinander und verabredet sich spontan auf ein Bierchen am selben Abend. Vieles von Ringelnatz kennt man ja schon, schließlich gehören seine Gedichte mittlerweile zurecht zu den „Klassikern“…

In diesem schicken kleinen Büchlein, erschienen im be.bra-Verlag, geht es aber explizit um „Berliner Orte“, die in seinen Gedichten besungen werden. Geboren 1883 in Wurzen bei Leipzig, lebte er lange Zeit in München, jener „dümmsten Stadt der Welt“, wie es in einem seiner Gedichte heißt, bevor er dann 1930 nach mehreren kürzeren Aufenthalten endlich nach Berlin umzog.


Irène Kuhn: „Découvrir la France — Frankreich entdecken“

In diesem Jahr war Frankreich das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Pünktlich zu diesem Anlass kam ein kleines Büchlein bei DTV heraus, dass zweisprachig dazu einlädt, Frankreich zu entdecken.

Irène Kuhn erzählt in ihm die kleine Geschichte von Katia und Pierre. Katia kommt das erste Mal nach Frankreich, um das Land, die Franzosen und ihre Gepflogenheiten — und vor allem ihren Brieffreund Pierre kennenzulernen. Was zunächst nach einem leichtfüßigen Drehbuch aus den 1950er Jahren klingt, beginnt im elsässischen Straßburg als eine mehrwöchige Tour de France, die die beiden Freunde nicht nur in Kontakt mit Bäckern, Tankwarten oder Kellnern, sondern auch die beiden einander näherbringt.


Henry Hitchings (Hg.): „Die Welt in Seiten — Liebeserklärungen an Buchhandlungen“

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie eine gewisse Affinität zu geschriebenen Texten haben; und es ist ebenso nicht unwahrscheinlich, dass Sie sich in der Nähe von Büchern wohlfühlen. Viele von uns mögen Bücher, ja, lieben sie sogar und können gar nicht genug von ihnen haben. Je mehr Bücher einen umgeben, desto wohler fühlt man sich. Daher sind Buchhandlungen der natürlichste Aufenthaltsort für einen Bücherliebhaber. Denn wer Bücher liebt, ist immer auf der Suche nach neuen Büchern, die er noch nicht kennt, von denen er aber — wenngleich oft nur unbestimmt — weiß, dass es sie gibt, ja, geben muss.

Nun kann man die unübersehbare Schar jener Liebhaber des gedruckten Wortes einteilen in jene, die ihre bibliophilen Neigungen eher an frisch Fabriziertem ausleben, und jenen, deren Interesse vor allem jenen bereits vor langer Zeit „auf den Markt“ gekommenen Exemplaren gilt, welche bereits von Anderen gelesen, benutzt und beansprucht wurden.


Philosophie Magazin, Reclam Verlag (Hg.): „Sind wir dafür geschaffen, in Paaren zu leben?“

Seien wir ehrlich: Früher oder später kommt man in einer Partnerschaft an einen Punkt, an dem man sich fragt, ob das Leben als Paar wirklich der Weisheit letzter Schluss sein kann. Die Antwortet lautet natürlich: nein. Und ebenso natürlich gehen wir — und alle Anderen — immer wieder neue Partnerschaften ein, denn dieses Mal wird natürlich alles anders sein als in den x Partnerschaften davor, dieses Mal wird es klappen, jetzt, morgen und bis ans Ende des Lebens.

Skepsis ist durchaus angebracht, und somit ist geradezu folgerichtig, dass sich diese zweite Kooperation des Philosophie Magazins und des Reclam-Verlags gleich nach der Frage nach dem Sinn des Arbeitens gerade diesem einen Thema des Paar-Lebens widmet.

Ein kleines Büchlein ist herausgekommen: größer als die üblichen gelben Reclam-Bändchen, jedoch kleiner als ein gewöhnliches Taschenbuch. Giftgrün ist der Rahmen (wie passend!), und das Paar auf dem Cover — sie stehend im Fiat 500 und er daneben stehend — dreht dem Betrachter den Rücken zu und schaut aufs offene Meer. Eine gute Idee, die Ziele für das gemeinsame Leben nicht in sich selbst zu suchen, sondern irgendwo da draußen in der Welt, warum also nicht am fernen Horizont?!


Erdmut Wizisla (Hg.): „Benjamin und Brecht — Denken in Extremen“

Es gibt Freundschaften, vor allem zwischen Künstlern und Intellektuellen, die nicht allein im vertraulichen und intimen Umgang miteinander ihren Sinn finden, sondern darüber hinaus auch das intellektuelle Gespräch, ja, die Konfrontation suchen — um der Sache willen und nicht aus persönlichen Motiven der gegenseitigen Anerkennung heraus.

Eine solche Freundschaft muss es zwischen Walter Benjamin und Bertolt Brecht gegeben haben. Sie war sowohl von persönlicher Sympathie geprägt, als auch von einer vorsichtigen Reserviertheit dem Anderen gegenüber, der eine jeweils andere Position in politischen und intellektuellen Fragen vertrat. Beide verband schon früh eine grundsätzliche Abneigung gegenüber den nationalsozialistischen Machtbestrebungen; schon bald wurde aus Abneigung Ekel, und aus der Warnung vor dem Feind von rechts wurde offener Widerstand. Nach der Machtergreifung 1933 und der danach einsetzenden systematischen und brutalen Verfolgung politisch Andersdenkender durch die Nazis wurde aus beiden Intellektuellen Verfolgte des Regimes. Für beide wurde das Exil der einzig mögliche Ausweg, sich einer Verhaftung zu entziehen.


Susanne Schüssler, Linus Guggenberger (Hg.): „Berlin – Eine literarische Einladung“

Wenn man sich als Literaturfreund auf den Besuch einer Stadt einstimmen will, so ist man stets mit den „literarischen Einladungen“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlags gut beraten. Diese Empfehlung sollte umso mehr ihre Berechtigung haben, wenn es sich um eine Einladung nach Berlin, der Heimatstadt des Verlags, handelt.

So mag es nicht verwundern, dass sich schon auf den ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis bewahrheitet, dass man hier alles aufgefahren hat, was sich im 20. Jahrhundert mit dieser Stadt und ihren Menschen literarisch beschäftigt hat. Angefangen mit Masha Kaléko und endend mit Fatma Aydemir und anderen zeitgenössischen Autoren, von denen die meisten, wie für diese Stadt üblich, nicht in Berlin geboren, sondern irgendwann zugereist und geblieben sind.


Kristina Lowis (Hg.): „New Bauhaus Chicago — Experiment Fotografie“

Das Berliner Bauhaus-Archiv wird zurzeit aufwändig umgebaut. Doch dies hält die Organisatoren nicht davon ab, den Ausstellungsbetrieb weiterzuführen und mit interessanten Sonderausstellungen auch während der Umbauzeit auf diese Sammlung aufmerksam zu machen. So sind aktuell in Berlin eine Fülle von Exponaten zu sehen, die den Lehrbereich Fotografie am New Bauhaus Chicago (und später am ID bzw. IIT) beleuchten.

Der vorliegende Bildband umreißt achtzig Jahre Fotografie aus Chicago. Der im Hirmer-Verlag erschienene Titel dient gleichzeitig als Ausstellungskatalog für die gleichnamige Ausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv, die den Auftakt zum großen Bauhaus-Jubiläum 2019 bildet.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 musste das Bauhaus, das zuvor in Weimar und Dessau mit seinem revolutionären Konzept einer modernen Kunst-Schule auch international große Beachtung erlangte, auch an seinem letzten Standort Berlin unter dem öffentlichen Druck der neuen Machthaber schließen.


Alfred Kerr: „Was ist der Mensch in Berlin? — Briefe eines europäischen Flaneurs“

Schon als der junge Alfred Kerr 1886 in Breslau sein Abitur machte, war er bereits von der aufstrebenden Hauptstadt an der Spree in den Bann gezogen. Breslau war Provinz, trotz seiner immerhin 300.000 Einwohner, aber was war das schon im Vergleich zu den 1,3 Millionen, die damals schon in Berlin lebten?!

Knapp acht Jahre später hatte sich Kerr bereits als Kritiker und Journalist einen Namen gemacht, er schrieb für die Breslauer Zeitung, aber auch für die Neue Rundschau und das Magazin für Literatur. Er lebte seit einigen Jahren in Berlin und erlebte die Stadt in jener dynamischen Phase der Gründerzeit, in der es für alle Entwicklungen nur eine Richtung gab: nach vorne, nach oben.

Seinerzeit packten viele Menschen ihre Koffer, auch in Breslau, und zogen nach Berlin, um in der aufstrebenden Stadt ihr Glück zu machen, Arbeit zu finden und am großen Aufschwung teilzuhaben.


Boris von Brauchitsch: „Gabriele Münter — Eine Biografie“

Wenn man den Namen Gabriele Münter hört oder liest, so denken die Meisten automatisch an Wassily Kandinsky. Das ist zwar grundsätzlich nicht falsch, wird aber sowohl dem Leben als auch der künstlerischen Bedeutung von Gabriele Münter in keiner Weise gerecht. Münter und Kandinsky lebten und arbeiteten zwar viele Jahre mit- und nebeneinander, doch sie hing viel länger an ihm, als es ihr guttat, und hoffte auf ein Wiedersehen, als er schon längst wieder mit einer Neuen in Moskau verheiratet war.

Zu stereotyp war auch die Rezeption ihrer Kunst und ihre Einordnung als die Muse und als die Frau an Kandinskys Seite. Dabei war „die Münter“ viel mehr als das: eine eigenständige Künstlerin mit einem eigenen Stil und eine Frau, die sich gegen alle Widerstände immer wieder durchsetzte, sich immer wieder neu erfand an jedem neuen Ort ihres Lebensweges.


Robert Gernhardt: „Das große Lesebuch“

Man sagte mir neulich, dass es tatsächlich Leute geben soll, die Robert Gernhardt noch nicht kennen. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen, hier ist Entwicklungshilfe gefragt! Doch wo soll man anfangen? Welcher Zugang zu seinem Werk ist der richtige, der am besten geeignete?

Man macht sicherlich nichts verkehrt, wenn man sich hierfür eines jüngst erschienenen „großen Lesebuches“ bedient, welches in der schönen Taschenbuchreihe Fischer Klassik erhältlich ist. Dass es sich bei Robert Gernhardt um einen „Klassiker“ im besten Sinne handelt, steht außer Frage. Aber schauen wir jetzt einmal genauer hin: Was finden wir in diesem Lesebuch?

Der ganze Gernhardt, also die Gesamtausgabe, ist es natürlich nicht, auf den wartet die Welt ja noch. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach wird sein Werk verwahrt, das immerhin an die 40.000 Seiten umfasst inklusive aller Brunnenhefte, Skizzen, Notizen und allem Zipp und Zapp. — Also noch eine Menge Arbeit für Literaturwissenschaftler mit einem Sinn für Humor!


Robert Gernhardt: „Der kleine Gerhardt“

Der Kleine Pauly ist das Fachlexikon der Altertumswissenschaft, die kleine Version des großen Bruders, von Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, die durchgehend von 1893 bis 1978 erschien und ganze Regalwände füllt. Mit einem leichten Schmunzeln mag Robert Gernhardt an diesen „kleinen Pauly“ gedacht haben, als er 2002 sein autobiographisches Projekt Der kleine Gernhardt in Angriff nahm.

Ausgehend von einer alphabetischen Sammlung von Begriffen baute er sich ein individuelles Gerüst für die Durchsicht seiner über viele Jahrzehnte in Brunnen-Schreibheften zusammengetragenen Notizen mit autobiographischer Färbung und Relevanz.

Robert Gernhardt starb Mitte 2006 an Krebs. Er konnte seinen Kleinen Gernhardt“ nicht vollenden, das Projekt blieb ein Fragment. Jetzt hat die Herausgeberin Andrea Stoll die bereits abgeschlossenen Einträge dieser Autobiographie durch weitere Notizen aus Gernhardts Brunnen-Heften ergänzt und vervollständigt.


Ingrid Pfeiffer (Hg.): „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“

Über eines kann sich die Weimarer Republik wirklich nicht beklagen: mangelnde Aufmerksamkeit. Geradezu inflationär hat sich die Beschäftigung mit ihr in nahezu allen medialen Formaten in den vergangenen Jahren intensiviert. Von allen Dächern wird wieder das schrille Lied von der Vergleichbarkeit unserer Verhältnisse mit denen am Ende der Weimarer Republik geträllert, das jetzt vielleicht stimmiger klingt als je zuvor und doch so falsch ist wie immer. Viele schauen mit glänzenden Augen zurück auf die „Goldenen Zwanziger“, sind besoffen vom eigenen Schwärmen und der Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Zeit. Anderen wieder schlottern die Knie, seitdem die AfD im Bundestag sitzt, weil sie das an die windstille Zeit vor 1933 erinnert, als man auch schon einmal die tödliche Gefahr, die vom Faschismus ausging, nicht wahrnahm.

Besonders wenn man, wie der Rezensent, in Berlin lebt und arbeitet, ist es nahezu unvermeidlich, dass man mit Relikten der Weimarer Zeit konfrontiert wird. Die 1920er Jahre sind in Berlin trotz aller Zerstörungen durch Krieg und Stadtplanung und trotz aller Veränderungen nach der Wende immer noch im Stadtbild zu finden. Ganz zu schweigen von dem Tempo und dem „Geist“ jener Zeit, der gerade in Berlin so oft beschworen wird, aus Mangel an zeitgenössischen Alternativen.


Thomas Vašek: „Philosophie! Die 101 wichtigsten Fragen“

Es gibt seit einigen Jahren zwei wirklich ausgezeichnete Philosophie-Zeitschriften in Deutschland: das PhilosophieMagazin und die Hohe Luft; der Chefredakteur von letzterem ist der Philosoph Thomas Vašek.

Jetzt ist ein neuer Titel im Theiss-Verlag in Zusammenarbeit mit ebenjenem Magazin Hohe Luft erschienen, in dem, so wird es zumindest angekündigt, die 101 wichtigsten philosophischen Fragen erörtert werden. Das Ganze präsentiert sich im Coffeetable-Look eines quadratischen und reich illustrierten Bildbandes, was einerseits schon ein wenig über die avisierte Zielgruppe verrät, andererseits aber auch unweigerlich etwas skeptisch macht: Ist ein solcher „Bildband“ wirklich das geeignete Medium zur Erörterung philosophischer Fragen?

Werfen wir einen ersten vorsichtigen Blick in dieses Buch, so wird deutlich, dass es sich um den Versuch handelt, möglichst alle philosophischen Bereiche abzudecken, die entweder für die individuelle Lebensführung oder in Bezug auf den gesellschaftlichen Aspekt des Zusammenlebens relevant sind.


Stephan Günzel: „Raum — Eine kulturwissenschaftliche Einführung“

Was ist Raum? Diese lapidar wirkende Frage wird umso komplizierter, je intensiver man sich mit ihr beschäftigt. Der Raum, der Ort, die Grenze — das sind Begriffe, mit denen wir täglich umgehen ohne uns weiter zu fragen, was sie bedeuten, wie sie zu definieren sind und welche Auswirkungen eine unterschiedliche Sichtweise und Interpretation des Raum-Begriffs haben kann.

In den Kulturwissenschaften führte der „spatial turn“ spätestens in den späten 1980er Jahren zu einem Paradigmenwechsel. „Paradigmenwechsel“ — das klingt gut, sehr wissenschaftlich und irgendwie auch abgefahren. Doch letztlich ist damit nur gesagt, dass ein allgemeingültiges Leitthema (Paradigma) in den Wissenschaften von einem neuen abgelöst wird. Die Beschäftigung mit dem Raum ermöglichte eine neue Perspektive auf kulturelle Phänomene.


Thomas Hettche: „Unsere leeren Herzen — Über Literatur“

Dieses Buch wirkt seltsam aus der Zeit gefallen. Das ist bitteschön als ein großes Lob zu verstehen! Denn die hierin versammelten Texte sind in der Lage, den Leser mit einem neuen Blick auszurüsten, wenn es um die Beschäftigung mit Literatur geht. Doch worum geht es eigentlich in diesem Buch?

Thomas Hettches Essays über Literatur sind intellektuelle Ausflüge in die Welt der Sprache, der Fiktionen und des Schreibens. Ihr Autor ist bekannt für seine schönen Geschichten, interessanten Sujets und für seine Fähigkeit, den Figuren seiner Texte Leben einzuhauchen, indem er ihnen eine integrale Ambivalenz zugesteht, sie über das profane Schwarz-Weiß platter Charaktere hinaushebt.

In ähnlicher Weise wie seine literarischen Texte zeichnen sich auch seine literarischen Essays durch eine heute selten gewordene Tiefgründigkeit und ubiquitäre Fähigkeit zur Reflexion aus. Hier schreibt jemand über Literatur, der sein Fach sowohl aus der Praxis jahrzehntelanger Erfahrung als auch mithilfe eines soliden theoretischen Wissens reflektieren kann.


Michael Bienert: „Döblins Berlin — Literarische Schauplätze“

Wenn ein neues Buch von Michael Bienert erscheint, so darf man sicher sein, dass es sich um eine hochinteressante Lektüre handelt, die sich auf irgendeine Weise mit seinem Leib-und-Magen-Thema Berlin beschäftigt. So ist es auch diesmal. Bienert hat sich intensiv mit dem Leben und Werk von Alfred Döblin beschäftigt, der viele Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet hat.

Döblins Berlin erinnert nicht von ungefähr an die sehr erfolgreichen Vorgänger-Bände über Kästners Berlin und E. T. A. Hoffmanns Berlin aus dem Verlag in Berlin Brandenburg (VBB). Diese kleine, aber feine Buchreihe hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Spuren dieser Berliner Schriftsteller und ihrer Werke nachzugehen und zu erforschen, was für uns Nachgeborene von diesen Spuren heute noch sichtbar ist.

Berlin ist die Stadt, die nach Karl Scheffler seit jeher dazu verdammt ist, „immer zu werden und niemals zu sein“. In Berlin bleibt – mit oder ohne Krieg – kein Stein lange auf dem anderen. Immer ist die Stadt in Bewegung, um nicht zu sagen: im Umbruch. Daher ist es für den Stadtforscher keine leichte Aufgabe, sich im heutigen Stadtbild zurecht zu finden und hierbei gleichzeitig offen zu bleiben für historische Straßenverläufe, Bebauungen und größeren und kleineren stadtplanerischen Veränderungen.


Sandra Richter: „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“

Es ist das Ziel der Autorin, Licht in das Dunkel der Wirkung der deutschsprachigen Literatur über die Sprachgrenzen hinaus zu bringen. Anhand einzelner Texte aus verschiedenen Epochen, beginnend mit dem Mittelalter und endend mit der jüngsten Vergangenheit, beleuchtet Sandra Richter deren Rezeptionsgeschichte im „Ausland“, was auch immer das jeweils zu jenen historischen Zeiten war. Gleichzeitig beschreibt sie aber auch Wechselwirkungen und rückwirkende Kräfte einer solchen Rezeption.

Wenn man mit dem Begriff “Weltliteratur“ hantiert, so ist das niemals unproblematisch, sondern „ein Koloss“. Sandra Richter geht sehr vorsichtig mit diesem vor allem in der deutschen Vergangenheit immer wieder missbrauchten Begriff um, und sie will ihn auch gar nicht in diesem (falschen) Sinne verstanden wissen. Folgerichtig handelt ihr Buch „bewusst nicht von ‚Weltliteratur‘, es schreibt keine ‚Geschichte der deutschsprachigen Weltliteratur‘, sondern will beobachten, wie deutschsprachige Literatur in der Welt wahrgenommen wird. Anhand von Fallbeispielen und ausgewählten Erzählungen legt dieses Buch deshalb eine — und nur eine — Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur vor.“


Hanns-Josef Ortheil: „Der Stift und das Papier“

Der autobiographische Roman Der Stift und das Schreiben von Hanns-Josef Ortheil ist im besten Sinne ein Entwicklungsroman. In diesem Buch erzählt der Autor von seinem Weg zum Schreiben. Es ist kein leichter Weg gewesen. Als Ortheil kaum drei Jahre alt war, hörte er plötzlich auf zu sprechen. Er passte sich auf diese Weise dem Verhalten seiner Mutter an, die sich nach einer weiteren Fehlgeburt zurückzog und verstummte. Fortan wurde mit Hilfe von Zetteln kommuniziert — für über drei Jahre.

Wie die Welt für den kleinen Hanns-Josef ausgesehen haben muss, kann man sich nur schwer vorstellen. Sie bestand vor allem aus der klassischen Musik der väterlichen Plattensammlung, dem Klavierspiel der verstummten Mutter und den vielen Stimmen und den verwirrenden Sprachfetzen der Leute, die der kleine Junge auf der Straße aufnahm. Zuhause zieht er sich oft in seine eigene Welt und in seine eigene Sprache zurück; er gibt den Dinge Bezeichnungen, die nicht mit den „normalen“ Begriffen zusammenpassen.


Philipp Ther: „Die Außenseiter — Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“

Die Flüchtlingskrise, die Flüchtlingswelle, der ungebremste Zustrom von Ausländern, die unser Land mit fremden Einflüssen konfrontieren, die Zuwanderung, Umvolkung usw. — All diese pejorativen Wortschöpfungen und abwertenden Beschreibungen eines vermeintlich ungesteuerten und überwältigenden Prozesses verfolgen nur ein einziges Ziel: das Schüren von Ängsten.

Wer bislang glaubte, dass Migration ein vergleichsweise junges Phänomen und dass sie immer ein Unglück für das eigene Land ist, wird durch Philipp Thers großartige Studie zur Flucht und Integration im modernen Europa eines Besseren belehrt.

Wir reden an dieser Stelle bewusst nicht von jenen Völkerwanderungen, die uns allen im Geschichtsunterricht begegnet sind, als es dort um die Zeit des Frühmittelalters ging. In diesem Buch geht es vielmehr um die zahllosen Flüchtlingswellen, die aus religiösen, wirtschaftlichen, politischen oder anderen Gründen seit dem Beginn der Neuzeit (1492) immer wieder über Europa hinwegzogen.