Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Kristina Lowis (Hg.): „New Bauhaus Chicago — Experiment Fotografie“

Das Berliner Bauhaus-Archiv wird zurzeit aufwändig umgebaut. Doch dies hält die Organisatoren nicht davon ab, den Ausstellungsbetrieb weiterzuführen und mit interessanten Sonderausstellungen auch während der Umbauzeit auf diese Sammlung aufmerksam zu machen. So sind aktuell in Berlin eine Fülle von Exponaten zu sehen, die den Lehrbereich Fotografie am New Bauhaus Chicago (und später am ID bzw. IIT) beleuchten.

Der vorliegende Bildband umreißt achtzig Jahre Fotografie aus Chicago. Der im Hirmer-Verlag erschienene Titel dient gleichzeitig als Ausstellungskatalog für die gleichnamige Ausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv, die den Auftakt zum großen Bauhaus-Jubiläum 2019 bildet.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 musste das Bauhaus, das zuvor in Weimar und Dessau mit seinem revolutionären Konzept einer modernen Kunst-Schule auch international große Beachtung erlangte, auch an seinem letzten Standort Berlin unter dem öffentlichen Druck der neuen Machthaber schließen.


Alfred Kerr: „Was ist der Mensch in Berlin? — Briefe eines europäischen Flaneurs“

Schon als der junge Alfred Kerr 1886 in Breslau sein Abitur machte, war er bereits von der aufstrebenden Hauptstadt an der Spree in den Bann gezogen. Breslau war Provinz, trotz seiner immerhin 300.000 Einwohner, aber was war das schon im Vergleich zu den 1,3 Millionen, die damals schon in Berlin lebten?!

Knapp acht Jahre später hatte sich Kerr bereits als Kritiker und Journalist einen Namen gemacht, er schrieb für die Breslauer Zeitung, aber auch für die Neue Rundschau und das Magazin für Literatur. Er lebte seit einigen Jahren in Berlin und erlebte die Stadt in jener dynamischen Phase der Gründerzeit, in der es für alle Entwicklungen nur eine Richtung gab: nach vorne, nach oben.

Seinerzeit packten viele Menschen ihre Koffer, auch in Breslau, und zogen nach Berlin, um in der aufstrebenden Stadt ihr Glück zu machen, Arbeit zu finden und am großen Aufschwung teilzuhaben.


Boris von Brauchitsch: „Gabriele Münter — Eine Biografie“

Wenn man den Namen Gabriele Münter hört oder liest, so denken die Meisten automatisch an Wassily Kandinsky. Das ist zwar grundsätzlich nicht falsch, wird aber sowohl dem Leben als auch der künstlerischen Bedeutung von Gabriele Münter in keiner Weise gerecht. Münter und Kandinsky lebten und arbeiteten zwar viele Jahre mit- und nebeneinander, doch sie hing viel länger an ihm, als es ihr guttat, und hoffte auf ein Wiedersehen, als er schon längst wieder mit einer Neuen in Moskau verheiratet war.

Zu stereotyp war auch die Rezeption ihrer Kunst und ihre Einordnung als die Muse und als die Frau an Kandinskys Seite. Dabei war „die Münter“ viel mehr als das: eine eigenständige Künstlerin mit einem eigenen Stil und eine Frau, die sich gegen alle Widerstände immer wieder durchsetzte, sich immer wieder neu erfand an jedem neuen Ort ihres Lebensweges.


Robert Gernhardt: „Das große Lesebuch“

Man sagte mir neulich, dass es tatsächlich Leute geben soll, die Robert Gernhardt noch nicht kennen. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen, hier ist Entwicklungshilfe gefragt! Doch wo soll man anfangen? Welcher Zugang zu seinem Werk ist der richtige, der am besten geeignete?

Man macht sicherlich nichts verkehrt, wenn man sich hierfür eines jüngst erschienenen „großen Lesebuches“ bedient, welches in der schönen Taschenbuchreihe Fischer Klassik erhältlich ist. Dass es sich bei Robert Gernhardt um einen „Klassiker“ im besten Sinne handelt, steht außer Frage. Aber schauen wir jetzt einmal genauer hin: Was finden wir in diesem Lesebuch?

Der ganze Gernhardt, also die Gesamtausgabe, ist es natürlich nicht, auf den wartet die Welt ja noch. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach wird sein Werk verwahrt, das immerhin an die 40.000 Seiten umfasst inklusive aller Brunnenhefte, Skizzen, Notizen und allem Zipp und Zapp. — Also noch eine Menge Arbeit für Literaturwissenschaftler mit einem Sinn für Humor!


Robert Gernhardt: „Der kleine Gerhardt“

Der Kleine Pauly ist das Fachlexikon der Altertumswissenschaft, die kleine Version des großen Bruders, von Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, die durchgehend von 1893 bis 1978 erschien und ganze Regalwände füllt. Mit einem leichten Schmunzeln mag Robert Gernhardt an diesen „kleinen Pauly“ gedacht haben, als er 2002 sein autobiographisches Projekt Der kleine Gernhardt in Angriff nahm.

Ausgehend von einer alphabetischen Sammlung von Begriffen baute er sich ein individuelles Gerüst für die Durchsicht seiner über viele Jahrzehnte in Brunnen-Schreibheften zusammengetragenen Notizen mit autobiographischer Färbung und Relevanz.

Robert Gernhardt starb Mitte 2006 an Krebs. Er konnte seinen Kleinen Gernhardt“ nicht vollenden, das Projekt blieb ein Fragment. Jetzt hat die Herausgeberin Andrea Stoll die bereits abgeschlossenen Einträge dieser Autobiographie durch weitere Notizen aus Gernhardts Brunnen-Heften ergänzt und vervollständigt.


Ingrid Pfeiffer (Hg.): „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“

Über eines kann sich die Weimarer Republik wirklich nicht beklagen: mangelnde Aufmerksamkeit. Geradezu inflationär hat sich die Beschäftigung mit ihr in nahezu allen medialen Formaten in den vergangenen Jahren intensiviert. Von allen Dächern wird wieder das schrille Lied von der Vergleichbarkeit unserer Verhältnisse mit denen am Ende der Weimarer Republik geträllert, das jetzt vielleicht stimmiger klingt als je zuvor und doch so falsch ist wie immer. Viele schauen mit glänzenden Augen zurück auf die „Goldenen Zwanziger“, sind besoffen vom eigenen Schwärmen und der Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Zeit. Anderen wieder schlottern die Knie, seitdem die AfD im Bundestag sitzt, weil sie das an die windstille Zeit vor 1933 erinnert, als man auch schon einmal die tödliche Gefahr, die vom Faschismus ausging, nicht wahrnahm.

Besonders wenn man, wie der Rezensent, in Berlin lebt und arbeitet, ist es nahezu unvermeidlich, dass man mit Relikten der Weimarer Zeit konfrontiert wird. Die 1920er Jahre sind in Berlin trotz aller Zerstörungen durch Krieg und Stadtplanung und trotz aller Veränderungen nach der Wende immer noch im Stadtbild zu finden. Ganz zu schweigen von dem Tempo und dem „Geist“ jener Zeit, der gerade in Berlin so oft beschworen wird, aus Mangel an zeitgenössischen Alternativen.


Thomas Vašek: „Philosophie! Die 101 wichtigsten Fragen“

Es gibt seit einigen Jahren zwei wirklich ausgezeichnete Philosophie-Zeitschriften in Deutschland: das PhilosophieMagazin und die Hohe Luft; der Chefredakteur von letzterem ist der Philosoph Thomas Vašek.

Jetzt ist ein neuer Titel im Theiss-Verlag in Zusammenarbeit mit ebenjenem Magazin Hohe Luft erschienen, in dem, so wird es zumindest angekündigt, die 101 wichtigsten philosophischen Fragen erörtert werden. Das Ganze präsentiert sich im Coffeetable-Look eines quadratischen und reich illustrierten Bildbandes, was einerseits schon ein wenig über die avisierte Zielgruppe verrät, andererseits aber auch unweigerlich etwas skeptisch macht: Ist ein solcher „Bildband“ wirklich das geeignete Medium zur Erörterung philosophischer Fragen?

Werfen wir einen ersten vorsichtigen Blick in dieses Buch, so wird deutlich, dass es sich um den Versuch handelt, möglichst alle philosophischen Bereiche abzudecken, die entweder für die individuelle Lebensführung oder in Bezug auf den gesellschaftlichen Aspekt des Zusammenlebens relevant sind.


Stephan Günzel: „Raum — Eine kulturwissenschaftliche Einführung“

Was ist Raum? Diese lapidar wirkende Frage wird umso komplizierter, je intensiver man sich mit ihr beschäftigt. Der Raum, der Ort, die Grenze — das sind Begriffe, mit denen wir täglich umgehen ohne uns weiter zu fragen, was sie bedeuten, wie sie zu definieren sind und welche Auswirkungen eine unterschiedliche Sichtweise und Interpretation des Raum-Begriffs haben kann.

In den Kulturwissenschaften führte der „spatial turn“ spätestens in den späten 1980er Jahren zu einem Paradigmenwechsel. „Paradigmenwechsel“ — das klingt gut, sehr wissenschaftlich und irgendwie auch abgefahren. Doch letztlich ist damit nur gesagt, dass ein allgemeingültiges Leitthema (Paradigma) in den Wissenschaften von einem neuen abgelöst wird. Die Beschäftigung mit dem Raum ermöglichte eine neue Perspektive auf kulturelle Phänomene.


Thomas Hettche: „Unsere leeren Herzen — Über Literatur“

Dieses Buch wirkt seltsam aus der Zeit gefallen. Das ist bitteschön als ein großes Lob zu verstehen! Denn die hierin versammelten Texte sind in der Lage, den Leser mit einem neuen Blick auszurüsten, wenn es um die Beschäftigung mit Literatur geht. Doch worum geht es eigentlich in diesem Buch?

Thomas Hettches Essays über Literatur sind intellektuelle Ausflüge in die Welt der Sprache, der Fiktionen und des Schreibens. Ihr Autor ist bekannt für seine schönen Geschichten, interessanten Sujets und für seine Fähigkeit, den Figuren seiner Texte Leben einzuhauchen, indem er ihnen eine integrale Ambivalenz zugesteht, sie über das profane Schwarz-Weiß platter Charaktere hinaushebt.

In ähnlicher Weise wie seine literarischen Texte zeichnen sich auch seine literarischen Essays durch eine heute selten gewordene Tiefgründigkeit und ubiquitäre Fähigkeit zur Reflexion aus. Hier schreibt jemand über Literatur, der sein Fach sowohl aus der Praxis jahrzehntelanger Erfahrung als auch mithilfe eines soliden theoretischen Wissens reflektieren kann.


Michael Bienert: „Döblins Berlin — Literarische Schauplätze“

Wenn ein neues Buch von Michael Bienert erscheint, so darf man sicher sein, dass es sich um eine hochinteressante Lektüre handelt, die sich auf irgendeine Weise mit seinem Leib-und-Magen-Thema Berlin beschäftigt. So ist es auch diesmal. Bienert hat sich intensiv mit dem Leben und Werk von Alfred Döblin beschäftigt, der viele Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet hat.

Döblins Berlin erinnert nicht von ungefähr an die sehr erfolgreichen Vorgänger-Bände über Kästners Berlin und E. T. A. Hoffmanns Berlin aus dem Verlag in Berlin Brandenburg (VBB). Diese kleine, aber feine Buchreihe hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Spuren dieser Berliner Schriftsteller und ihrer Werke nachzugehen und zu erforschen, was für uns Nachgeborene von diesen Spuren heute noch sichtbar ist.

Berlin ist die Stadt, die nach Karl Scheffler seit jeher dazu verdammt ist, „immer zu werden und niemals zu sein“. In Berlin bleibt – mit oder ohne Krieg – kein Stein lange auf dem anderen. Immer ist die Stadt in Bewegung, um nicht zu sagen: im Umbruch. Daher ist es für den Stadtforscher keine leichte Aufgabe, sich im heutigen Stadtbild zurecht zu finden und hierbei gleichzeitig offen zu bleiben für historische Straßenverläufe, Bebauungen und größeren und kleineren stadtplanerischen Veränderungen.


Sandra Richter: „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“

Es ist das Ziel der Autorin, Licht in das Dunkel der Wirkung der deutschsprachigen Literatur über die Sprachgrenzen hinaus zu bringen. Anhand einzelner Texte aus verschiedenen Epochen, beginnend mit dem Mittelalter und endend mit der jüngsten Vergangenheit, beleuchtet Sandra Richter deren Rezeptionsgeschichte im „Ausland“, was auch immer das jeweils zu jenen historischen Zeiten war. Gleichzeitig beschreibt sie aber auch Wechselwirkungen und rückwirkende Kräfte einer solchen Rezeption.

Wenn man mit dem Begriff “Weltliteratur“ hantiert, so ist das niemals unproblematisch, sondern „ein Koloss“. Sandra Richter geht sehr vorsichtig mit diesem vor allem in der deutschen Vergangenheit immer wieder missbrauchten Begriff um, und sie will ihn auch gar nicht in diesem (falschen) Sinne verstanden wissen. Folgerichtig handelt ihr Buch „bewusst nicht von ‚Weltliteratur‘, es schreibt keine ‚Geschichte der deutschsprachigen Weltliteratur‘, sondern will beobachten, wie deutschsprachige Literatur in der Welt wahrgenommen wird. Anhand von Fallbeispielen und ausgewählten Erzählungen legt dieses Buch deshalb eine — und nur eine — Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur vor.“


Hanns-Josef Ortheil: „Der Stift und das Papier“

Der autobiographische Roman Der Stift und das Schreiben von Hanns-Josef Ortheil ist im besten Sinne ein Entwicklungsroman. In diesem Buch erzählt der Autor von seinem Weg zum Schreiben. Es ist kein leichter Weg gewesen. Als Ortheil kaum drei Jahre alt war, hörte er plötzlich auf zu sprechen. Er passte sich auf diese Weise dem Verhalten seiner Mutter an, die sich nach einer weiteren Fehlgeburt zurückzog und verstummte. Fortan wurde mit Hilfe von Zetteln kommuniziert — für über drei Jahre.

Wie die Welt für den kleinen Hanns-Josef ausgesehen haben muss, kann man sich nur schwer vorstellen. Sie bestand vor allem aus der klassischen Musik der väterlichen Plattensammlung, dem Klavierspiel der verstummten Mutter und den vielen Stimmen und den verwirrenden Sprachfetzen der Leute, die der kleine Junge auf der Straße aufnahm. Zuhause zieht er sich oft in seine eigene Welt und in seine eigene Sprache zurück; er gibt den Dinge Bezeichnungen, die nicht mit den „normalen“ Begriffen zusammenpassen.


Philipp Ther: „Die Außenseiter — Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“

Die Flüchtlingskrise, die Flüchtlingswelle, der ungebremste Zustrom von Ausländern, die unser Land mit fremden Einflüssen konfrontieren, die Zuwanderung, Umvolkung usw. — All diese pejorativen Wortschöpfungen und abwertenden Beschreibungen eines vermeintlich ungesteuerten und überwältigenden Prozesses verfolgen nur ein einziges Ziel: das Schüren von Ängsten.

Wer bislang glaubte, dass Migration ein vergleichsweise junges Phänomen und dass sie immer ein Unglück für das eigene Land ist, wird durch Philipp Thers großartige Studie zur Flucht und Integration im modernen Europa eines Besseren belehrt.

Wir reden an dieser Stelle bewusst nicht von jenen Völkerwanderungen, die uns allen im Geschichtsunterricht begegnet sind, als es dort um die Zeit des Frühmittelalters ging. In diesem Buch geht es vielmehr um die zahllosen Flüchtlingswellen, die aus religiösen, wirtschaftlichen, politischen oder anderen Gründen seit dem Beginn der Neuzeit (1492) immer wieder über Europa hinwegzogen.