Neue Bücher

Bereits 1802 hatte August Wilhelm Schlegel eine sehr dezidierte Meinung, was Neuerscheinungen betrifft… Wir sehen es daher als eine wichtige kulturelle Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen und Ihnen hier die wichtigsten und lesenswerten Sachbücher aus der geradezu unüberschaubaren Menge an Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt vorstellen.

Die neuen Bücher, die Sie lesen sollten. Hier finden Sie die definitive Auswahl an interessanten Neuerscheinungen. Mehr brauchen Sie nicht.


Aktuelle Rezensionen:


Axel Hacke: „Wozu wir da sind – Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“

Es gibt Autoren und Bücher, auf die man sich einlassen muss, um einen echten Nutzen aus ihnen ziehen zu können. Axel Hacke gehört — zumindest für mich — dazu. Während ich eines seiner letzten Bücher (vielleicht zu Unrecht?) schon bald wieder zur Seite und dann auch recht unversöhnlich rezensiert hatte, habe ich mir bei diesem neuen Titel — „Wozu wir da sind“ — länger Zeit genommen und das ganze Buch von vorne bis hinten gelesen.

Warum betone ich diese eigentlich selbstverständliche Herangehensweise in diesem Fall besonders? — Weil dieses Buch das Zeug dazu hat, den Leser anzurühren, ihn in der Mitte seines Lebens abzuholen und mit ihm in einen imaginären Dialog zu treten. Doch worum geht es eigentlich?


Eva Koczisky: „Der Schlaf in Kunst und Literatur – Konzepte im Wandel von der Antike zur Moderne“

Was passiert eigentlich, wenn wir schlafen? Schlafen bedeutet, in eine Traumwelt abzutauchen, die Kontrolle zu verlieren, sich den „dunklen Mächten“ in uns oder um uns herum auszuliefern. Manchmal genießen wir es, manchmal haben wir Angst davor. Doch niemals haben wir eine Wahl: Wir müssen schlafen.

Der Schlaf hat die Menschen schon immer fasziniert. Er öffnet uns das Tor zu einer unbekannten Welt. Der Schlaf bringt uns in Kontakt mit himmlischen Mächten oder mit den Bestien der Unterwelt. Träumen und schlafen werden, historisch gesehen, meist synonym verstanden, obwohl es auch, wie jeder weiß, hin und wieder traumlose Nächte oder auf der anderen Seite auch Wach- und Tag-Träume gibt.


Bas Kast: „Das Buch eines Sommers – Werde, der du bist“

„Werde, der du bist.“ — Seit über 2500 Jahren geistert diese Aufforderung zur Selbsterkenntnis durch die abendländische Philosophie. Bereits der Apollotempel in Delphi trug die Inschrift „Γνῶθι σεαυτόν“ (Erkenne dich selbst) — ein Spruch, der von Chilon von Sparta, einem der Sieben Weisen, stammen soll.

„Werde, der du bist“, das ist die Aufforderung an jeden von uns, mit sich selbst ins Reine zu kommen und den eigenen Weg durchs Leben zu finden. Es ist im wahrsten Sinne eine grundlegende Aufgabe, sich dieser Frage zu stellen.

Wer bin ich? Was will ich? Bin ich da, wo ich mich gerade befinde, glücklich und zufrieden? Wie bin ich hierhergekommen? Befinde ich mich noch auf meinem Weg? Und falls nicht, wann und wieso bin ich vom Weg abgekommen?


Bernd Stiegler, Felix Thürlemann: „Meisterwerke der Fotografie“

Die Geschichte der Fotografie erzählt mit Hilfe fotografischer Meisterwerke. Die Meisterfotos sind in dem vorliegenden Reclam-Büchlein in chronologischer Reihenfolge mit jeweils einem eigenen Kurzessay versehen. Auf diese Weise bekommen wir nicht nur einen Überblick über die technischen und künstlerischen Entwicklungen der Fotografie seit ihrer Erfindung vor über 150 Jahren, sondern such einen guten Einblick in die wunderbare Vielfalt essayistischer Annäherungen an das Phänomen Fotografie.

Diesen kultur- und bildwissenschaftlichen Zugang haben wir den beiden Autoren Bernd Stiegler und Felix Thürlemann zu verdanken. Stiegler ist Literaturwissenschaftler, Philosoph und Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur im medialen Kontext an der Universität Konstanz; Co-Autor Felix Thürlemann lehrte bis zu seiner Emeritierung 2014 ebenfalls an der Universität Konstanz Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte.


Armin Geus (Hg.): „Ludwig Büchners Religionskritik — Ein unbekanntes Dokument“

Bücher in deutscher Sprache, die zwischen 1850 und 1900 in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurden, gehören zu seltenen Ausnahmen in deutschen Antiquariaten. Auch in den USA sind sie immer seltener zu finden. Es handelt sich bei ihnen somit, so muss man es in letzter Konsequenz sehen, um ein verschwindendes bzw. bereits verschwundenes Kulturgut.

Der 1937 geborene Marburger Professor Armin Geus ist Biologie- und Medizinhistoriker. Seit den 1990er Jahren veröffentlichte er zahlreiche religionskritische und dezidiert aufklärerische Schriften in seinem eigenen Verlag, der Basilisken-Presse, die teilweise kontrovers diskutiert wurden und eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erreichten.

Das vorliegende kleine Bändchen befasst sich ebenfalls mit einem religionskritischen Text — dem „Testament“ des Abbé Jean Meslier (1664-1729) — im Spiegel einer Rezension von Ludwig Büchner aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.


Thierry Paquot: „Die Kunst des Mittagsschlafs“

Der Mittagsschlaf gehört vielleicht zu den subversivsten Handlungen unserer Gegenwart. Das Primat eines auf Effizienz und Produktivität hin optimierten Lebens lässt den Gedanken an eine Auszeit mitten am Tage undenkbar erscheinen.

Doch im Frühjahr 2020 kam Corona. Mit dem Virus kamen der Lockdown und das Home Office, und mit ihnen kam es auch zu einer überraschenden Renaissance des Mittagsschläfchens. Denn die Menschen brauchen den Schlaf, behauptet zumindest der Philosoph und emeritierter Professor für Urbanistik in seinem kleinen Büchlein „Die Kunst des Mittagsschlafs“ (L’Art de la sieste“), das jetzt im Steidl Verlag erschienen ist.

Dieses schmale Bändchen ist mal wieder ein guter Beleg dafür, dass schlaue und schlau machende Bücher nicht dick sein müssen — ganz im Gegenteil! Ein fähiger Autor, der sein Metier beherrscht, ist in der Lage, sein Wissen auch in komprimierter Form zu teilen — oder sollte es zumindest sein.


Per J. Andersson: „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“

Manchmal finden wir gerade in der Beschränkung des Gewohnten einen ungekannten Reiz, der uns ermöglicht, das Neue zu entdecken, entweder in Bezug auf das Gewohnte oder auf uns selbst.
Der schwedische Schriftsteller und Reisejournalist Per J. Andersson ist berühmt für seine bunten und spannenden Reisereportagen aus den entlegensten Ecken der Welt und für seine wunderbaren Romane.

Jetzt hat sich Andersson — noch vor der Corona-Pandemie 2020, aber im Zeichen des Hypertourismus mit seinen ökologischen Schattenseiten — darauf besonnen, mit dem Zug zu reisen. Eine Kindheitserinnerung, in der er mit seiner Großmutter im Zug nach Bohuslän in Dalarna fuhr, wo sie und sein Großvater lebten, gab den Anstoß, kritisch über das eigene Reiseverhalten nachzudenken und die alten Gewohnheiten zu hinterfragen.


Valentin Groebner: „Ferienmüde – Als das Reisen nicht mehr geholfen hat“

Schon vor der Corona-Krise ist das Reisen zu einem gesellschaftlichen Problem geworden.

So schön es ist, reisend die Welt zu erkunden und hierbei im besten Falle nicht nur neue Weltgegenden, sondern auch sich selbst zu entdecken, so sehr ist der Massentourismus zu einem gesellschaftlicchen und vor allem zu einem ökologischen Problem geworden.

Valentin Groebner ist Österreicher und von Hause aus Historiker, aber in diesem kleinen, schlauen Büchlein erweist er sich erneut als ein kenntnisreicher Kulturwissenschaftler und begnadeter Essayist. Zu viel des Lobes? – Wohl kaum. Denn dem Autor gelingt mit diesem Essay auf 150 Seiten, wofür seine Kollegen mindestens drei Mal so viel Text benötigen, um am Ende nicht einmal ein vergleichbares Ergebnis zu erzielen.


Ulrich Tukur: „Der Ursprung der Welt“

Dieser knapp 300 Seiten starke Roman bietet eine höchst verstörende Lektüre. Zunächst zum Titel: „Der Ursprung der Welt“, das titelgebende Gemälde von Courbet, zeigt einen weiblichen Torso; der Kopf des Gemäldes ist abgeschnitten, vielleicht um die Anonymität des Modells zu gewährleisten, vielleicht aus einem anderen Grund, man weiß es nicht, und es zeigt einen nackten weiblichen Torso: Das Zentrum des Gemälde wird von der Vulva mit Haaren und allen Details dominiert. In seiner Offenheit und Detailtreue war dieses Gemälde seinerzeit ein Skandal, und selbst für den heutigen Betrachter stellt es — allerdings aus anderen Gründen, die mit den Limitationen unserer Zeit zu tun haben — eine Herausforderung dar.

Der Roman „Der Ursprung der Welt“, in dem dieses Gemälde eine zentrale Bedeutung spielt, erzählt die Geschichte von Paul Goullet, eines jungen Mannes aus gutem Hause, der dank einer großzügigen Apanage seines Onkels von der Last eines Brotberufes entbunden und vielleicht gerade deshalb auf der Suche nach einem sinnvollen Leben und nach sich selbst ist.


DHM, David Blankenstein, Bénédicte Savoy u.a. (Hg.): „Wilhelm und Alexander von Humboldt“

In der Vorrede zum ersten Band seines Hauptwerks „Kosmos“ schrieb Alexander von Humboldt, dass „ohne den ernsten Hang nach der Kenntniß des Einzelnen alle große und allgemeine Weltanschauung nur ein Luftgebilde sein könne“.

Diesem ernsten Hang nach der Kenntnis des Einzelnen kann der Leser dieser schönen, parallel zur Ausstellung im Deutschen Historischen Museum erschienenen Publikation folgen, sofern es um das Leben und Werk der beiden Humboldt-Brüder geht.

Warum gerade jetzt? Die Frage ist schnell beantwortet: 2019 feierten wir den 250. Geburtstag von Alexander und Wilhelm. Das DHM fast kurz zusammen, warum das Leben und das Werk dieser beiden Kosmopoliten für ihre damalige Zeit so außergewöhnlich und für unsere Zeit so interessant und spannungsreich machen:

„Sie verkörpern die Errungenschaften öffentlicher Bildung, eine neue Sicht auf die Natur und den unvoreingenommenen Blick auf die Kulturen jenseits Europas. Ihre Biografien sind jedoch auch von den Gegensätzen ihrer Zeit geprägt.“


Karoline Walter: „Guten Abend, gute Nacht — Eine kleine Kulturgeschichte des Schlafs“

Wie verbringen Sie die Corona-Zeiten? Man kann die Zeit des Lockdown nutzen, um den Haushalt zu machen, die Garage oder den Keller aufzuräumen, ein gutes Buch zu lesen, das Wohnzimmer zu tapezieren (…), oder man kultiviert den Schlaf in allen seinen schönen Facetten: langes Ausschlafen, Mittagsschläfchen, Schäferstündchen, frühes zu Bett gehen.

Wunderbar verbinden lässt sich solche eine neue Schlaf-Kultur mit einem jüngst im Hirzel-verlag erschienen Buch von Karoline Walter, welches sich genau mit diesem umfangreichen Thema — dem Schlaf aus kulturhistorischer Perspektive — beschäftigt.

Denn Schlafen ist ja keineswegs nur eine notwendige Erholungsphase des menschlichen (und tierischen) Körpers, sondern hat neben diese rein physiologischen Funktion über die Menschheitsgeschichte auch immer wieder unterschiedliche Bewertungen erfahren.


Jason & Mirco von Juterczenka: „Wir Wochenendrebellen“

Spannend, spannend — so kann Leben sein. Jason ist 12 Jahre alt. Und jung. Und sehr eigen. Denn er ist Autist mit Asperger-Syndrom. Als Behinderung sehen weder er noch seine Familie es. Denn es ist richtig so, wie es ist. Jason ist richtig so, wie er ist. Und seine Familie unterstützt ihn dabei, in diesem Leben zurecht zu kommen.

Jason selber sagt auch, die eigentliche Behinderung sei, wenn andere Menschen seine Regeln verletzen. Und das ist auch die Krux des Ganzen. Er stellt sie auf, kann nicht anders und erwartet mit Nachdruck die Einhaltung.

Sein Vater, der das Buch in enger Zusammenarbeit mit ihm geschrieben hat, schildert den Weg seiner Entwicklung und Ausnahmen. Denn der Buchtitel „Wochenendrebellen“ ist wörtlich zu nehmen: Es sind Zeiten, in denen Vater und Sohn durch das Land ziehen, um Fußballvereine und Fußballstadien kennenzulernen.


Stefan Weidner: „1001 Buch — Die Literaturen des Orients“

Der Orient, das ist seit jeher die perfekte Projektionsfläche für all unsere Träume, Sehnsüchte und Ängste: das Morgenland, das Land der Märchen und Sagen, der unbekannten Schönheiten und der geheimnisvollen Riten und die Wiege einer Jahrtausende alten Kultur.

Doch gab es den „Orient“ überhaupt? Ist er nicht vielmehr ein Produkt des Kolonialismus und des eurozentrischen Blicks auf das „Morgenland“, wie der Kulturwissenschaftler Edward Said in seinem berühmten Buch „Orientalism“ (1978) bemerkte?

Damit sind wir schon mitten in einer postkolonialen Diskussion, die auch der Islamwissenschaftler und Übersetzer, Stefan Weidner, an den Anfang von „1001 Buch“, seiner bemerkenswerten Literaturgeschichte der orientalischen Literaturen gestellt hat.


Sabina Becker: „Experiment Weimar — Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933“

Das Jahr 2019 ist Jubiläumsjahr. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen. Diese erste Republik auf deutschem Boden war nicht nur eine logische Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs, dessen Erblasten ihr in die Wiege gelegt wurden, sondern es war auch eine spannende, turbulente und durchaus hoffnungsvolle Phase der deutschen Geschichte, die bereits nach 14 Jahren mit dem Siegeszug des Nationalsozialismus wieder ihr Ende fand.

Der Buchmarkt hat uns in diesem Jahr mit vielen Titel zur Weimarer Republik beschenkt: viele Bildbände zu den unterschiedlichsten Themen, ein sehr erfolgreicher Mehrteiler nach den Kriminalromanen von Volker Kutscher, zahlreiche Titel zur politischen Zeitgeschichte sowie weitere Sachbücher zu den unterschiedlichsten Spezialthemen.


Frank Goyke: „Wandern in Berlin — Auf den schönsten Wegen durch die Stadt“

Der Berliner ist nicht gerade für seine Bescheidenheit bekannt. Grundsätzlich können wir Berliner „allet“: Wir haben die größte Stadt, das größte Schienennetz, die größte Klappe. Warum also nicht auch noch die besten Wanderwege der Republik?!

Okay, ganz so hoch wollen wir das Ganze nicht aufhängen, manchmal sind wir auch zu Kompromissen bereit. Wie wäre es dann also mit den „schönsten Wegen durch die Stadt“? Einer, der sich hier bestens auskennt und der es wissen muss, ist Frank Goyke, passionierter Wanderer und gebürtiger Rostocker, Jahrgang 1961.


Wolfgang Meyer-Hentrich: „Wahnsinn Kreuzfahrt — Gefahr für Natur und Mensch“

Es gibt Bücher, die können einem echt die Laune vermiesen. Das beginnt bei diesem Buch sogar schon mit dem Cover: Zu sehen ist ein Kreuzfahrtschiff-Monster am Horizont vor einer Altstadt-Kulisse. Kann eigentlich nur Venedig sein.

Seit Langem ist bekannt, dass Kreuzfahren umweltschädlich ist: Die Luxusliner fahren mit Schweröl, blasen ihren Dreck sowohl auf hoher See als auch im Hafen in die Luft, verpesten die Umwelt, erwärmen die Meere und sorgen durch die Masse von Tagestouristen für chaotische Zustände in jenen Häfen, die sie regelmäßig anlaufen.

Mit anderen Worten: Kreuzfahrer sind die Pest. Das war, genau genommen, schon immer so. Selbst die christlichen Kreuzfahrer haben, wie wir wissen, nicht nur Gottes Segen zu Muslimen und Heiden getragen, sondern auch Krankheiten und Seuchen, militärische Gewalt und die kapitalistische Wirtschaftsweise. Aber das ist ein anderes Thema. — Oder doch nicht?


Harald Welzer: „Alles könnte anders sein — Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“

Geht es um gesellschaftspolitische Fragen, so ist Harald Welzer in der Regel nicht weit. Es gibt im deutschsprachigen Raum wohl kaum einen Wissenschaftler, der so rührig ist und seine tiefschürfenden und wichtigen Gedanken in ebenso leicht verständliche als auch wissenschaftlich fundierte Worte fassen kann, wie Harald Welzer.

Somit ist es keine große Überraschung, mit „Alles könnte anders sein“ einen weiteren Titel des Autors im Verlag S. Fischer zu entdecken, der sich einem aktuellen Thema widmet: dem Fehlen einer tragfähigen und praktikablen Gesellschaftsutopie für unsere an positiven Zukunftsvisionen so armen Gegenwart.

Wir sind alle sehr gut darin, die Zukunft schwarz zu malen: Alles ist furchtbar, der Klimawandel, die Verschmutzung der Weltmeere, die Zerstörung der Natur unseres Planeten, die Verstopfung der Innenstädte durch den Autoverkehr, die Zuwanderung, die Digitalisierung aller Lebensbereiche, Krieg und Krankheiten usw.


Ralph Gleis (Hg.): „Gustave Caillebotte — Maler und Mäzen des Impressionismus“

Im Sommer 2019 lädt die Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin zu einer großen Impressionisten-Schau. Im Mittelpunkt steht eine Person, die weniger bekannt ist als die berühmten Impressionisten Renoir, Manet, Monet, Pissarro, Degas oder Cezanne, und doch war Gustave Caillebotte eine zentrale Figur, die als Mäzen zum einflussreichen Wegbereiter für die Anerkennung des Impressionismus als moderne Kunst in Frankreich wurde und gleichzeitig als impressionistischer Maler eine ganze Reihe von bedeutenden Werken schuf, die uns heute durch ihre Komposition und Motivauswahl beeindrucken.

Der Alten Nationalgalerie in Berlin ist es gelungen, Caillebottes vielleicht bekanntestes Bild — „Rue de Paris, temps de pluie“ (Straße in Paris, Regenwetter) von 1877 — als Leihgabe vom Art Institute of Chicago für diese Ausstellung zu entleihen. Um dieses Bild herum wird die Ausstellung mit Bildern der französischen Impressionisten aus der umfangreichen Sammlung der Nationalgalerie gestaltet, die in direkter Beziehung zu Caillebotte standen.


Katharina Grätz: „Alles kommt auf die Beleuchtung an — Theodor Fontane – Leben und Werk“

Im Fontanejahr 2019 hat man den Eindruck, dass der gütige alte Herr, unser „Wanderer durch die Mark Brandenburg“, der „bedeutendste Vertreter des Bürgerlichen Realismus“, Theodor Fontane nicht nur als Projektionsfläche für die kollektive Sehnsucht nach einer vermeintlich guten alten Zeit herhalten muss, sondern auch groß angelegten marktstrategischen Prozeduren unterworfen wird, die sein Leben und Werk in allen nur erdenklichen Formaten einem möglichst breiten Publikum zur Verkostung präsentiert werden soll.

Mit anderen Worten ist der Buchmarkt voll von mehr oder weniger brillanten Biografien und zahlreichen Neuausgaben seiner literarischen Werke, nicht selten auch in Form von neuen monographischen Anthologien zu den unterschiedlichsten Oberbegriffen. Doch neben all diesen ausufernden und für den laienhaften (nicht-wissenschaftlichen) Leser in ihrer Ausführlichkeit kaum interessanten, sondern in eher überfordernden Publikationen, gibt es noch einige „Perlen“, die der besonderen Erwähnung wert sind. Eine solche Perle ist die jüngst im Reclam-Verlag publizierte, kleine Biografie von Katharina Grätz, die als Taschenbuch erschienen ist.


Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“

An Robinson Crusoe kommt niemand vorbei. Die Geschichte des Schiffbrüchigen, der sich auf einer (fast) einsamen Insel nach und nach seine eigene kleine Welt aufbaut, dürfte jeder von uns als Kind oder Jugendlicher gelesen haben. Defoes „Robinson“ gehört zum festen Kanon der Kinder- und Jugendliteratur, wie „Die Schatzinsel“, „In 80 Tagen um die Welt“, „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ oder „Huckleberry Finn“.

Man kann diesen Roman lesen wie eine Abenteuergeschichte; aber man kann ihn auch als Erwachsener aus seinem kultur- und geistesgeschichtlichen Kontext heraus lesen.


Peter Graf (Hg:): „Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch“

Was die Gebrüder Grimm im Jahre 1838 begonnen hatten, fand erst 1961 mit Band 32 abgeschlossen; darin zeugen ca. 320.000 Stichwörter auf 34.824 Seiten von einem geradezu unfassbaren Sprachreichtum. Das „Deutsche Wörterbuch“ war ein Mammut-Unternehmen, und es finden sich darin eine Menge ungehobener Schätze. Nur zum Vergleich: Der aktuelle Duden bringt es lediglich auf 145.000 Stichwörter, also nicht einmal die Hälfte …

Wenn wir von den ungehobenen Schätzen sprechen: Was finden sich nicht alles für Sprachperlen in diesem Wörterbuch! — Hier eine zufällige Auswahl: „durchmausern“, „Krummhälserarbeit“, „Dienstflucht“, „blumenglücklich“, „Leseesel“, „stiegelfitzisch“, „dilledelle“, „bämmeln“ oder auch „schlafdürmelich“ usw. usw.


Titus Müller: „Einfach mal spazieren gehen“

Während der Lektüre dieses schönen kleinen Buches passiert etwas Eigenartiges: Der Leser wird zunächst durch den feinsinnigen Stil und den ruhigen Sprachduktus regelrecht entschleunigt: Das Alltagstempo fällt von ihm ab und er kommt zur Ruhe. Dann jedoch bemerkt er an sich eine Veränderung: Zunächst nur klein und unscheinbar, meldet sich eine innere Stimme, die den Wunsch nach Bewegung artikuliert.

Während wir täglich durch unser Leben hasten, getrieben von Terminen und Deadlines — also von Linien des Todes —, nehmen wir längst keine Notiz mehr von der Welt, die uns umgibt. Sind wir mal durch den stockenden Verkehr zu Wartezeiten verdammt, so geht der Blick in der Regel nach unten, aufs Smartphone, und eben nicht nach vorne.


Leïla Slimani: „Warum so viel Hass? — Essays“

In Frankreich ist Leïla Slimani längst zu einer festen Größe im kulturellen Leben und zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen der Intellektuellen in Frankreich avanciert; in Deutschland hingegen ist sie immer noch vielen Lesern unbekannt. Bestenfalls ihre beiden Romane „All das zu verlieren“ und „Dann schlaf´ auch Du“ (für den Slimani den begehrten Prix Goncourt erhielt) haben hierzulande für Aufsehen gesorgt. In dem einen Roman geht es um die Sexsucht der Protagonistin, im zweiten um Kindsmord, in beiden Fällen also geht es um starke Gefühle und um die Abgründe der menschlichen Psyche, um die emotionale Abhängigkeit und Verlorenheit der Romanfiguren.


Hans Hütt: „Die 50er — Ein Jahrzehnt in Wörtern“ / „Die 60er — Ein Jahrzehnt in Wörtern“

Womit hat man sich in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt? Was prägte den Alltag der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit und das Leben in der DDR zu jener Zeit? Der Journalist Hans Hütt hat in seiner neuen Buchreihe, die passenderweise im Duden-Verlag erscheint, vor allem einen genauen Blick auf eine Reihe von Begriffen geworfen, die seinerzeit zum alltäglich und allgegenwärtig waren, heute jedoch bei vielen älteren Lesern so manche Assoziationen und teilweise cverschüttete Erinnerungen zu wecken in der Lage sind.

Die kleinen Büchlein (jeweils nur 128 Seiten dick und durch zahlreiche Illustrationen aufgelockert) lesen sich wunderbar leicht und bieten einen anregenden Einblick in eine längst vergangenen Alltagswelt. Kurz gesagt: viel Lesespaß für wenig Geld!


Hans-Dieter Rutsch: „Der Wanderer — Das Leben des Theodor Fontane“

Die vorliegende Fontane-Biografie von Hans-Dieter Rutsch geht einen anderen, aber sehr interessanten Weg als die meisten Biografien, die zum Fontane-Jahr 2019 erschienen sind. „Der Wanderer“ nimmt den Leser mit auf eine Wanderung durch das Leben von Theodor Fontane. Doch was genau soll man darunter verstehen?

Theodor Fontane wird noch heute — wie schon in seinen letzten Lebensjahrzehnten — nicht nur als erfolgreicher Schriftsteller des Bürgerlichen Realismus und als solcher vor allem mit seinen Gesellschaftsromanen aus dem Berlin des 19. Jahrhunderts assoziiert, sondern vor allem als der Autor der berühmten „Wanderungen“ durch die Mark Brandenburg. Zwar ist diese Verkürzung auf das Wanderungen-Projekt nicht grundsätzlich falsch, bleibt aber eben doch eine starke und somit dem vielseitigen Künstler, Journalisten, Kritiker und Menschen Fontane nicht im Ansatz gerecht.


Günther Rüther: „Theodor Fontane — Aufklärer – Kritiker – Schriftsteller“

Wem die im Fontane-Jahr 2019 neu erschienenen „großen“ Biografien zu wuchtig sind und wer es lieber praktisch und kompakt mag, für den ist vielleicht das in der Weimarer Verlagsgesellschaft erschienene Buch von Günther Rüther interessant.

Der Politikwissenschaftler Dr. Günther Rüther, Jahrgang 1948, war bis 2014 Leiter der Abteilung Begabtenförderung und Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung und lehrt als Honorarprofessor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Sein Fontane-Buch ist eine 176 Seiten starke und reich illustrierte Biografie des großen „Aufklärers, Kritikers und Schriftstellers“, wie der Untertitel dieses Buches lautet. Für den Politikwissenschaftler ist naturgemäß die politische Entwicklung Fontanes von besonderem Interesse, und in der Tat war Fontanes politischer Weg alles Andere als gradlinig.


Iwan-Michelangelo D´Aprile: „Fontane — Ein Jahrhundert in Bewegung“

Im Fontane-Jahr 2019 wird der Buchmarkt anlässlich des 200. Geburtstags Theodor Fontanes mit einer ganzen Reihe von Biografien geflutet. Viele sind hervorragend geschrieben, entsprechen den hohen Anforderungen des heutigen Lesepublikums an den Biografen und gewähren einen mehr als umfassenden Einblick in das Leben und Werk Fontanes.

Doch eine Biografie sticht aus der Menge heraus und überstrahlt sie alle: die Biografie des Berliner Literaturwissenschaftlers und Historikers Iwan-Michelangelo D´Aprile. Die Gründe für diese Sonderstellung sind schnell benannt: Zum einen gelingt es D´Aprile, das Leben und Wirken Fontanes nicht einfach nur in chronologischer Abfolge der wichtigsten Stationen isoliert zu beschrieben, sondern es in den tiefgreifenden Umwälzungsprozess einzubetten, in den alle gesellschaftlichen Teilbereiche im Laufe des 19. Jahrhunderts einbezogen waren; zum anderen hebt sich der Autor durch die Schönheit seiner Sprache und die Klarheit seiner Formulierungen vom Gros der anderen Biografen ab.


Hans Dieter Zimmermann: „Theodor Fontane — Der Romancier Preußens“

Fontane ist 2019 in aller Munde: der Grand Seigneur aus Neuruppin, der große Romancier Preußen, einer der bedeutendsten Vertreter des Bürgerlichen Realismus, Zeitzeuge und Akteur des 19. Jahrhunderts, Apotheker und Bestseller-Autor, Revolutionär und Korrespondent im preußischen Staatsdienst, Freidenker und Artikelschreiber für die erzkonservative Kreuz-Zeitung, Frauenversteher und Familienmensch, Europäer und Preuße.

So vielschichtig wie das 19. Jahrhundert, so lebendig und abwechslungsreich verlief auch das Leben von Theodor Fontane. Die biografischen Eckdaten sind weithin bekannt; die Frage ist, was Biografen aus Anlass des 200. Geburtstags des großen Romanciers am Ende des Jahres 2019 daraus machen. Zimmermanns Fontane-Buch ist insofern eine rühmliche Ausnahme, als sich nicht nur mit dem Oberflächlichen begnügt, sondern keine Mühen scheut, tief in den Archiven gräbt und auf diesem Weg zu einem stimmigen Gesamtbild kommt. So präsentiert sich dem Leser eine ungeheuer dichte und komplexe Lebensbeschreibung, die bei allem Detailreichtum nicht erdrückend wird.